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Hormoneller Heißhunger

Gleichzeitig existiert ein weiteres Hormon, das sogenannte AGRP, das bei Bindung an den gleichen Rezeptor appetitfördernd wirkt. Wissenschaftler um Dr. Andreas Breit und Professor Thomas Gudermann von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München haben nun entdeckt, dass AGRP diese Funktion nicht nur durch einen passiven, sondern durch einen aktiven Wirkmechanismus ausübt. Die Forscher hoffen, durch das Verständnis der beteiligten Prozesse in Zukunft Medikamente entwickeln zu können, die Übergewicht gezielt entgegenwirken. Die Forschungsgruppe um Breit ist seit September 2008 an der LMU und war zuvor im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Philipps-Universität in Marburg tätig, wo ein Teil der Arbeiten durchgeführt wurde.

Konstantes Gewicht lebenslang

Die Nahrungsaufnahme und das Körpergewicht werden beim Menschen durch sehr komplexe Prozesse gesteuert. Dabei ist eine Reihe von Hormonen von Bedeutung - das bekannteste von ihnen ist das Insulin, das bei einem Anstieg des Blutzuckerspiegels ausgeschüttet wird. Insulin sorgt nicht nur dafür, dass die hohe Zuckerkonzentration im Blut abgebaut wird, sondern signalisiert zugleich dem Körper, dass genügend Energie aufgenommen wurde - und hat damit einen appetithemmenden Effekt. Eine ähnliche Funktion besitzt auch das Melanocortinsystem, an dem eine andere Gruppe von Hormonen beteiligt ist: Die Melanocortine üben ihre Wirkung am Melanocortinrezeptor (MC-Rezeptor) im Hypothalamus aus - einer kleinen Region im Gehirn, die Vorgänge wie Körpertemperatur, Schlaf und Nahrungsaufnahme reguliert. "Ähnlich wie das Insulin haben auch die Melanocortine einen appetithemmenden Effekt", erläutert Dr. Andreas Breit, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie der LMU München. "Dieser ist jedoch unabhängig vom Blutzuckerspiegel und reguliert das Körpergewicht eher im mittel- bis langfristigen Bereich. Im Prinzip sorgen Melanocortine dafür, dass das Gewicht über die ganze Lebenszeit konstant bleibt."
Kommt es aufgrund eines Gendefekts zur Fehlregulation des Melanocortinsystems, hat dies eine massive Fettleibigkeit zur Folge. "Man weiß, dass das System durch das Hormon Leptin beeinflusst wird, das von Fettzellen ausgeschüttet wird", so Breit. "Im Moment wird diskutiert, dass ein hoher Fettanteil des Körpers das Melanocortinsystem durcheinanderbringt, so dass die natürliche Regulation des Appetits nicht mehr funktioniert." Daher ist dieser Regelkreis ein wichtiger Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Wirkstoffe, die Übergewicht entgegenwirken können.
Die Forschergrupe um Dr. Andreas Breit und Professor Thomas Gudermann untersuchten nun, wie ein weiteres Hormon das Melanocortinsystem beeinflusst. Das "Agouti-related Protein" oder AGRP bindet ebenfalls an den MC-Rezeptor, hat jedoch die entgegengesetzte Wirkung der Melanocortine: Es wirkt appetitfördernd. "Bislang wurde angenommen, dass AGRP lediglich die Bindung der Melanocortine an den Rezeptor blockiert und daher den Appetit nur passiv reguliert", erklärt Breit. "Durch unsere Untersuchung ist es nun gelungen, neue Aspekte der komplizierten Wechselwirkung zwischen Melanocortinen, AGRP und dem MC-Rezeptor aufzudecken."
In ihrer Studie verwendeten die Biologen und Mediziner eine Zelllinie, die aus dem Hypothalamus von Mäusen stammt und von Natur aus MC-Rezeptoren besitzt. Anhand dieser Zellen beobachteten sie, welche Proteine durch die Bindung der beiden unterschiedlichen Hormone an den Rezeptor aktiviert werden. "Bisher wusste man, dass Melanocortine beim Andocken an den Rezeptor sogenannte G-Proteine aktivieren", sagt Breit. "Nach dem bestehenden Modell hätte AGRP den Rezeptor blockieren und damit die Aktivierung der G-Proteine verhindern müssen." Zur Überraschung der Forscher war jedoch genau das Gegenteil der Fall: AGRP war selbst in der Lage, G-Proteine zu aktivieren.
Dabei hatten Melanocortine und AGRP jeweils Einfluss auf eine bestimmte Unterart der G-Proteine. "Während die Melanocortine hauptsächlich G-Proteine vom Subtyp Gs aktivieren, führt die Bindung von AGRP an den MC-Rezeptor vor allem zur Aktivierung von Gi-Proteinen", berichtet Breit. "Bislang war man davon ausgegangen, dass der MC-Rezeptor ausschließlich mit den Gs-Proteinen kommuniziert." Demnach verhindert AGRP nicht nur passiv die Wirkung der Melanocortine, sondern übt selbst eine aktive Funktion in der Zelle aus.
"Die Ergebnisse legen nahe, dass das Melanocortinsystem beim Menschen sowohl appetithemmende als auch appetitfördernde Prozesse anstoßen kann", betont Breit. "Daraus ergibt sich in Zukunft möglicherweise die Chance, Medikamente zu entwickeln, die den Appetit und das Körpergewicht gezielt regulieren können." Allerdings müsste diese neue Funktione des Melanocortinsystems vorher in Tiermodellen und klinischen Studien weiter untersucht werden, betont der Forscher.

Publikation:
"Pertussis toxin-sensitive signaling of melanocortin-4 receptors in hypothalamic GT1-7 cells defines AGRP as a biased agonist";
Thomas R. H. Büch, Dominik Heling, Ellen Damm, Thomas Gudermann; Andreas Breit;
The Journal of Biological Chemistry, Band 284 (39), S. 26411-26420; DOI: 10.1074/jbc.M109.039339

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  • Uni München
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Kommentare

  • 10
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    05.10.09 - 13:19
    Doris Hofheinz
    Heilpraktiker/in

    Kennen Sie die metabolischen Stoffwechsel-Konzepte,, die mit Low-Carb, Eiweiß und Fette in einem bestimmten Verhältnis, Blutpraramter der individuellen Stoffwechsellage + Nahrungsunverträglichkeitstest in maßgeschneidertem Verhältinis arbeiten? Es gibt wirklich gute Erfahrungen damit. Die individuelle hormonelle Lage wurde bisher zu wenig beachtet. Diese Konzepte sind alltagstauglich und für jeden maßgeschneidert.

  • 9
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    03.10.09 - 00:26
    Roswitha Winsloe-Gerden
    Psychotherapeut/in

    Was sind denn Arveno Bio-Schlankkapseln. Die Werbung verspricht 12 Kilo in nur drei Wochen. Wenn es soetwas wirklich gibt, was soll dann die ganze Forschung? Oder ist die Werbung über die Bio Schlankmacher Betrug?

    Bin froh über Aufklärung und ich fand den Artikel hilfreich auf der Suche nach der Wahrheit für das Entstehen von Adipositas.

  • 8
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    30.09.09 - 20:18
    Renate Stoltenburg
    Biologe/in

    Die Damen und Herren Forscher sind alle ganz gesund und schlank, stimmt´s? - Wenn die mal eienen richtigen Unterzucker hätten, würden sie nicht nach irgendwelchen Hormonen fragen. Gott sei Dank, daß der Körper sich dann selber hilft.
    Dieser Artikel geht nur auf gesunde Vielesser.Es gibt Menschen, die können in sich hineinschaufeln, was sie wollen, die nehmen kein Gramm zu und Dicke, die sogar bei Anstrengungen und Hunger zunehmen.
    Bitte etwas differenzieren! Nur Liebe geht durch den Magen; Übergewicht ist leider etwas differenzierter, sonst hätte man schon ein Mittel gegen Lipödeme und derlei.
    UnterzuckerSelbsthilfe Bayern

  • 7
    30.09.09 - 15:47
    Vet

    Interessant in diesem Zusammenhang auch die Rolle von Autoantikörpern gegen Neuropeptide (da gibts übrigens noch mehr -alpha-msh, neuropeptide Y, ghrelin...). Von Ersterem haben z.b. Anorektikerinnen besonders viel(s.z.B. Fetissov et al. oder Sinno et al.). Es gibt auch Studien bezüglich deren Abhängigkeit von Stress und Wirkung auf Gemüt -die diesbezügliche Fachrichtung nennt man Psychoneuroimmunologie (aber nur für die weniger schlichten Gemüter hier interessant - die anderen sollten sich Gedanken machen, warum ein modernes Turbo-Hendl mit einem Lebensfutterbedarf von 1,6kg sein Schlachtgewicht von 1,2kg erreichen und sein gleich gehaltener Artgenosse nicht ums Verrecken)

  • 6
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    30.09.09 - 13:26
    HP Carmen Sindelar
    Heilpraktiker/in

    Da kann ich mich nur anschließen, damit wird dem Patienten ein Stück weit die Eigenverantwortlichkeit genommen. Hurra.... doch meine Hormone.... und eine schöne Tablette hilft in erster Linie der Pharmaindustrie.

  • 5
    User_default_image
    30.09.09 - 12:26
    Dr. med. Michael Arbeiter
    Arzt/Ärztin

    und es gilt weiterhin: Essen hat etwas mit Intelligenz und Denken zu tun. Punkt

  • 4
    User_default_image
    30.09.09 - 09:25
    Dr.med. Winfrid Grunert
    Arzt/Ärztin

    Ist ja schön, aber nach wie müssen Kalorienzufuhr und - verbrauch im Gleichgewicht stehen. Wer keinen Spaß an Bewegung findet und sinnlos ißt, wird adipös werden oder bleiben mit allen Folgeerkrankungen. Dann ist es ein Problem des Einzelnen und der versichertengemeinschaft, liber Herr Manteuffel. Vieleicht nützt dann der Bauchtanz bei einer Krankenkass ........ ?

  • 3
    User_default_image
    30.09.09 - 09:10
    Norbert Manteuffel
    Mitarbeiter/in Krankenkassen

    wissen das auch die ärzte?

  • 2
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    29.09.09 - 20:36
    Heilpraktikerin Hildegard Pannucci
    Heilpraktiker/in

    Das ist ein Hoffnung für viele Dicke, die bisher ur verlacht wurden weil Gesunde deren enormen Appetit nicht verstehen konnten. Früher hat man darüber gelcht, wenn Übergewichtige ihren Hormonhaushalt beschuldigten, diese Ansicht müssen wir wohl jetzt korriegieren, da sieht dass im Volksmund doch viel Wahrheit liegt.
    H.Pannucci Heilpraktikerin

  • 1
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    29.09.09 - 16:38
    Sabine Grund
    Gesundheits- und Krankenpfleger/in

    Ist Interressant.

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