Causa obscura: Falsches Bauchgefühl

04.10.2018

Die Ärzte sind schockiert über den Zustand einer 15-jährigen Patientin. Sie muss sich ständig übergeben, ist extrem abgemagert und kraftlos. Weil das Mädchen Probleme im sozialen und schulischen Bereich hat, tippen sie zunächst auf ein psychisches Leiden.

Eine 15-Jährige stellt sich in einer Universitätsklinik vor, weil sie sich ständig übergeben muss. Ihr Erscheinungsbild schockiert die Ärzte: Die Schülerin ist extrem dünn und blass. Ihr BMI beträgt nur 13,5. Man fragt sich, wieso das Kind nicht längst wegen des Untergewichts in Behandlung ist?

Die Ärzte durchleuchten die Krankenakte der Patientin. Vor einem Jahr ist sie bereits wegen Bauchschmerzen beim Hausarzt vorstellig geworden. Dort erzählte das Mädchen Problemen im sozialen und schulischen Bereich. Außerdem gab sie an, zu ihrem Vater kein gutes Verhältnis zu haben. Der Hausarzt diagnostizierte aufgrund der psychischen Verfassung des Mädchens Anorexia nervosa. Weiterführende Untersuchungen oder Behandlungsmaßnahmen wurden aber offenbar nicht eingeleitet.

Der Hausarzt findet nichts

Erst als sich die Bauchschmerzen vor wenigen Wochen verschlimmerten und sie zudem an Verstopfung und gelegentlichem Erbrechen litt, untersuchte der Hausarzt sie erneut. Ein Bluttest, ein Röntgen-Thorax und eine Abdomen-Sonographie blieben dabei aber unauffällig.

In der Klinik stellt sich beim Gespräch mit dem Mädchen heraus, dass sie im letzten Jahr insgesamt 10 kg Gewicht verloren hat. Das entspricht 25 Prozent ihres Körpergewichts. Bei der Frage nach der Familienanamnese erzählt das Mädchen, dass ihr Großvater vor fünf Jahren an einem Kolonkarzinom gestorben sei. Das lenkt den Verdacht der Ärzte in eine neue Richtung.

Bei einem erneuten Bluttest fällt schwere Hypalbuminämie (14 g/l) und Hypokalzämie (76 mg/l) auf. Röntgenaufnahmen des Abdomens zeigen vergrößerte Darmschlingen, die auf einen Darmverschluss hindeuteten. Ein Abdomen-CT gibt schließlich den entscheidenden Hinweis, woran das Mädchen wirklich leidet.

Verdächtige Masse

Das CT zeigt eine verdächtige Masse am Colon transversum. Eine Biopsie bestätigt den Verdacht der Ärzte. Sie finden ein 7,5 cm großes, gut differenziertes Lieberkühn-Adenokarzinom des Colon transversum, das in die gesamte Kolonwand eindringt und bis zum Peritoneum reicht. Metastasen können die Ärzte glücklicherweise nirgens nachweisen.

Kolonkarzinome sind bei jungen Menschen äußerst selten, treten aber im Zuge des Lynch-Syndroms häufig auf. Dabei handelt es sich um eine autosomal-dominant vererbte Erkrankung, die mit frühzeitig auftretenden, kolorektalen Karzinomen und gegebenenfalls weiteren Tumorerkrankungen einhergeht. Eine molekulargenetische Analyse bestätigt die Diagnose Lynch-Syndrom.

Die Patientin wird zunächst einen Monat lang unterstützend parenteral ernährt, damit sie wieder zu Kräften kommt. Anschließend folgt eine sechsmonatige Chemotherapie mit Fluorouracil und Oxaliplatin. Drei Jahre nach der Therapie befindet sich der Krebs in Remission.

 

Quelle:

Unusual case of anorexia.
Darmaun L et al., BMJ Case Reports, doi: 10.1136/bcr-2017-223739; 2018

 

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Artikel von Anke Hörster
 
 

 

 

 

Bildquelle: TeroVesalainen, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.10.2018.

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Medizin, Onkologie
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Habe auch schon erlebt dass Gangstörungen und Schreib-Probleme psychisch sind und ohne MRT nach Hause geschickt wurden, Pat. war ein Jugendlicher; es war ein Hirntumor!
#5 vor 20 Tagen von Eva Kurzweil (Heilpraktikerin)
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habe selbst als Studentin eine Patientin erlebt, die 5 Wochen in der Psychiatrie verbrachte, bis man ihre Nebenniereninsuffizienz erkannte - mit Hormontherapie war die "Depression" dann rasch im Griff... - Gruß an #3!
#4 vor 34 Tagen von Dr. med. Ulrike Gottesleben (Ärztin)
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Serum-Calcium von 76 mg/l ist keine Hypokalzämie! Das korrigierte Serum-Calcium (für die Hypalbuminämie) ist 2,42 mmol/l und somit völlig normal.
#3 vor 39 Tagen von Dr. med. Frans Zantvoort (Arzt)
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Ordentlich gemachte Psychiatrie besteht zunächst mal aus ordentlicher, umfassender somatischer Ausschlussdiagnostik. Wer das vernachlässig, produziert Tote. Hypothyreose, M. Addison, Hirntumoren, andere Tumoren, Tbc …... Die Diagnose einer Anorexia nervosa ist keine, die man eben mal so aus dem Handgelenk schüttelt, weil ein Mensch einen extremen BMI hat und zufällig pubertär ist. Auch für diese Diagnose gibt es konkrete diagnostische items. Im Notfall greife man zum Äußersten: redet mit den Patienten! Die Patientin hatte mit Sicherheit keine anorexietypische Essanamnese. Bin seit 25 Jahren Psychiater und habe schon alles an übersehenen gravierenden somatischen und hirnorganischen Diagnosen bei "psychogenen Störungen" gesehen.
#2 vor 45 Tagen von Kerstin Sielisch-Kropp (Ärztin)
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Eine psychische/psychiatrische Diagnose zu stellen, ist nicht leicht, auch nicht für (erfahrene) Psychotherapeuten (Bin selbst KJP'ler und auch Rettungsassistent). Ich verlange von jedem (!) Patienten wenigstens Leber-, Nieren- und Schilddrüsenwerte, da diese häufig psychische Symptome verursachen. Dies habe ich schon in eigener Praxis erlebt (Bsp.: Depression hat sich als Schilddrüsenunterfunktion herausgestellt). Leider haben gelegentlich (Haus-)Ärzte wenig Verständnis dafür, dass ich Blutwerte erbitte. Und umgekehrt sollten Psychortherapeuten die Somatik mehr im Blick haben!
#1 vor 46 Tagen von Cornelius Voigt (Psychotherapeut)
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