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Nanopartikel: Niedliche, kleine Killer

Für die Ärzte am Pekinger Chaoyang Hospital waren die Frauen von Beginn an auffällig. Kurzatmigkeit, pleurale Effusion und Perikardergüsse bestimmten das klinische Bild, und das, obwohl die zwischen Januar 2007 und April 2008 eingelieferten Patientinnen jung und ansonsten kerngesund waren. Noch nie hatten sie geraucht, und auch sonst schien die Anamnese keine besonderen Risiken aufzuzeigen. Die sieben Frauen hatten jedoch vor der Einweisung in die chinesische Eliteklinik in Sachen Therapie eine wahre Odyssee durchlaufen: Von Antibiotika bis zu Wirkstoffen gegen Tuberkulose hatten Ärzte an anderen Krankenhäusern versucht, die kuriose Malaise zu kurieren – vergeblich. Der Vorstoß des pleuralen Ausflusses nahm derart zu, dass die Mediziner die nationale Seuchenbehörde einschalteten – und anhand einer exakten Durchleuchtung der Lebensumstände der Frauen am Ende fündig wurden.
Winzige Polyacrylat-Nanopartikel, die die Frauen an ihrer gemeinsamen Arbeitsstelle inhaliert hatten, lösten nach Ansicht der Ärzte den GAU im Körper der Patientinnen aus. Trotz alle Bemühungen der chinesischen Mediziner überlebten zwei Frauen die Attacke der Nanopartikel nicht. Ihr Tod, so viel scheint bereits jetzt festzustehen, wird womöglich eine globale Wende bei der Risikobewertung der Nanotechnologie auslösen.
Denn nie zuvor ist es Wissenschaftlern gelungen, beim Menschen den kausalen Zusammenhang zwischen inhalierten Nanopartikeln und ihren toxischen Nebenwirkungen nachzuweisen. Zwar attestieren Tierversuche seit Jahren, dass die atomaren Winzlinge mitunter Nieren und Leber, ebenso wie die Lunge angreifen können. Schädigende Wirkungen bei exponierten Menschen indes waren bis dato zwar vermutet, aber nicht klinisch belegt worden.
Der Pekinger-Nano-Fall beendet die Ära der vermeintlichen Sicherheit einer Technologie, die immer noch zu den vielversprechendsten des 21. Jahrhunderts zählt. Ungewohnt offen publizieren die Chinesen, was in Peking Ärzte in Angst und Schrecken versetzte: Inhalierte Nanopartikel scheinen die inneren Organe zu befallen zu können und dringen bis tief in die Zellen des Organismus ein. Wer die Studie im Original liest, findet zwangsläufig Parallelen zu Michael Crichtons Bestseller „Beute“, in dem Nanoteilchen den Menschen befallen – doch anders als bei Crichton sind die Vorkommnisse in Peking Realität.

Globales Umdenken in Punkto Sicherheit scheint nötig

So führte die über einen Zeitraum von fünf Monaten erfolgte Inhalation der Nano-Polyacrylate an der Arbeitsstelle neben den bereits erwähnten Leiden auch zur Ausbildung von Lungenfibrose bei den betroffenen Frauen. Ferner fanden die Forscher Polyacrylate mit in einer Größenordnung von 30 Nanometern im Karyo- und Zytoplasma des Lungengewebes ihrer Patientinnen. Damit nicht genug. Auch hafteten sich die Nanopartikel an die Membran der roten Blutkörperchen – was ebenfalls zum ersten Mal in einem klinischen Umfeld anhand realer Patientendaten nachgewiesen werden konnte. Ausgerechnet die geringe Größe der Partikel macht es den Medizinern schwer, dagegen anzukämpfen. „Die Patienten können Lungenfibrosen entwickeln, die gegenüber etlichen Therapieformen resistent sind“, mahnt Studienautor Yuguo Song im European Respiratory Journal (ERJ), wo die Studie am 19. August 2009 erschien. Als besonders heikel gilt Song zufolge vor allem ein Aspekt: Die krankmachenden Polyacrylate dienten quasi als Nano-Träger für Farben – die als industriell besonders wertvolle Beschichtungen in der Druckindustrie zum Einsatz kamen. Tatsächlich ist die Einsatzbreite der Nanopartikel enorm – rund 200 Milliarden Euro soll der globale Markt allein im Jahr 2010 ausmachen. Die chinesischen Ergebnisse werden womöglich zu veränderten Rahmenbedingungen führen – auch hierzulande.
Noch aber geben sich viele Wissenschaftler gelassen und setzen in erster Linie auf das therapeutische Potenzial. So entwickelt an der Berliner Charité Berlin eine Klinische Forschergruppe eine neue Klasse von magnetischen Nanopartikeln als Kontrastmittel für die Magnetresonanztomografie. Noch im September 2008 versetzten die speziellen Eigenschaften der Winzlinge sogar die DFG in Begeisterung: „Die neuartigen Partikel sind ungewöhnlich klein und mit Oberflächenbeschichtungen versehen, die es den Partikeln erlauben, im Körper besonders gezielt an den zu untersuchenden Ort zu kommen“. Nach der Pekinger Studie wird man genau das in einem anderen Licht betrachten müssen.

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333 Bewertungen (Ø 4.4)

Vlad Georgescu

Medizinjournalist/in

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Kommentare

  • 26
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    26.08.09 - 12:02
    Renate Utke
    Arzt/Ärztin

    leider fehlen Hinweise auf den Arbeitsbereich , an dem nano-partikel rumschwirren .,wovor man schützen könnte,.Sie stellen das der Fanrasie anheim ? hat aber praktischen Nährwert ..dieser insteressante art.

  • 25
    Defaultmedium
    25.08.09 - 12:07
    HP Karen Ketelaar
    Heilpraktiker/in

    Ich möchte die Diskussion noch um den Faktor "Chemtrails" ergänzen, bei denen gezielt teils gecoatete Nanopartikel von Flugzeugen über die gesamte Bevölkerung verteilt werden......Viel Wissenswertes dazu steht bereits im Internet. Wann fangen wir an uns zu wehren?

  • 24
    User_default_image
    22.08.09 - 22:30
    Michael Menger
    Arzt/Ärztin

    Diese Studie ist sehr interessant. Aufgrund der Größe der Partikel war eine schwerwiegende Schädigung des Organismus auf zellulärer Ebene fast zu erwarten. Ich verwende im eigenen Umkreis bewusst keinerlei Nanoprodukte, insbesondere bei Kindern erscheint besondere Vorsicht angebracht. Wieder eine Technologie, bei der erst einmal rasante Fahrt im neuen Vehikel aufgenommen wird, die Bremsen aber erst eingebaut werden, wenn das Unglück schon passiert ist. Der Artikel ist verdienstvoll und bringt der Ärzteschaft ein echtes Problem nahe.
    (Nur noch eine Kleinigkeit zur Terminologie: Der Satz: " Der Vorstoß des pleuralen Ausflusses nahm derart zu, dass die Mediziner die nationale Seuchenbehörde einschalteten" ist etwas eigenartig;-) vielleicht übersetzungsbedingt? ( pleural effusion) - und wie stößt ein " pleuraler Ausfluss" vor?. Aber das soll den sehr guten Artikel keineswegs abwerten!)

  • 23
    22.08.09 - 21:23
    anonymous

    Ein hochinteressanter und wichtiger Artikel, der hoffentlich dazu beiträgt Nanopartikel kritischer zu prüfen.
    Ich hätte es begrüßt, wenn in dem Bericht klarer herausgearbeitet worden wäre, dass es sich um ganz bestimmte Nanopartikel handelte.
    Abzuwägen ob andere Nanopartikel ähnlich schädliche oder gar nützliche Wirkungen habe war dagegen wohl nicht Aufgabe des Berichtes.

  • 22
    22.08.09 - 09:32
    anonymous

    Besteht hier nicht Handlungsbedarf für die Gesundheitsbehörden, v.a. Sprays mit Nanopartikeln (z.B. Schuhpflegespray) mit Warnungen zu versehen oder ganz zu verbieten? Sehr gut recherchierter und informativer Artikel! Danke!

  • 21
    21.08.09 - 17:58
    anonymous

    als zahnarzt arbeite ich mit kunststofffüllern,die sowohl metacrylat als auch nanoprtikel enthalten.wie gefährlich ist für patient und arzt das herausbohren solcher füllungen und welche partikelgrößen entstehen eigentlich dabei?auch bei bester absaugung inhaliert der patient und vermutlich auch das ärztliche personal trotz maske etwas von dem aerosolgemisch.gibt es arbeitsmedizinisch darüber überhaupt untersuchungen.

  • 20
    20.08.09 - 22:22
    anonymous

    Die Aufklärung über schädigende Wirkungen dürfte es sehr schwer haben, wie wir es beim Asbest bereits erleben konnten: Anfang der 60er Jahre hat ein deutscher Arzt die krankmachende Wirkung von Asbest auf belastetes Lungengewebe bewiesen. Jahrzehnte brauchten wir bis zur weltweiten Ächtung. In Deutschland kam das Verbot zuletzt. Da die Nano-Technik deutlich größere Umsätze verspricht als Asbest es je vermochte, wird man auch im Internet lange suchen müssen, um zwischen all den "positiven" Seiten auch mal eine über die Wahrheit zu finden. (s. auch Hormonbehandlung nach der Menopause)
    Ich hoffe dennoch, dass Forschung hierzu nicht nur von Gewinn-Erwartungen gesteuert wird.
    Herzliche Grüße.
    Wolfgang Wahl

  • 19
    User_default_image
    20.08.09 - 11:14
    PD DR RALF ZIMEHL
    Chemiker/in

    Zu Kommentar 17:
    Future Table of Contents: Sep 1 2009; 34 (3)

    Occupational and environmental lung disease

    Y. Song, X. Li and X. Du

    Exposure to nanoparticles is related to pleural effusion, pulmonary fibrosis and granuloma

  • 18
    Icondirect
    20.08.09 - 11:08
    Julia Kroll
    Mitarbeiter/in von DocCheck

    Sehr geehrter Herr Kleinboelting,

    die Studie ist so hochaktuell, dass sie sogar auf der Homepage des Magazins, in dem sie im September publiziert wird, zunächst nur in der Kategorie Future Title angeführt ist. Den Abstract der Studie erhalten Sie gegenwärtig unter dem Link, den wir in der Service-Box unter "Studie" angeführt haben:

    http://icon.rice.edu/details.cfm?RID=47294

    Der volle Name der Studie lautet: "Exposure to nanoparticles is related to pleural effusion, pulmonary fibrosis and granuloma".

    Mit freundlichen Grüßen,

    Ihr DocCheck Team

  • 17
    20.08.09 - 10:54
    Pharmazeutix

    Die Römer haben sich mit bleigesüssten Wein das Hirn weggesoffen, später wurde die Haut mit Quecksilber- oder Arsenverbindungen geweißelt und wir haben jahrzehntelang Blei im Sprit und Asbest einfach überall benutzt.
    Nanos gefährlich? Keine Überraschung.

  • 16
    User_default_image
    20.08.09 - 10:32
    Dipl.Chemiker Bernd Schnippenkötter
    Naturwissenschaftler/in

    Eine pauschale Verurteilung der Nanotechnologie scheint mir nicht gerechtfertigt. Dafür ist der Fall zu speziell. Eine vernünftige Risikobewertung in der Nanotech-Forschung wäre aber angebracht!

  • 15
    User_default_image
    20.08.09 - 10:17
    Dipl.-Psych. Heinz Kleinboelting
    Naturwissenschaftler/in

    Kann mir mal jemand helfen?
    Ich bin dem Link zum ERJ gefolgt und habe dort gesucht ... aber weder den Aufsatz gefunden noch einen Autor namens Yuguo Song.

  • 14
    User_default_image
    20.08.09 - 09:40
    Dr.med. Wolfgang P. Bayerl
    Arzt/Ärztin

    Dies ist eine schwerwiegende Fehlinformation,
    da Polyacrylat einfach mit Nano-Partikel allgemein gleichgesetzt wird.

    Gruss

  • 13
    20.08.09 - 09:35
    Thomas Kuhles

    Ich kann mich einem der Vorredner nur anschließen,wann erscheint dieser Artikel in der normalen Presse.Es gibt mitlerweile so viele Einsatzgebiete, selbst im normalen Haushalt, vom Reinigungsmittel bis zur Scheiben- und Lackbeschichtung. Wir werden "Nanoüberflutet"!!!

  • 12
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    20.08.09 - 09:33
    Martina Janßen
    Biologe/in

    Auf genau diese Gefahren bin ich bereits vor mehr als zwei Jahren in meiner Gesundheitsberaterausbildung hingewiesen worden. Mit Erstaunen und Schrecken mußte ich die sorglose Anwendung in allen möglichen Lebensbereichens mitverfolgen. So auch die Anwendung in Cremes (auch Sonnencremes), welche womöglich schon Babys aufgetragen werden. Wie weit muss es noch kommen, bis die deutlichen Hinweise auf schädigende Einflüsse der Nanopartikel endlich ernst genommen werden und wenn überhaupt, nur streng begrenzte Anwendungen gestattet werden?

  • 11
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    20.08.09 - 07:26
    Dr.med.dent. Jörg Müller
    Zahnarzt/-ärztin

    Inhalationspartikel auch in zahnärztlichen Praen in Hülle und Fülle ... Vorsorge - Maken - Absaugung etc.

    zusätzöiche Belastung bei Rauchern !

  • 10
    User_default_image
    19.08.09 - 21:36
    Dr. Juergen Palm
    Arzt/Ärztin

    Eines der am weitesten verbreiteten Einsatzgebiete sind laserbasierte Drucksysteme, wie sie in Büros, Behörden, aber auch in Arztpraxen und am heimischen Arbeitsplatz als Laserdrucker und Kopierer zum Einsatz kommen. Wie sagt doch die BITKOM: Völlig harmlos...

  • 9
    User_default_image
    19.08.09 - 20:32
    Daniela Schwickert
    Heilpraktiker/in

    Es werden mit Sicherheit noch andere Krankheitsbilder auftreten, in einem Ausmass, das heute kaum vorstellbar ist.
    Partikel, in dieser Grössenordnung dringen mit Sicherheit auf allen möglichen Wegen in unsere Körper ein. Dort verursachen sie Zellveränderungen.Auf zur nächsten Nanopartikelautowäsche, ab ins Grundwasser, und zurück zum Anwender. Prost.

  • 8
    User_default_image
    19.08.09 - 19:08
    Dr.med. Bärbel Theuerkorn
    Arzt/Ärztin

    Aufpassen, aufpassen, aufpassen...

  • 7
    19.08.09 - 18:07
    Interessierter Leser

    An Sokrates Neochronikos:

    für Mmnomere Acrylsäure-Derivate wurden cytotoxische und kanzerogene Eigenschaften nachgewiesen - richtig. Bekanntes Beispiel ist Acrylamid in gebackenen oder angbrannten Nahrungsmitteln (Grillfleich, etc).
    In dem Artikel ist jedoch von POLYacrylaten - also den Polymeren die Rede - die sind praktisch unreaktiv. Polyacrylate finden vielfältig Anwendung und galten - meines Wissens - bisher als physiologisch unbedenklich. Jeder von uns hat wohl Kunststoffprodukte (Plexiglas, etc.) auf Grundlage von Polyacrylsäure bei sich zu Hause. Auch in der Medizintechnik und Pharma-Industrie finden Polyacrylsäure-Derivate Anwendung. Das ist nichts Neues und war bisher auch unproblematisch.

    Meiner Meinung nach liegt hier die Besonderheit und das Neue tatsächlich in der Größe.

  • 6
    19.08.09 - 17:58
    anonymous

    Das Besondere an der ERJ - Publikation ist zweifelsohne die Tatsache, dass an der Studie auch die Chinesische Seuchenschutzbehörde (ein Analogon zur CDC) wesentlich beigetragen hat. Die Investigation der Ursachen erfolgte Thriller-like, und die Tatsache, dass ein 200 Milliarden-Markt derart offen durch diese Studie angegangen wird, verdient Respekt: Es sind Ärzte, nicht Konzernbosse oder Ökonomen, die ein wichtiges Kapitel der Risikobewertung rund um die Nanotech aufschlagen.

  • 5
    User_default_image
    19.08.09 - 17:56
    Nina Schäfer
    Heilpraktiker/in

    Denn sie wissen nicht, was sie tun...

  • 4
    19.08.09 - 17:24
    Sokrates

    Dennoch.... ist denn hier im Forum niemanden bekannt, daß Acrylate zytotoxische Substanzen sind, ob Nano, Mikro oder Kilo....Es ist nicht allein die Partikelgröße! Ich hoffe der Groschen fällt.

    Mit besten Grüßen
    Sokrates neochronikos

  • 3
    19.08.09 - 16:43
    Tönnies Katz

    Man kann auch etwas deutliche sagen, der größte Feind des Menschen ist der (gewissenlose und/oder rein materiell denkende) Mensch. Es gibt leider viel zu viele chemische-technische Ansätze (Beispiel: Chemotherapie oder Gentechnik) die eigentlich Vorteile bringen sollten, letzten Endes aber nur sehr verheerend sind (außer für die Verkäufer, solange sie nicht in Regress genommen werden (können).

  • 2
    User_default_image
    19.08.09 - 16:40
    Rudolf Jung
    Heilpraktiker/in

    Sehr interessanter Artikel,wann erscheint er in der Tages-Presse?

  • 1
    User_default_image
    19.08.09 - 16:06
    Rita Nielsen
    Heilpraktiker/in

    Wieder ein Beispiel dafür, dass, wenn auch ein wissenschaftlicher Nachweis noch nicht technisch möglich war, die Existenz eines Phänomens nicht geleugnet werden darf. Nach dem Motte: Gibt es nicht, weil wir nicht wissen, warum es das gibt. Die Natur sorgt immer wieder für Überraschungen.Die Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen in Bezug auf das Können und die Weisheit der Natur. Hoffentlich übt man sich bald einmal mehr in etwas Demut.

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