Inhaltlich liegen wir vermutlich gar nicht weit auseinander. Das Problem, welches ich hier im Exempel statuiert finde und aufzeigen will ist, dass sehr häufig aus teuersten und aufwändigsten Studien die völlig falschen Schlüsse gezogen werden. Das ist in mehrfacher Hinsicht bitter und wirft kein gutes Licht auf die medizinische Wissenschaft.
Man kann den Vorrednern nur dankbar sein bzgl. ihres Engagements zur AK. Wenn man >25 Jahre ambulante und stationäre Neurologie gemacht hat, kennt man das Problem der "Non-Adhärenz" durchaus. Diese Probleme sind aber nicht per se oder einfach aus "Altersgründen" unlösbar. Man braucht neue Konzepte. Solche Konzepte sind z.B. auch für Epilepsie-Patienten (über Jahre) entwickelt worden. Zunächst geht es aber darum, dass immer noch Patienten mit Hemiplegie und VHF auf die Stroke unit kommen, denen der HA gesagt habe: "Sie sind zu alt für eine AK" oder "eine AK geht nicht bei Ihnen, da Sie letztes Jahr 2x gestürzt sind !".
Da sich jetzt neue Medikamente abzeichnen, wird es im ambulanten Bereich wohl einfacher, aber natürlich auch teurer.
Obwohl Allgemeinmedizinerin versuche ich alle VHF-Patienten zu antikoahulieren. Allein der Alltag wächst zu einem Problem, angefangen von multiplen Ängsten der Patienten und der Argumentation dieser, die häufigen INR-Kontrollen seien zu aufwendig für ihren Alltag, zeigt sich das Problem der Compliance, extrem schwankender Werte, rezidivierender schwerer Stürze der Hochbetagten mit Frakturen, Interaktionen mit Medikamenten anderer Kollegen von denen ich aus irgendwelchen Gründen nichts erzählt bekomme und nicht zuletzt schwer zu bewältigende Hausbesuchstouren zur INR-Kontrolle der ganzen immobilen Leute. Ein Teil, den ich dann versuche zu heparinisieren, lehnt die Spritzen - auch das Bridging ist ein Problem. Und Die Umstellung auf die demnächst zuzulassenden oralen Medikamente wird die Krankenkassenfinanzen und unsere Budgets sprengen. In der Klinik ist das Alles leicht und auch die niedergelassenen Kardiologen übernehmen nie die dauerhafte Führung der antikoagulerten Patienten, außer vielleicht bei einem mobilen Privatpatienten.
Lieber Kollege,
Ihre Argumentation zeigt eben, dass Sie zwar empfehlen, bzgl. der Therapieführung in der Realität des täglichen Patienten-Alltags aber natürlichermaßen keine Erfahrung haben. Rationale Argumente alleine gehen hier oft völlig fehl und führen häufig zu ungenügender Therapieadhärenz. Dies ist kein Vorwurf - ich selbst habe in 22 Krankenhausjahren ähnlich gedacht wie Sie - woher soll man diese Erkenntnis im reinen Krankenhausalltag auch beziehen?
Ich weiß zwar nicht, wo genau die "vorderste Linie" verläuft, aber genau diese Überzeugungsarbeit (und Durchführung der AK) wäre ja die Aufgabe der Hausärzte. Wäre es für 80-jährige kein Argument, dass sich die Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall zu erleiden um ca. das 5-fache(!) senken läßt, wenn man bei VHF nicht einfach nur ASS rezeptiert, sondern antikoaguliert?
Neurologe im KKHs
Ich will nicht ausschließen, dass es Defizite gibt - der Vergleich jedoch hinkt entscheidend. In der (Uni-) Klinik und beim Kardiologen bedeutet die Diagnose Tachyarrhythmie die Betätigung eines Textbausteins für den Arztbrief - je nach Score. In der hausärztlichen Praxis muss die Therapie durchgesetzt werden. Wie wenig selbstverständlich Compliance ist, wissen in der Regel nur die, die an vorderster Linie tätig sind. Beispielsweise lässt sich nicht jeder 80-jährige davon überzeugen, dass Antikoagulation segensreich für ihn ist.
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![]() | Ablationstherapie bei Vorhofflimmern 22.06.2010, Prof. Dr. med. Jürgen Ennker Dauer: 10:57 min |