Von Ärzten, die nicht loslassen können

16.10.2018

Vor einiger Zeit war eine alte Dame bei uns, die viele verschiedene Erkrankungen mitbrachte. Auch einige Krebsdiagnosen. Die Patientin war schon 80 Jahre alt. Und dennoch: Einige Kollegen fanden, dass man den neuesten Tumor in einem stundenlangen Eingriff operieren könne.

Je nach Altersgruppe könnt ihr euch jetzt zwischen zwei Einleitungen entscheiden. Fühlt ihr euch eher von „Let it go“ oder „Let it be“ angesprochen? Wenn ihr gleichzeitig Disney- und Beatlesfans seid, dann lest doch beide.

Einleitung Nummer 1/Let it be: Nachdem ich großer Beatlesfan bin, so ziemlich alle Liedtexte auswendig kann, vor kurzem glückselig über die Pennylane spaziert bin und auch an meiner Hochzeit ein Song der Fab Four gespielt wurde, musste ich mir natürlich auch die Carpool-Karaoke-Folge mit Paul McCartney ansehen. Er erklärt dort den Ursprung des Liedes „Let it be“. Seine Mutter starb, als er noch ein Teenie war und eines Tages erschien sie ihm im Traum und versicherte ihrem Sohn, dass alles gut werden würde. Sie sprach also zu ihm, let it be, und daraufhin schrieb er das Lied. (Ich hatte Tränen in den Augen, als er das vor der Kamera erzählte.)

Einleitung Nummer 2: Ja, ich bin erwachsen. Ja, ich bin mit Disneyfilmen aufgewachsen. Ja, sie vermitteln oft ein komisches Frauen- und Männerbild. Frozen ist zwar keiner der klassischen alten Disneyfilm wie Bambi oder Dumbo, aber trotzdem: Letztens liege ich um 3 Uhr in der Früh schlaflos im Bett und denke, dass ich mir doch Frozen ansehen könnte. Die Eiskönigin singt in der zweiten Hälfte des Filmes „Let it go. Turn away and slam the door …“

Die Patientin war sehr krank

Nun denn, was haben also die Beatles und Königin Elsa mit einem Medizinblog zu tun?

Bei uns lag vor ein paar Monaten eine alte Dame. Mit alt meine ich, dass sie über 80 war. Ihre Diagnoseliste war länger als die Liste der Number-eins-Hits der Beatles. Wirklich ewig lang. Zusätzlich zu arterieller Hypertonie, Diabetes, Status post CVI, Kardiomyopathie, Dyslipidämie, Vorhofflimmern, Osteoporose und so weiter und so fort gesellten sich noch sage und schreibe vier verschiedene Krebsdiagnosen. Alle im Abstand von einigen Jahren diagnostiziert.

Nun dachten sich einige Herrschaften, dass die Frau trotz des Alters und der mehr oder minder großen Nebenbaustellen ja doch noch ganz fit sei und man den neuen Tumor doch rausoperieren könne. Die Dame war überzeugt, ihre Angehörigen auch und so ging die Operation gut über die Bühne – oder den Tisch. Aber wie so oft scheitert es bei heiklen Operationen nicht an der Operation selbst, sondern an der Zeit danach. Hält der vorbelastete Körper die Narkose und den stundenlangen Eingriff aus?

Von der Intensivstation auf die Normalstation und zurück

So wanderte die Patientin vom Aufwachraum auf die Intensivstation, auf die Normalstation, wieder auf die Intensivstation und so ging das Spiel über mehrere Tage und Wochen. Irgendwann musste sie aufgrund einer respiratorischen Dekompensation erneut intubiert werden und deshalb standen irgendwann viele Menschen um ihr Bett.

Die Pflege war frustriert, manche Ärzte auch, aber einige dachten immer noch an, ähm, ein Wunder? Oder an die Genesung?

Und dann waren da noch die sehr, sehr fordernden Angehörigen: Aber vorher sei es ihr doch so gut gegangen. Sie musste zwar 100 Tabletten am Tag schlucken und war dauernd in der Hausarztpraxis, aber so wie es die Kinder schilderten, lebte sie vor dem einen bösen Eingriff das Leben einer 20-Jährigen.

Ich verstehe den Schmerz. Das Nicht-Loslassen-wollen und -können. Die Trauer, die Angst. Die Verzweiflung. Aber irgendwann stand ich neben den Angehörigen und dachte mir: Let it go. Let it be.

Bildquelle: Spirit-Fire, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.10.2018.

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Gast
Das sind immer ganz schwierige Entscheidungen (OP versus let-it-be)! Niemand kann hellsehen und niemand kann wissen, wie lange die alte Dame mit welcher Lebensqualität (und das ist m.E. das Entscheidende!) noch durchgehalten hätte ohne OP. Und als Angehöriger kann einen schon das Gewissen plagen, wenn man zu einer Maßnahme geraten hat, die dann keinen guten Ausgang nimmt.....Genausogut hätte sie sich aber auch ad hoc vom Allgemeinzustand so schnell verschlechtern können, dass eine OP nicht mehr möglich gewesen wäre und dann hätte man sich ggf. andersherum Vorwürfe gemacht, dass man nicht früher und damit rechtzeitig den Mut dazu aufgebracht hat.
#4 vor 33 Tagen von Gast (Ärztin)
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An Peter Bräuer, Kommentar Nummer 1: Lesen Sie bitte nochmals den letzten Absatz. "Ich verstehe den Schmerz. Das Nicht-Loslassen-wollen und -können. Die Trauer, die Angst. Die Verzweiflung.". Ich war betroffen und Angehörige. Ich schreibe diese Sätze nicht leicht oder ohne Empathie. Weder als direkt betroffene Person, noch als Ärztin. Und ja: am Begräbnis wurden die Beatles gespielt. Freundliche Grüsse, die Menschenhandwerkerin.
#3 vor 34 Tagen (editiert) von Dr. med. Menschen Handwerkerin (Studentin der Humanmedizin)
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Immer wieder erlebt man ja: Aber sie/er war doch noch ganz gesund! Wenn es sich im Krankenhaus dann "plötzlich" herausstellt dass es lebensbedrohlich ist. Und sie/er war das natürlich nicht, man hat nur lange genug vieles ignoriert, bis es dann irgendwann doch soweit war dass man nicht mehr wegschauen kann, und dann sind die Leute schuld die es einem "unter die Nase halten". Wobei es natürlich auch immer individuell ist was man eben noch "machen" sollte und was nicht, und da ist sicher in der Medizin in Deutschland auch oft viel Verbesserungspotential.
#2 vor 34 Tagen von Sonja Kupfer (Studentin der Humanmedizin)
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Als nicht Betroffener, respektive nicht Angehöriger sagt sich das immer leicht. Ich wünsche Ihnen _nicht_, einmal in diese Lage zu kommen. Oder summen Sie dann immer noch gedanklich - leichten Mutes - die Beatles? Auch als Menschenhandwerker sollte man die Empathie nicht verlieren. Auch nicht am Sterbebett einer über 80jährigen, multimorbiden Patientin - die im besten Fall ihr Leben gut und erfüllt gelebt hat.
#1 vor 34 Tagen von Peter Bräuer (Student der Humanmedizin)
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