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Erwartung beschleunigt Wahrnehmung

Optische Reize werden auf ihrem Weg vom Auge über verschiedene Verarbeitungsstufen im Gehirn auf vielfältige Weise analysiert. Erst im Laufe dieser Verarbeitungsschritte gelangen die Reize auch in die bewusste Wahrnehmung. Die dem Bewusstsein vorgeschaltete Verarbeitung des visuellen Reizes nimmt in der Regel etwa 300 Millisekunden in Anspruch. Die Forscher des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main konnten nun zeigen, dass der zeitliche Ablauf dieses Verarbeitungsprozesses keineswegs starr, sondern veränderlich ist. In einem Experiment nahmen Versuchspersonen optische Reize deutlich besser und schneller wahr, wenn sie wussten, was sie zu erwarten hatten.

Vorangegangene Studien bestätigt

Dazu zeigten die Forscher den Versuchspersonen auf einem Monitor Bilder mit Zufallsrauschen, also mit Pixeln mit zufällig verteilter Helligkeit. Während dieser Bilderserien veränderte sich die Verteilung mancher Pixel, so dass von Bild zu Bild ein Symbol zum Vorschein kam. Nach jedem Bild konnten die Probanden per Knopfdruck angeben, ob sie das Symbol sehen konnten. Sobald das Symbol komplett aufgedeckt und deutlich erkennbar war, präsentierten die Forscher die gleichen Bilder in umgekehrter Reihenfolge, so dass das Symbol nach und nach wieder verschwand. Während des ganzen Versuchs wurden zusätzlich die Hirnströme der Versuchspersonen gemessen.
Während die Probanden das Symbol in der ersten Bildfolge mit zunehmender Sichtbarkeit erst relativ spät erkannten, lag die Wahrnehmungsschwelle bei der zweiten umgekehrten Bildpräsentation deutlich niedriger. Die Versuchsteilnehmer konnten die Buchstaben auch bei sehr schlechter Auflösung noch erkennen. „Eine Erwartungshaltung auf Basis zuvor gesammelter Informationen hilft offenbar dabei, ein Objekt bewusst wahrzunehmen“, sagt Lucia Melloni, Erstautorin der Studie. Sobald die Versuchspersonen wussten, welches Symbol sich im Rauschen versteckt, konnten sie es also besser wahrnehmen. Damit bestätigen die Forscher vorangegangene Studien, denen zufolge Menschen bewegte Objekte besser wahrnehmen, wenn sie schon im Vorfeld wissen, in welche Richtung es sich bewegen wird.
Die Hirnstrommessungen zeigten zudem Erstaunliches. „Wir haben beobachtet, dass sich die Hirnströme für bewusste Wahrnehmung zeitlich verändern, je nachdem ob eine Erwartung vorhanden ist oder nicht“, sagt Lucia Melloni. Wenn die Versuchspersonen vorhersagen konnten, was sie sehen werden, zeigten sich die charakteristischen Hirnstrommuster für bewusste Wahrnehmung schon 100 Millisekunden früher als ohne Erwartungshaltung.

Flexibles Gehirn

Damit haben die Forscher eine schlüssige Erklärung für die widersprüchlichen Ergebnisse anderer neurowissenschaftlicher Arbeitsgruppen gefunden. Diese hatten nämlich je nach Studie mal sehr früh einsetzende und mal stark verzögerte Hirnströme für bewusste Wahrnehmung gefunden. „Mit unserer Forschung können wir diese zeitliche Variabilität nun erklären. Das Gehirn führt offenbar einen Verarbeitungsprozess nicht stereotyp und zeitlich festgelegt durch, sondern passt sich flexibel an“, erklärt Wolf Singer. Demnach läuft der Verarbeitungsprozess schneller ab, wenn das Gehirn die eintreffende Sehinformation lediglich mit einer zuvor festgelegten Erwartung abgleichen muss. Als Folge davon setzt auch die bewusste Wahrnehmung schneller ein. Muss das Gehirn einen visuellen Reiz dagegen vollkommen neu bewerten, weil keinerlei Vorabinformationen vorliegen, nimmt die Verarbeitung entsprechend längere Zeit in Anspruch.
Die Ergebnisse könnten zur Folge haben, dass bislang Hirnstrommessungen falsch interpretiert wurden. „Da die Interpretation stark von der zeitlichen Abfolge abhängt, sind möglicherweise Hirnströme fälschlich Bewusstseinsprozessen zugeordnet worden“, vermutet Wolf Singer, Direktor der Abteilung Neurophysiologie am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. „Angesichts dieser Ergebnisse erscheint es nötig, die neuronalen Entsprechungen des Bewusstseins neu zu untersuchen.“
Originalveröffentlichung:
Expectations change the signatures and timing of electrophysiological correlates of perceptual awareness
Lucia Melloni et al.; The Journal of Neuroscience
31(4)
1386-1396
(2011)

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Quelle

  • Max-Planck-Gesellschaft
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Kommentare

  • 5
    User_default_image
    08.02.11 - 22:57
    Horst Rieth
    Biologe/in

    öfter mal ein spiel spielen,
    dann hätten sie für diese erkenntnis
    nicht unnötige resourcen verschwendet.

    schon mal was von einschleifen gehört,
    wie soll das bitte ohne erwartungshaltung funktionieren,
    da wäre ja jedesmal das erste mal!

  • 4
    Icondirect
    08.02.11 - 15:53

    Was zeigt sich denn nun in den "Hirnstrombildern"? Verehrter Herr Autor dieses Beitrages, Sie schreiben für Leser, die während Ihrer Ausbildung von MEG, EEG, CNV, N100 usw. schon mal was gehört haben. Jedenfalls sind die Leserinnen und Leser nicht primär im ökologischen Nähkreis oder dergleichen versammelt.

  • 3
    Defaultmedium
    08.02.11 - 07:40
    Dr. Bertram Staudenmaier
    Medizinphysiker/in

    Jetzt ist mir auch klar, warum ein Analphabet einen Buchstaben später (oder gar nicht) erkennt als jemand, der lesen und schreiben kann, sensationelle Erkenntnis, Nobelpreisreif!

  • 2
    Icondirect
    08.02.11 - 02:12
    Tino Zahedi
    Medizinjournalist/in

    Ganz unbekannt sind vielen von uns diese Erkenntnisse sicherlich nicht. Überrascht dürfte eigentlich niemand sein.

    Das hier beschriebene kognitive Phänomen trifft eigentlich auf alle Wahrnehmungen zu, nicht nur auf visuelle. Ein geschultes Ohr hört aus einem Konzert sicherlich mehr heraus als ein ungeschultes, besispielsweise, und das sicherlich viel zügiger als ein ungeschultes. Ebenso dürfte das Sprachverständnis schneller vonstatten gehen, in jeweiliger Abhängigkeit zum Grad mit welchem eine Sprache beherrscht wird.

    Stimmen die man kennt erschliessen einem in einer anderen emotionale Tiefe, und das sicherlich schneller, als bis dato unbekannte Stimmen.
    Etc.,.....

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