Unersetzliche Kollegen

22.10.2018

Jeden Tag sehe ich schwerverletzte Patienten, Patienten mit Schmerzen und Patienten, die verzweifelt sind. Aber heute fällt es mir schwer, die Distanz zu bewahren. Die Patientin ist 16 Jahre alt. Ihre Arme sind mit Narben übersät. Dieses Mal müssen ihre Wunden am Bein versorgt werden.

Sie ist ein schwarz gekleidetes Häufchen Elend, das nicht mit mir spricht. Eingepackt in einen dicken Pullover, lange Hosen, der Blick ist auf den Boden gesenkt.

Sie sitzt nun das dritte Mal in meiner Notaufnahme. Vor vier Wochen habe ich sie zum erste Mal gesehen. Auch bei den Kollegen ist sie schon vorstellig geworden. Ihre Unterarme und die Innenseiten der Oberarme sind reine Narbenplatten. An mehreren Stellen verbunden, verplastert und genäht. Die Wunden heilen primär, viele sekundär.

Heute ist es der Oberschenkel. Frischere und ältere Wunden. Eine sehr tiefe, die ich nähen muss. Die Stimmung, die von der Patientin ausgeht, ist düster. Kontakt zu ihr aufzunehmen, ist schwierig. Meist erhalte ich Informationen von ihren begleitenden Betreuern der Psychiatrie.

Auch der andere Oberschenkel ist betroffen. Das 16-jährige Mädchen hat kaum mehr unverletzte Haut an ihrem Körper. Es fällt mir schwer, meine Emotionen zurückzuhalten. Trauer, Wut, Verzweiflung, Mitleid, Erschrecken, Resignation. Nur der Arbeitsalltag und die Erfahrung lehrt mich, Distanz zu bewahren. Wir versorgen sie, so gut wir können.

Ich gestehe, dass ich froh bin, mich nur um die äußeren Verletzungen kümmern zu müssen. Danke für eure Arbeit, liebe Psychologen und Psychiater.

 

Bildquelle: Miguel Vaca, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.10.2018.

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Medizin, Chirurgie, Psychiatrie
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Aufgrund von chronischen Schmerzen geht's mir psychisch auch nicht wirklich gut. Es ist ein stetiges auf u ab... Dazu geführt haben neben den chronische Schmerzen, noch weitere Diagnosen, die offenbar seit frühester Kindheit bestehen u nie jemand gesehen oder festgestellt hat. Dies trotz mehreren Terminen bei Psychologen resp Psychiater... Ich bin dankbar, dass ich nun seit anfangs Februar an die richtige Psychotherapeutin geraten bin, die mir hilft all das aufzuarbeiten u auch primär zu verstehen... Tiefe Wunden sind in meiner Seele u durch den momentanem gesundheitlichen Zustand noch schwerer... Danke... Danke... Danke...
#4 am 26.10.2018 von Sibylle Marion Zust (Rettungssanitäterin)
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Ich finde diesen Austausch hier einfach toll. Noch nicht einmal 5 Minuten registriert und sofort fühlt man sich, als würde einen der Alltag auch hier treffen. Immer wieder eine enorme Herausforderung mit psychisch erkrankten, gerade jungen, Menschen umzugehen. Meinen tiefsten Respekt und Dank an alle Psychologen, Seelsorger und Menschen, die sich kümmern.
#3 am 25.10.2018 (editiert) von Paul Schmidt (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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ielen Dank für den Dank! Ich habe einige Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten, das ist ja meist nur ein Symptom für eine tieferliegende Störung und brauch ambulant oft lange Zeit, ehe sich was verändert. Stationär kann nur "abschnittweise" erfolgen, die lange kontinuierliche Behandlung und Anbindung macht mehr Sinn. Und gerade bei Jugendlichen haben die Eltern (Erziehung/Begleitung) oft einiges mit verursacht (wobei Schuldvorwürfe kontraindiziert sind!). Es ist keine leichte Behandlung, geht oft nicht schnell und es gibt immer wieder Rückfälle. Es ist ein schweres Krankheitsbild. Und ich kenne viele Patioenten, die nach Therapie (stationär und ambulant) ein gutes und zufriedenes Leben wieder führen!
#2 am 25.10.2018 von Cornelius Voigt (Psychotherapeut)
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Gästin
"Ich gestehe, dass ich froh bin, mich nur um die äußeren Verletzungen kümmern zu müssen. Danke für eure Arbeit, liebe Psychologen und Psychiater." Ich will niemandem zu nahe treten, aber so dolle scheint es ja nicht zu laufen mit der seelischen Hilfe..... Ich kenne eigentlich niemanden, der nach Psychiatrieaufenthalten wieder ein zufriedenes Leben führt, im Gegensatz zu Aufenthalten in psychosomatischen Kliniken.
#1 am 25.10.2018 von Gästin (Nichtmedizinische Berufe)
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