Parkinson: Der Appendix als Risiko

31.10.2018

Einer schwedischen Registerstudie zufolge stehen niedrigere Parkinson-Risiken mit Appendektomien in Verbindung. Die Veröffentlichung überrascht. Um mögliche Hypothesen sind die Autoren nicht verlegen.

Vom Parkinson-Syndrom sind bundesweit schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung lässt sich nur verlangsamen, aber nicht heilen. Umso intensiver suchen Ärzte nach Risikofaktoren. Aktuell wissen wir, dass sich die Erkrankung nicht nur in Form von motorischen Symptomen äußert. Auch der gastrointestinale Bereich ist betroffen. 

Gemeinsame Schnittstelle alpha-Synuclein

Dafür gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Im Gehirn von Parkinson-Patienten häuft sich α-Synuclein an. Es gilt als Vorstufe weiterer Proteine mit toxischem Effekt auf dopaminerge Neurone der Substantia nigra. Allerdings ist α-Synuclein auch in Neuronen des enterischen Nervensystems (des Darmnervensystems) auf. Ältere Studien zeigten, dass hier wohl ein Transport vom Gehirn in den Gastrointestinaltrakt stattfindet. Als Transportmittel leistete der Nervus vagus gute Dienste. Hat die Erkenntnis klinische Relevanz?

Mehr OPs, weniger Parkinson

Diese Frage stellte sich auch Bryan A. Killinger vom Center for Neurodegenerative Science, Van Andel Research Institute, im amerikanischen Grand Rapids. Nur eine OP wird häufig ausgeführt, nämlich die Appendektomie. Deshalb hat Killinger eine Kohorte mit 1,6 Millionen Patienten analysiert. 

Jahrzehnte nach dem Eingriff sank das Risiko, an einem Morbus Parkinson ohne erkennbare Ursache zu erkranken, statistisch signifikant. Bei Menschen ohne Appendektomie waren es 14 von 10.000. Der Wert verringerte sich auf 11 von 10.000 in der Gruppe mit Appendektomie.

Kristallisationskeim im System

Prof. Dr. Heiko Braak vom Universitätsklinikum Ulm hat sich die Arbeit angesehen. „Der pathologische Prozess eines sporadisch auftretenden Morbus Parkinson erfasst Teilbereiche des zentralen, des peripheren und des enterischen Nervensystems“, erklärte er gegenüber dem Science Media Center Deutschland.

Daraus leitet er folgende Hypothese ab: „Ein Faktor aus der Außenwelt könne unter Umständen über die Schleimhaut des Magendarmtraktes auf örtliche Nervenzellen einwirken.“ Das in Zellen vorhandene Synuclein könne wie ein Keim wirken. „Über Äste des Nervus vagus bis in das zentrale Nervensystem verschleppt, könnten diese Keime dann auf nachfolgende Nervenzellen übertragen werden und auf diese Weise den Morbus Parkinson auslösen.“

Noch handelt es sich bei Killingers Arbeit um Assoziationen, nicht um kausale Zusammenhänge. Mehr kann eine Kohortenstudie nicht liefern.

Bildquelle: Newtown grafitti, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.11.2018.

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Medizin, Neurologie
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