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Darmflora an Entstehung von MS beteiligt

Die Forscher haben herausgefunden, dass genetisch veränderte Mäuse eine der menschlichen Erkrankung ähnliche Entzündung im Gehirn entwickeln, wenn sie eine normal ausgeprägte Darmflora besitzen. Die Mikroorganismen aktivieren dabei zunächst die T-Zellen des Immunsystems und in einem weiteren Schritt B-Immunzellen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die an sich nützlichen Bakterien der Darmflora bei entsprechender Veranlagung der Ausgangspunkt für Multiple Sklerose beim Menschen sind.
Der menschliche Darm ist ein Paradies für Mikroorganismen: Rund 100 Billionen Bakterien aus bis zu 2000 unterschiedlichen Arten leben darin. Die Mikroorganismen des Darms sind nicht nur für die Verdauung, sondern auch für seine Entwicklung sowie für das Immunsystem unverzichtbar. Zusammen umfasst diese vielfältige Lebensgemeinschaft zehn- bis hundertmal mehr Gene als das gesamte menschliche Erbgut. Wissenschaftler bezeichnen sie deshalb auch als „erweitertes Selbst“. Aber die Darmflora kann auch an Erkrankungen beteiligt sein, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. So fördern Darmbakterien Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn oder rheumatoide Arthritis.

Zwei Aktivierungsphasen

Den Forschern zufolge beeinflusst die Darmflora Immunzellen des Verdauungstraktes. Mäuse ohne Darmflora weisen dort weniger so genannte T-Zellen auf. Außerdem produziert die Milz dieser Tiere weniger Entzündungsstoffe wie Zytokine. Darüber hinaus bilden ihre B-Zellen kaum Antikörper gegen das Myelin. Statteten die Forscher die Mäuse wieder mit einer Darmflora aus, erhöhten T- und B-Zellen wieder ihre Zytokin- bzw. Antikörperproduktion.

„Offenbar wird das Immunsystem in zwei Phasen aktiviert: Zunächst werden T-Zellen in den Lymphgefäßen des Darmtrakts aktiv und vermehren sich. Diese regen dann zusammen mit den Oberflächenproteinen der Myelinschicht B-Zellen zur Bildung krankmachender Antikörper an. Beides löst Entzündungsreaktionen im Gehirn aus, die schubweise die Myelinschicht zerstören – ganz ähnlich, wie auch die Multiple Sklerose beim Menschen verläuft“, sagt Gurumoorthy Krishnamoorthy vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Es sind also Veränderungen des Immunsystems, die zur Erkrankung führen, und nicht Störungen im Nervensystem. „Diese Frage nach Ursache und Folge beschäftigt die Multiple Sklerose-Forschung seit langem. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass das Immunsystem die treibende Kraft ist“, sagt Hartmut Wekerle, Direktor am Max-Planck-Institut in Martinsried.
Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass auch die Darmflora des Menschen bei entsprechender genetischer Veranlagung eine Überreaktion des Immunsystems gegen die Meylinschicht hervorrufen kann. Damit kommt möglicherweise der Ernährung eine zentrale Rolle bei der multiplen Sklerose zu. Denn die Ernährungsweise bestimmt maßgeblich, welche Bakterien den Darm besiedeln. „Veränderte Essgewohnheiten könnten beispielsweise eine Erklärung dafür sein, warum die Multiple Sklerose in asiatischen Ländern in den letzten Jahren zugenommen hat“, erklärt Hartmut Wekerle.
Welche Bakterien an der Entstehung von multipler Sklerose beteiligt sind, ist noch unklar. Mögliche Kandidaten sind Clostridien, die in direkten Kontakt mit der Darmwand treten können. Auch sie sind natürlicher Bestandteil einer gesunden Darmflora, könnten aber bei erblich vorbelasteten Menschen die T-Zellen aktivieren. Als nächstes wollen die Wissenschaftler deshalb das gesamte mikrobielle Genom von Patienten mit multipler Sklerose analysieren und so Unterschiede in der Darmflora zwischen gesunden Menschen und Patienten aufspüren.
Originalpublikation:
Commensal microbiota and myelin autoantigen cooperate to trigger autoimmune demyelination
Kerstin Berere et al.; Nature, DOI: 10.1038/nature10554; 2011

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49 Bewertungen (Ø 4.14)

Quelle

  • MPG
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Kommentare

  • 6
    Icondirect
    27.10.11 - 22:49

    Atemberaubend, diese Mutationsfähigkeit unseres immer mysteriöseren MS-Agens.

  • 5
    Icondirect
    27.10.11 - 22:14
    krankenschwester lieselotte utz
    Gesundheits- und Krankenpfleger/in

    super!! ihre beobachtung sollte ernst genommen werden.wenn jeder biologe ,labormediziner und arzt nicht nur (SEINEN VERDIENST IM VISIER HÄTTE)wäre die forschung schon ein stück weiter.

  • 4
    27.10.11 - 21:03
    Gastleser

    Nach welchen Kriterien werden hier eigentlich die Kommentare zensiert und gelöscht?
    Meine Frage war, was unter "Urkost" zu verstehen ist. Ist diese Frage so abwegig?

  • 3
    27.10.11 - 20:44
    Kostverächter

    @ Kratofiel
    Was verstehen Sie unter "Urkost"? Beeren und Früchte? Oder Dörrfleisch?

  • 2
    Defaultmedium
    27.10.11 - 20:03
    Dr Matthias Kratofiel
    Zahnarzt/-ärztin

    Noch vor Hund, Taube und Maus waren die Mikroben die ersten Kulturfolger. Als Menschenaffen begannen sich genomwidrig zu ernähren, riefen sie damit eine veränderte Darmflora auf den Plan, die ihm bis heute mit all ihren negativen Begleiterscheinungen- heißt Zivilisationskrankheiten- "treu"
    gefolgt ist und erst wieder verschwindet, wenn die Ernährung auf Urkost umgestellt wird.

    Ernährungsmediziner

  • 1
    Defaultmedium
    27.10.11 - 17:00

    Bereits vor über 10 Jahre hatte ich eine Beobachtung aus der gyn.Praxis weitergeleitet. Es waren 10 von 12 betreuten MS Patientinnen HPV positiv, was zur Motivation beitragen sollte, die Krebsfrüherkennung zu nutzen. Der Expertenrat war, dass diese Patientinnen sicher immunsuprimiert seien.....nun haben wir inzwischen einen HPV-Impfstoff. Ich würde mich freuen, wenn in dieser Richtung noch verstärkt geforscht würde.

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