Zur Leichenschau in den Keller

30.10.2018

„Wo ist denn meine verstorbene Patientin?“, fragte ich die Schwester. „Na, in Zimmer 6“, sagte die Schwester. „Hm“, sagte ich hieraufhin, denn in Zimmer 6 war ich eigentlich gerade gewesen, zumindest in meiner Vorstellung.

Zur Sicherheit ging ich ein weiteres Mal ins Zimmer sechs, wo mir ein großer Mann freundlich zunickte, während er Dinge in den Schrank räumte.


„Äh. Entschuldigung, ich suche gerade eine andere Patientin“, sagte ich und ging zurück zur Schwester, um meine Frage zu wiederholen: „Wo ist meine verstorbene Patientin, die Frau Meseli? Ich muss doch noch die zweite Leichenschau machen.“

„Na, wenn sie nicht in Zimmer 6 ist, dann weiß ich das auch nicht“, erklärte die Schwester wenig hilfreich.

Ich beschloss in der Prosektur nachzufragen, denn schon einmal hatte man mir vor der zweiten Leichenschau einen Patienten vorzeitig dorthin entführt. Nur, dass es damals mitten in der Nacht gewesen war und ich um drei Uhr morgens von der Pforte den Generalschlüssel leihen musste, um im Anschluss alleine durch den Keller des Krankenhauses zu irren, durch mehrere verschlossene Türen hindurch, bis in einen gekachelten Raum der Prosektur. Dort stand in der Mitte des Raumes ein einsames Bett, welches mit einem großen Laken verhüllt war (worunter sich der verstorbene Patient befand). Dies war prinzipiell etwas gruslig gewesen, aber immerhin wusste ich seitdem den Weg zur Prosektur.

„Ah, hallo“, sagte die Prosekturdame freundlich. Sie habe sich schon gewundert, meine Patientin Frau Meseli wäre tatsächlich hier angekommen und man habe den Totenschein vermisst.

Naja, kein Wunder, denn diesen hielt ich ja noch fest umklammert, es fehlte immerhin noch die zweite Leichenschau. Bezüglich solcher Dinge bin ich immer sehr paranoid.

Meine Patientin war auch schon in eine dieser Pathologenschubladen eingeordnet worden und die Prosekturdame musste sie nun erstmal wieder für mich auf einer Trage herausfahren.

Vorsichtig entfernte ich das weiße Tuch, mit dem Frau Meseli bedeckt worden war. Friedlich und blass lag sie vor mir, die grauen Haare waren zu einem ordentlichen Zopf geflochten worden, die krumpelige Krankenhaushemdbekleidung war schon entfernt.

Dann fiel mein Blick auf das Ende der Trage: Zwei geringelten Wollsocken prangten noch fröhlich an den Füßen von Frau Meseli und zerstörten das trist-grau-blasse Gesamtbild. Und das machte meinen Tag gleich viel besser.

m_1540884663.jpg

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.11.2018.

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Medizin, Innere Medizin
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Manchmal braucht man die kleinen Details um den Tag ein bisschen heller erscheinen zu lassen. Sehr schöner Beitrag.
#16 vor 5 Tagen von Nin B. (Arzt)
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Nicht nur die Quantität der Leichenschau spielt eine Rolle sondern auch die Qualität. Es reicht nicht festzustellen, dass in der Leiche kein Messer steckt. Eine solche Leichenschau ist z.B. in Pflegeheimen nicht selten.
#15 vor 17 Tagen von Dr. Bertram Staudenmaier (Medizinphysiker)
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Nicht nur in Bayern gibt es aber auch den Sonderfall einer "VORLÄUFIGEN TODESBESCHEINIGUNG" mit nachfolgender 2. Leichenschau: Nach § 3 Abs. 4 Bayerische Bestattungsverordnung kann sich die Ärztin/der Arzt auf die Ausstellung dieser vorläufigen Todesbescheinigung nur dann beschränken, wenn sie/er für die Behandlung von Notfällen eingeteilt ist (Notärztin/Notarzt, Notfallärztin/Notfallarzt), die verstor- bene Person vorher nicht behandelt hat und sichergestellt ist, dass die/der behandelnde Ärztin/Arzt oder eine/ein andere/r Ärztin/Arzt die noch fehlenden Feststellungen treffen wird. Die/Der die vorläufige Todesbescheinigung ausstellende Ärztin/Arzt sollte die Person, die die Leichenschau veranlasst hat darauf hinweisen, unverzüglich eine/n weitere/n Ärztin/Arzt zur Vornahme der vollständigen Leichenschau zu benachrichtigen..." https://www.google.de/url?sa=t&source=web&rct=j&url=http://www.blaek.de/pdf_rechtliches/extra/todesbe.pdf Es ist höchst kompliziert!
#14 vor 18 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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In der Landeshauptstadt München gibt es nach Auskunft von OA Prof. Dr. med. Oliver Peschel an der Ludwig Maximilian Universität (LMU) München in allen unklaren Fällen eine qualifizierte Leichenschau als Konsiliardienst (pers. Mitteilung).
#13 vor 18 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Das Bundesland "Bremen führt[e] zum 1. August 2017 die qualifizierte Leichenschau ein. Die Bremische Bürgerschaft hat dazu das Gesetz über das Leichenwesen erlassen. Bremen ist das erste Bundesland, das nach mehrjährigen zum Teil kontroversen Debatten unter Beteiligung der Justizministerkonferenz und zahlreicher Institutionen nunmehr eine qualifizierte Leichenschau vorschreibt. Wesentlicher Grund für das nun vorliegende Gesetz ist die Erkenntnis, dass die Qualität der Leichenschau grundsätzlich verbessert werden muss. Kernstücke des Gesetzes über das Leichenwesen sind die Trennung zwischen Todesfeststellung in §§ 3 und 5 und der Einführung einer qualifizierten Leichenschau in § 8. Zukünftig wird jede im Land Bremen verstorbene Person nach Feststellung des Todes einer Leichenschau durch einen besonders qualifizierten Leichenschauarzt oder eine besonders qualifizierten Leichenschauärztin unterzogen..." https://www.kvhb.de/bremen-fuehrt-qualifizierte-leichenschau-ein
#12 vor 18 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
"Vorschrift der zweiten Leichenschau bei einer Feuerbestattung Die Regelungen zu Feuerbestattungen sind in meist sehr einheitlich gefasst. Ein großer Unterscheidungspunkt zwischen den Bundesländern gibt es in der Vorschrift der zweiten Leichenschau. Die Leichenschau muss vor jeder Bestattung, also auch vor einer Erdbestattung, erfolgen und soll der zweifelsfreien Feststellung des Todes dienen. Bei einer Feuerbestattung wird von den meisten Bundesländern im Rahmen der Bestattungsgesetzte eine zweite Leichschau verlangt. Als Grund für diese Untersuchung wird angegeben, dass nach der Einäscherung spätere menschliche Merkmale nicht mehr existent sind, und so eine spätere Identifikation des Verstorbenen nahezu unmöglich beziehungsweise mit großem Aufwand verbunden ist. Einzig im Bundesland Bayern ist die zweite Leichenschau derzeit nicht in den Bestattungsgesetzen festgeschrieben. Die zweite Leichenschau findet in der Regel direkt vor der Einäscherung in einem Krematorium statt." http://www.feuerbestattungen.de/feuerbestattung/vorschriften.html
#11 vor 18 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Es gibt Krankenhäuser in denen die hauseigene SOP zwei Leichenschauen vorsieht. Stirbt in einer Klinik ein Patient ohne Versuch einer Reanimation (da z.B. palliativ, final, Patientenverfügung etc.) so stellt ein Arzt/eine Ärztin zunächst den Tod, d.h. das Fehlen von Vitalzeichen fest. Erst meist 2 Stunden später findet die eigentliche Leichenschau statt, bei der das Vorliegen sicherer Todeszeichen dokumentiert wird. Dies war evtl. im vorliegenden Artikel gemeint. Eine tatsächliche zweite Leichenschau ist in einigen Bundesländern vor einer Feuerbestattung gesetzlich vorgeschrieben. Sie findet dann meist im Krematorium oder der Leichenhalle des Bestatters statt und darf nur durch eine/n vom Gesundheitsamt ermächtigte/n Pathologin/en oder Rechtsmediziner/in durchgeführt werden.
#10 vor 18 Tagen von Mario Falk-Hollstein (Arzt)
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In Bayern gibt es die zweite Leichenschau vor dem Verbrennen nicht.
#9 vor 18 Tagen von Dr. Bertram Staudenmaier (Medizinphysiker)
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Gasst
Wirklich verwunderlich,warum die Patienten so verroht sind heutzutage.Bei dieser Berufseinstellung des Leistungserbringers
#8 vor 18 Tagen von Gasst (Arzt)
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Gast
Da der/die Autor/in das in Deutschland kaum genutzte Wort "Prosektur" benutzt, wird es sich wahrscheinlich um eine/n Autor/in aus Österreich handeln. Deshalb wahrscheinlich die praktischen Unterschiede im beschriebenen Fall (2.Totenschau und dann erst Ausstellung des Totenscheins) und der Praxis in Deutschland (Ausstellung Totenschein bereits nach erster Totenschau durch Hausarzt möglich).
#7 vor 18 Tagen von Gast (Apothekerin)
  6
"... vor jeder Einäscherung [ist die] gesetzlich vorgeschriebene, zweite Leichenschau durchzuführen. Die erste erledigt meist der Hausarzt oder ein Krankenhausarzt direkt nach dem Ableben und er stellt dabei den Totenschein aus..." https://www.deutschlandfunk.de/leichenschau-ein-gesetzlich-geregelter-akt.709.de.html?dram:article_id=240178 "... Mit der Einäscherung werden auch alle Spuren eines möglichen kriminellen Delikts für immer vernichtet. Genau deshalb ist die zweite Leichenschau hierzulande Pflicht. Amtsarzt Metzner muss dabei die Identität des Toten noch einmal prüfen. Und dann die Leiche untersuchen. Gibt es Hinweise auf eine nicht-natürliche oder ungeklärte Todesursache? Oder sogar auf Fremdeinwirkung?"
#6 vor 19 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Zweite Leichenschau? Wofür soll die sein? Nach meinen Informationen ist die zweite Leichenschau in keiner gesetzlichen Regelung vorhanden, warum wird sie (in vielen Krankenhäusern?) noch immer durchgeführt? Sollten meine Informationen falsch sein, dann lasse ich mich gerne mit den entsprechenden Textstellen des Gesetzes belehren.
#5 vor 19 Tagen von Dieter Wiedemann (Anästhesiepfleger)
  41
Manchmal sind Doccheckbeiträge/-Bilder geschmackloser als die Bildzeitung!
#4 vor 19 Tagen von Eva Kurzweil (Heilpraktikerin)
  128
Hamburger Deern
Ich werde auch Ringelsocken anziehen, wenn ich mal sterbe, denn es scheint positiv auf die Stimmung der Helfer zu wirken - versprochen.
#3 vor 19 Tagen von Hamburger Deern (Nichtmedizinische Berufe)
  4
Da spaltet sich die Gefühlswelt ........ Warum wird der/die Autor / Autorin hier nicht angegeben ???? Ein wenig geschmacklos und unsensiebel dieser Artikel.
#2 vor 19 Tagen von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  122
Gast
Wieder tolles Bild!
#1 vor 19 Tagen von Gast (Ärztin)
  8
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