Querschnittslähmung: Rückenmarksstimulation wirkt

02.11.2018

Schwere Rückenmarksverletzungen führen zu Bewegungsstörungen bis hin zur kompletten Lähmung der Beine. Schweizer Wissenschaftler zeigen jetzt, dass Patienten nach einigen Monaten Training ihre zuvor gelähmten Beinmuskeln auch ohne elektrische Stimulation wieder kontrollieren konnten. Sie hatten vor mehreren Jahren Verletzungen des Halswirbels erlitten.

Die Veröffentlichungen zur Rehabilitation von Patienten mit Querschnittslähmung durch elektrische Impulse häufen sich. Grégoire Courtine und Jocelyne Bloch arbeiten wie viele ihrer Kollegen ebenfalls mit der epiduralen Elektrostimulation. Über einen Elektroden-Chip auf der Dura des lumbalen Rückenmarks reizen sie Nervenbahnen. Dieses Verfahren passten Courtine und Bloch so an, dass elektrischen Impulse räumlich und zeitlich mit den Bewegungsmustern ihrer Studienteilnehmer übereinstimmten. 

Effekt auch nach Ende der Elektrostimulation

Während der Rehabilitation konnten die drei Probanden mit Hilfe einer gezielten Elektrostimulation und einer intelligenten Körpergewichtsunterstützung über mehr als einen Kilometer ohne Hilfe laufen. Außerdem zeigten sie keine Ermüdung ihrer Beinmuskeln. Längeren, intensive Trainingseinheiten erwiesen sich als entscheidend für die Auslösung der aktivitätsabhängigen Plastizität, also der Fähigkeit unseres Nervensystems, Fasern zu reorganisieren. Im Unterschied zu älteren Studien blieben neurologische Funktionen auch nach dem Training erhalten bleibt, falls die elektrische Stimulation ausgeschaltet wurde. 

Weit von der Therapie entfernt

„Die vorgestellte Studie ist ein interessanter Beitrag zur internationalen Forschung, aber von einer alltagstauglichen Therapie noch sehr weit entfernt“, erklärt Prof. Dr. Winfried Mayr gegenüber dem Science Media Center Deutschland. Er forscht am Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der Medizinischen Universität Wien. „Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist die Erkenntnis, dass es nie eine Universallösung für alle Menschen mit Querschnittslähmung geben wird, sondern nur personalisierte Ansätze zu Verbesserungen führen werden.“ Jede Querschnittsverletzung führe zu individuellen Veränderungen in der Bewegungskontrolle. Bestmögliche Therapien könnten nur über detaillierte Analyse der neuen physiologischen Rahmenbedingungen und deren sich spontan oder therapiegestützt über die Zeit entwickelnden Veränderungen geplant und geführt werden. „Dies ist in der vorgestellten Studie berücksichtigt, ist aber auch generell ein immer stärkerer werdender Trend in der Forschung zur Bewegungsrehabilitation“, so Mayr. 

Quellen

Targeted neurotechnology restores walking in humans with spinal cord injury, Nature, Nov. 1st, 2018, https://doi.org/10.1038/s41586-018-0649-2

Electrical spinal cord stimulation must preserve proprioception to enable locomotion in humans with spinal cord injury, Nature Neuroscience, Nov. 1st, 2018, https://doi.org/10.1038/s41593-018-0262-6

 

Bildquelle: © EPFL / Jamani Caillet, Presssebild

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.11.2018.

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Medizin, Neurologie
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