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Folsäure: Das Janus-Vitamin

Eigentlich schien alles auf eine wunderbare Erfolgsgeschichte hinauszulaufen. Genauso, wie Fluor in der Zahnpasta unser Gebiss rettet, wurde Folsäure in Mehl, Nudeln und Salz zum Schutzengel aller Schwangeren. In einer Gesellschaft, die immer häufiger das Chili aus der Dose und die Currywurst an der Ecke einer aufwändigen Gemüseküche vorzieht, beugt das B-Vitamin im Lebensmitteln Missbildungen bei Neugeborenen vor. Nach rund zehn Jahren Erfahrung bei der Anreicherung von Lebensmittel in Kanada verkündete das New England Journal of Medicine 2007 einen Rückgang von Neuralrohrdefekten um rund die Hälfte, eine ungarische Untersuchung brachte es bei Multivitaminpillen sogar auf 90 Prozent. Diese Daten haben bisher 67 Staaten überzeugt, Folsäure zu Grundnahrungsmitteln dazuzumischen.
Doch auf einmal trüben neue Nachrichten die Sonne über dem strahlenden Paradestück staatlicher Gesundheitsvorsorge. Vor einigen Jahren fiel Epidemiologen auf, dass in den Ländern, die eine Anreicherung eingeführt hatten, auch die Krebsrate stieg. Noch in den achtziger Jahren schien genau das Gegenteil wahr zu sein. Damals waren Wissenschaftler überzeugt, dass das "Wundervitamin" Krebserkrankungen verhindere.
Blattgemüse wie Spinat, Feldsalat oder auch Brokkoli enthalten größere Mengen des Vitamins. 0,4 Milligramm empfehlen deutsche Ernährungswissenschaftler pro Tag, bei Schwangeren darf es ganz besonders in den ersten Wochen auch ruhig das Doppelte sein. Wer sich aber die Ernährungsbilanz des Durchschnittsdeutschen anschaut, kommt auf weniger als 300 Mikrogramm. Das ist für die ersten vier Wochen einer Schwangerschaft zu wenig. Die Folge: Erhöhtes Risiko für eine Spina bifida, Anencephalie oder Herzfehler beim Baby.

Höhere Krebsrate anstatt Prävention

Im Juni 2007 erschien im Journal of the American Medical Association (JAMA) ein Artikel von Bernard Cole und seinen Mitarbeitern der Polyp Prevention Study Group, dass die Gabe von einem Milligramm Folsäure pro Tag das Risiko eines kolorektalen Adenoms um rund 10 Prozent ansteigen ließ, das für eine entsprechende Läsion gar um 30 bis 60 Prozent je nach Follow up. Das Ergebnis schreckte alle auf, die bisher gedacht hatten, zusätzliche Vitamine zur Nahrungsergänzung könnten keinesfalls schaden.
Und es kam noch schlimmer: Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte Jane Figueiredo von der Universität in Los Angeles eine Analyse einer früheren Studie zu Folsäure-Supplementen. "Relative Risk = 1,63" lautete die Prognose für ein Prostata-Karzinom bei Männern, die zusätzliche Folsäure zu sich nahmen. "In den letzten zwanzig Jahren habe ich geforscht und auch in Veröffentlichungen gezeigt, dass zu wenig Folat das Risiko für einige Krebsarten erhöht", sagt Joel Mason, Professor an der Tufts University in Boston, "Aber seit kurzem wird es offenbar, dass es mit dieser Wechselbeziehung nicht so einfach ist, wie wir uns das gedacht haben." Denn auch in Chile steigt die Darmkrebsrate seit der Folsäure-Anreicherung.

Schlüssel in die Tumorzelle

Schon seit den vierziger Jahren weiß man, dass hohe Folsäure-Gaben das Risiko von Leukämien bei Kindern erhöhen. Ein Bericht einer Freiburger Arbeitsgruppe in Anticancer Research zeigt, dass Rezeptoren für Folat bei Ovarialkarzinom-Zellen stark überexprimiert werden. Schließlich kann Folsäure sogar als Schlüssel für Wirkstoffe dienen, um sie in das Innere von Tumorzellen zu schleusen. Auch daran arbeiten Freiburger Wissenschaftler. Im Körper spielt das Vitamin eine unentbehrliche Rolle bei der DNA-Synthese und Methylierungsreaktionen von DNA und Aminosäuren. Bei Folatmangel baut der Stoffwechsel Uracil statt Thymin in die DNA ein. Mit der Nahrung aufgenommenes natürliches Folat liegt in einer Mischung von Mono- und Polyglutamat-Formen vor, während das synthetische Produkt nur einen einzigen Glutaminsäurerest besitzt. Probanden, die mit der Nahrung viel Folat aufnehmen, haben in Untersuchungen sogar ein verringertes Risiko für Darm- wie für Prostatakrebs. Möglicherweise sind es daher unmetabolisierte Monoglutamate, die im Blut kreisen und Schaden anrichten könnten, wie Joel Mason und John Mathers von der Universität Newcastle spekulieren.
Bei aller Besorgnis über die Krebsrisiken dürfen die Vorteile einer Extraportion Folat bei Schwangeren nicht vergessen werden. Eine große Studie konnte erst vor kurzem bestätigen, dass die Zahl kongenitaler Herzdefekte in Kanada seit der Anreicherung deutlich abnahm – um rund sechs Prozent jedes Jahr. Vorher erreichten selbst intensive Kampagnen gegen Folatmangel nur etwa ein Drittel aller Frauen mit Kinderwunsch. Wie DocCheck im Gespräch mit Anke Weißenborn vom Bundesinstitut für Risikobewertung erfuhr, ist der kausale Zusammenhang zwischen Krebsrate und Folsäureanreicherung auch noch nicht endgültig geklärt. Jedoch sei eine obligate Anreicherung von Lebensmitteln ohne eine Mengenkontrolle an synthetischem Folat, das schließlich auf dem Tisch des Verbrauchers landet, zur Zeit unsicher.
Folsäure scheint einen ähnlichen Weg wie das Betacaroten zu gehen. Denn dort fanden zwei Studien heraus, dass eine hochdosierte Therapie mit dem Provitamin A nicht etwa zu weniger Krebsfällen, sondern im Gegenteil zu einem Anstieg der Rate führte. Auf den Seiten des Arbeitskreises Folsäure finden sich Informationen über den Folsäuregehalt vieler Lebensmittel. Wer der Gefahr entgehen möchte, die bei mehr als einem Milligramm zusätzlicher Folsäure im Körper droht, der sollte statt Multivitaminpillen mehr Spinat, Fenchel oder Erbsen in seinen Speiseplan einbauen.

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Dr. rer. nat. Erich Lederer

Medizinjournalist/in

82008 Unterhaching

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Kommentare

  • 26
    User_default_image
    07.07.09 - 11:13
    Dipl.-Soz.-Univ. Werner Stingl
    Medizinjournalist/in

    Unter diesem Aspekt sollte vielleicht auch noch mal ein nicht signifikanter Nebenbefund der NORVIT-Studie mit einem wider Erwarten registrierten tendentiellen Anstieg der Malignomrate in einer der Vit-B-Interventionsgruppen eingehend analysiert werden.

  • 25
    User_default_image
    06.07.09 - 10:52
    Priv. Doz. Dr. Dr. Wolfgang Bernhard
    Arzt/Ärztin

    Lieber Herr anonymus 24, Sie haben das mit der Kritik an den plakativen Monokausalitäten dann doch wohl nicht ganz verstanden!

  • 24
    06.07.09 - 10:12
    anonymous

    Folat? B12!
    Mit einem Mol B12 regeneriert (führt in die reduzierte Form des THF zurück) zwischen 500 und 1500 Mol Folat. Dies ist die wichtigste Funktion von B12, aber offensichtlich nicht die einzige, denn es gibt bekanntermaßen schwerste Schäden am ZNS bei B12 Mangel, ohne Anaemie oder andere Zeichen eines Folatmangels, wenn dieses im ausreichenden Maß verfügbar ist.
    Unter diesen Aspekten (eine normale genetische Ausstattung des Folat/C1 Stoffwechsels vorausgesetzt) sollte man des den Köpereigenen Regelkreisen überlassen, den Folatspiegel bedürfnisgerecht anzupassen. Eine Grundversorgung ist sicher sinnvoll, eine Dosierung im Sinne einer "pharmakologischen Intervention" ist doch eher fraglich.
    B12 ist der kritische Mikronährstoff. Der Aufnahme-Mechanismus ist derartig komplex und störanfällig, daß man sich eben nicht darauf verlassen kann, auch mit ausgewogener Ernährung immer auf der sicheren Seite zu sein. B12 ist ein "Speichervitamin" (in der Leber) welches wir monatelang missen können, wenn die Speicher vorher voll waren. Und wenn wir eine Resorptionsstörung haben (z.B. die heute so häufigen "Gasbäuche" wg. Fehlernährung bezw. Zufuhr individuell unverträglicher Nahrungsmittel (sei es Laktoseintoleranz, sei es ein anderer "allergischer" Nahrungsstoff, dessen regelmäßige Zufuhr sich der Patient angewöhnt hat), dann wird B12 langfristig eben nicht ausreichend enteral resorbiert.
    Eine Blutspiegelbestimmung von B12 hilft da auch nur begrenzt weiter, da wir eben nicht den Inhalt der Speicherorgane sehen. Wo das Cobalamin sitzt, sahen nur die Pioniere der B12 Forschung, als sie Radiocobalt markiertes B12 einsetzten. Deshalb halte ich des im Zweifelsfall so Folat in physiologischen Mengen zur Nahrung (also meist nichts zusätzlich!) und im Zweifel B12 4-6 mal im Jahr parenteral. Das ist dann zumindest sicher drin, auch wenn sich der Patient weiterhin mit Wabbelburger überernährt und ständig Flatulenz und breiige Stühle hat. (nicht das ich letzteres als ärztlicherseits ertrebenswerten Zustand ansehe, allein gegen Dummheit kämpfen auch die Götter vergebens)

    GS

  • 23
    User_default_image
    05.07.09 - 13:09
    Karin Neumann
    Medizinische/r Fachhändler/in

    Es wird immer wieder der gleiche Fehler gemacht und dann verkehrt wiedergegeben. Vitamine, Supplemente, Mineralien, Enzyme etc. sind nur in ihrer bioverfügbaren Form (natürlich verarbeiteten Form) vom Körper erkennbar, verwertbar und resorbierbar. Künstlich synthetisch hergestellte Supplemente können dies nicht, sind im Übermaß oft sogar bedenklich, da diese nicht vom Körper erkennbar sind und sich im Bindegewebe oder in der Leber u.a. Organen nicht abbauen und dort z.B. dann toxisch wirken können z.B. synthetisches Vitamin A bzw. Carotinoide. Im übrigen werden bei künstlich hergestellten Supplementen oft nur einzelne Substanzen isoliert hergestellt, was den ganzen komplexen Haushalt durcheinander bringt. Besser sind die Wirkungen von natürlichen pflanzlichen oder mineralischen Supplementen mit ihren ganzen Wirkmechanismen in Toto d.h. mit ihren ganzen feinstofflichen Informationen, welche synthetisch hergestellte Supplemente nicht haben.

  • 22
    02.07.09 - 08:47
    Pharmazeutix

    Wer glaubt, ein Stoff, der in solch geringen Mengen eine Wirkung zeigt (oder dessen Fehlen ebenso), sei "harmlos", ist naiv.

    Leider fehlen entsprechend respektvolle Warnhinweise in einschlägigen Medien, die regelmäßig irgendwelche Naturstoffe (aus dem Zusammenhang gerissen) zu Wundermitteln aufbauschen.

    Trotzdem! Wie lange müßte man denn wohl wieviel Erbsen essen, um gesichert eine vernünftige Dosis Folat im Blut zu haben?
    0,4mg Folat/Tabl. zusätzlich zur gesunden Ernährung halte ich für einen guten Kompromiss.

  • 21
    Defaultmedium
    01.07.09 - 21:11
    Claus Bastel
    Arzt/Ärztin

    Es st sehr lobenswert,die biochemischen Zusammenhänge zu erklären. Hilfreicher wäre jedoch ,darauf hinzuweisen, dass wir die Natur nicht künstlich gewollt ersetzen können
    Besinnen wir uns -oder besser noch- helfen wir mit dem
    Synergismus der Natur. Wissenschaftlich belegte Studien
    weisen immer häufiger auf die Bedeutung dieser Erkenntnis hin.
    Das heßt nichts anderes ,als sein Ernährungsverhalten zu überprüfen und gegebenenfalls zu Ändern oder auf bioverfügbare Nahrungsoptimierung zu setzen.

    Profilneurose ist im Sinne der Patienten fehl am Platze

  • 20
    Icondirect
    01.07.09 - 14:49
    Dr. rer. nat. Erich Lederer
    Medizinjournalist/in

    Ich möchte mich noch einmal zu den hilfreichen aber nicht ganz neutralen Kommentaren zu Herrn Dr. Biller melden.
    Ich hätte es zur Einordnung Ihrer Berichte aus Prag gut gefunden, wenn Sie in Ihrem Profil nicht nur Naturwissenschaftler gesetzt hätten, sondern auch als Vertreter der Firma Dr.Loges + Co GmbH, die selber Folsäure-Präparate auf dem Markt anbietet.

  • 19
    User_default_image
    01.07.09 - 12:22
    Priv. Doz. Dr. Dr. Wolfgang Bernhard
    Arzt/Ärztin

    Dieser Artikel und die Reaktionen darauf sind sehr interessant und lehrreich, berücksichtigen aber einige stoffwechsel- und entwicklungsphysiologische Aspekte nicht ausreichend.

    Die Neuralrohrdefekt entstehen zu einem Zeitpunkt im 1. Schwangerschaftstrimenon, wo etliche Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind und Folsäurepräparate nicht regelmäßig einnehmen.

    Die häufigen vorhandenen Folsäure-Stoffwechseldefekte, z. B. durch Mutation der MTHFR-(Methyl-Tetrahydrofolat-Reduktase) oder ähnlicher Defekte (ca. 10% homozygot; ca. 40% heterozygot) werden sinnvollerweise durch Gabe von Methyl-Tetrahydrofolat/Methylfolat/Metafolin als stoffwechselrelevante Wirkform behandelt, aber doch eher nicht durch Überangebot des Vorläufers Folsäure und anderer Vitamine. Es sei denn, für diese existiert ein Mangel.

    Aber, die Problematik ist viel komplexer, wenn man sich die Mühe macht, in der Stoffwechselphysiologie nachzuschauen:

    Erstens steht der Folat-Stoffwechsel nicht nur in enger Beziehung zu dem von z. B. Vit. B12, sondern auch dem von Cholin, einem essentiellen und in der Schwangerschaft oft kritischen Nährstoff (Zeisel, Am. J. Clin. Nutr. 2009; 89(suppl), 673S-677S; Shaw et al; Am. J. Epidemiol. 2004, 160, 102-109)

    Zweitens wird Folsäure nun einmal zu Tetrahydrofolsäure (THF) reduziert und daraus entstehen schrittweise
    I. 10-Formyl-THF für die Purin- und DNA-Synthese
    II. 5,10-Methenyl-THF für den Histidinstoffwechsel (eine Aminosäure)
    III: 5,10-Methylen-THF für den Serinstoffwechsel (ebenfalls eine Aminosäure)
    und letztlich über einen oft defekten Stoffwechselschritt
    IV: 5-Methyl-THF für die Bildung von Methionin aus Homozystein.
    Dieses Methionin wird aktiviet und it dann Methylgruppenlieferant für sehr viele und wichtige Stoffwechselvorgänge (Kreatinbildung für die Muskulatur; Phospholipidsynthese in der Leber [s.u.]; DNA-Methylierungen; Inaktivierung des Entzündungsprodukts Histamin etc.)

    Der sehr wichtige Schritt der Methioninsynthese findet alternativ auch durch Methylgruppen-Übertragung aus dem Cholinabkömmling Betain statt. Man geht davon aus, dass es ein alternativer und der wichtigere Stoffwechselweg für die Entstehung "aktivierter Methylgruppen" ist. Cholinmangel führt deshalb ebenso zur Häufung von Neuralrohrdefekten, wie ein Folat-, oder besser Tetrahydrofolat-Mangel (s. o.). Ebenso führt der Cholin- oder Betain-Mangel zu Steatose ("Verfettung") der Leber, ggf. zur Steatohepatitis, da in der Leber die aktivierten Methylgruppen des Methionins für die Phospholipidsynthese (Lezithinstoffwechsel; PEMT-Reaktion) benötigt werden. Insbesondere in der Schwangerschaft scheint diese PEMT-Reaktion, die unter Kontrolle von Östrogenen steht, wichtig zu sein.

    Über eine Tumorinduktion oder -häufung durch Cholin ist nichts bekannt.

    In summa: Optimierung der Nährstoffversorgung ist komplexer, als es uns plakative Monokausalitäten und der Glaube an eine einzelne Substanz oder Tablette glauben machen wollen...

  • 18
    01.07.09 - 12:13
    anonymous

    zitat:
    "In diesem Zusammenhang möchte ich darum bitten, die obsolete Bezeichnung "Missbildung", die leider in populärwissenschaftlicher Literatur immer noch genutzt wird und Betroffene unnötig stigmatisiert, gegen den Terminus "angeborene Fehlbildungen" zu ersetzen."

    Und was ist da jetzt besser an "angeboren fehlgebildet"? Der deutsche Sprachgebrauch sicher nicht.

  • 17
    Icondirect
    01.07.09 - 11:28
    Dr. rer. nat. Erich Lederer
    Medizinjournalist/in

    Sehr geehrter Her Biller,
    Vielen Dank für Ihre Anmerkungen, insbesondere zu den Resultaten von Prag, die ich nicht mehr in meinen Artikel aufnehmen konnte.
    Aus Koinzidenz auf Kausalität zu schließen, ist sicher falsch, da haben Sie völlig recht. Deswegen habe ich mich auch bei deutschen Experten auf diesem Gebiet versichert und gerade im vorletzten Absatz diese Position dargelegt.
    Ebenso richtig ist, dass wir im allgemeinen zuwenig Folsäure zu uns nehmen. Die Folgen gerade bei ungeplanten Schwangerschaften sind eine erhöhte Rate an angeborenen Fehlbildungen.
    Auf eine Tatsache, auf die ich aufmerksam machen wollte, ist das Vorliegen von Untersuchungen, die seit der Anreicherung von Lebensmittel mit Folsäure eine steigende Rate an Darm- und Prostatakrebs beobachten (das heißt nicht, das Folsäure im Mehl Krebs verursacht!), die zwar zum Teil gering, aber dennoch signifikant ist, und das in mehreren Ländern. Daher stellen einige Länder ihre Pläne zur generellen Anreicherung von Lebensmittel mit Folsäure in Frage.
    Sie haben recht, z.B. Brustkrebszahlen in Amerika sinken seit der Anreicherung. Der Rückgang an Neuralrohrdefekten ist beeindruckend und bis jetzt hat es keine Kampagne geschafft, solche Rückgänge zu bewirken. Auch sollte man tunlichst darauf verzichten, die Zahlen von Fehlbildungen mit den Krebstoten zu vergleichen.

    Wo man vorsichtig sein sollte (darauf habe Sie ja hingewiesen) ist die unkontrollierte Zufuhr von synthetischer Folsäure (auch deswegen sehen viele die Anreicherung kritisch) nach dem Motto: Sicher ist sicher - lieber etwas mehr. Es scheint so. dass unterhalb von 1mg das Risiko relativ gering ist.
    Dennoch halte ich die Überschrift für ok. Denn Vitamine sind nicht immer generell (unkontrolliert zu sich genommen) gesund. Dagegen: wer sich mit Gemüse mit viel Folsäure ernährt, kann nichts falsch machen.

  • 16
    01.07.09 - 10:17
    anonymous

    Sehr geehrte/r Herr/Frau Bösch,
    zur Erläuterung lässt sich Folgendes sagen:
    Folsäure ist nicht gleich Folsäure. Wir verwenden den Begriff im Alltag zwar synonym, aber in der Nahrung kommen sog. Folate vor mit sehr unterschiedlicher Bioverfügbarkeit:

    Folat ist der Oberbegriff für eine Vielzahl von Verbindungen mit Folsäurecharakter, die in der Nahrung vorkommen. Folate bestehen aus einem Pteridinring und para-Aminobenzoesäure, an deren Carboxylende bis zu acht Glutaminsäurereste gebunden sind (Pteroylpolyglutamate). Natürliche Folate unterscheiden sich in der Länge der Glutamylkette, im Hydrierungsgrad des Pteridinringes und in der Substitution von C1-Einheiten, wie
    z. B. Methyl- an N-5 und N-10. Das Grundgerüst der Folate bildet immer die Pteroylmonoglutaminsäure (PGA), die auch als freie Folsäure bezeichnet wird. Sie besitzt im Gegensatz zu den Folaten lediglich einen Glutaminsäurerest. Neben natürlich vorkommender
    Folsäure kann die Substanz synthetisch hergestellt werden und findet so ihren Einsatz in Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln.

    Die Nahrung enthält fast ausschließlich Polyglutamatverbindungen. Da eine Resorption
    ausschließlich über Monoglutamate erfolgen kann, werden die Polyglutamate im Bürstensaum der Mukosazellen des Duodenums und des oberen Jejunums mit Hilfe der
    Gamma-Glutamylcarboxypeptidase (Konjugase) zu resorbierbaren Monoglutamatverbindungen abgebaut.

    Die Bioverfügbarkeit von Nahrungsfolaten ist nicht immer konstant. Wesentliche Unterschiede in der Bioverfügbarkeit sind vor allem bei den verschiedenen Polyglutamaten
    zu verzeichnen. Während Monoglutamate (freie Folsäure, z.B. in Supplementen) fast vollständig resorbiert werden, ist das bei einigen Polyglutamaten nur zu 20 % der Fall. Dagegen kann den Lebensmitteln zugesetzte synthetische Folsäure zu 90-95 % und Folsäure in Tablettenform
    zu 100 % resorbiert werden.

    Für Leser mit weiterem Interesse finden Sie ien Kurzzusammenfassung zu Folsäure/Folat hier (mit den jeweiligen Literaturangaben):
    http://www.angeborene-fehlbildungen.com/images/stories/ErlaeuterungenFolsaeure.pdf

  • 15
    01.07.09 - 10:08
    Pharmazeutix

    Als Nahrungsmittelzusatz hat man gar keine Kontrolle über die Gesamtzufuhr und der Wirkstoff wird verharmlost. Genauso verhält es sich mit Multivit.-Produkten, die mehr oder weniger von allem etwas haben, bei denen der Patient schnell mal eine Überdosierung nach dem Motto "viel hilft viel" einwirft.
    Dazu interessiert mich, wie hoch die Dosis Folat war, in Form von welchem Derivat und wielange es genommen wurde.

  • 14
    01.07.09 - 09:51
    Barfus

    @ 10
    Ja nur als Naturkundlerin kann man so einen unreflektierten Quatsch verbreiten.

  • 13
    01.07.09 - 09:51
    anonymous

    an Frau Dr. S. Pötzsch

    wie erklären Sie bitte eine 100%-Resorption eines Synthetikvitamins gegenüber einer 50%-Resorption eines natürlichen?

    mfG K.U.Bösch

  • 12
    User_default_image
    01.07.09 - 08:43
    Dr. med. Simone Pötzsch
    Arzt/Ärztin

    Sehr geehrter Dr. Lederer,
    vielen Dank für das Interesse, das Thema Folsäure zu bearbeiten und darüber zu informieren.
    In diesem Zusammenhang möchte ich darum bitten, die obsolete Bezeichnung "Missbildung", die leider in populärwissenschaftlicher Literatur immer noch genutzt wird und Betroffene unnötig stigmatisiert, gegen den Terminus "angeborene Fehlbildungen" zu ersetzen.
    Und noch ein Hinweis. Folsäure aus natürlichen Lebensmitteln wird vom menschlichen Körper nur zu 50 % resorbiert (aus Supplementen zu 100%). Eine Schwangere hat einen tgl. Folsäurebedarf von 600 µg. Im Mittel liegt die tgl. Folsäureeinnahme der deutschen Bevölkerung bei 200-300 µg. Deshalb wird allen Frauen im gebärfähigen Alter die Einnahme eines Folsäurepräparates in einer Dosierung von 400 µg/d empfohlen (mindestens 4 Wochen vor Eintritt der Schwangerschaft!). Was wird nun mit den geschätzten 50 % Frauen, die ungeplant schwanger werden??? Die Überlegungen zur wissenschaftlich begründeten und sicheren Folsäureanreicherung z.B. von Mehl sollten nicht so einfach vom Tisch gewischt werden.
    Übrigens. Eine Schwangerschaft von 1.000 ist von einem Neuralrohrdefekt betroffen. Wer einmal Kinder mit Spina bifida gesehen hat (persönliches Schicksal/medizinische Kosten lebenslang) wird vielleicht noch einmal überlegen, ob Folsäure nicht doch in diesem Zusammenhang etwas ernster genommen werden sollte.

  • 11
    01.07.09 - 07:11
    anonymous

    Von Gott geliefert =gut, von Menschenhand nicht! Wie sieht es aus mit Ernährung und Selbstverantwortung?

  • 10
    01.07.09 - 02:29
    anonymous

    Vitamine sollten, wenn möglich, immer innerhalb ihrer natürlichen Matrix bzw. in natürlicher Form verabreicht werden.

  • 9
    Icondirect
    30.06.09 - 22:16

    Als Naturheilundlerin kann ich dazu nur sagen, dass alles, was dem Körper in unnatürlicher Form zugeführt wird, kein gesundheitliches Nutzen hat.

    Alle künstlich hergestellten Vitamin-, Spurenelemente- spowie Mineralien, mit denen der Markt überschwemmt ist, werden vom mesnchlichen Körper gar nicht verstoffwechselt.

    Hätten Ärzte mehr Wissen über ausgewogenene, gesunde Ernährung, gäbe es auch weniger Kranke.

  • 8
    User_default_image
    30.06.09 - 20:31
    Dr. Franz Kass
    Chemiker/in

    Warum sollte der berühmte Ausspruch des Paracelsus ausgerechnet für Vitamine nicht gelten?

  • 7
    Icondirect
    30.06.09 - 18:47
    Dr. med. dent. Susanne Vornweg
    Zahnarzt/-ärztin

    oder Folsäure in natürlicher Form zuführen, nämlich durch Ernährungsoptimierung mit wissenschaftlicher Fundierung aus Obst und Gemüse. Alle fortgebildeten Kollegen, wissen, was ich meine. Den anderen gebe ich gern Links zur Info.

  • 6
    User_default_image
    30.06.09 - 17:36
    Dr. Andreas Biller
    Naturwissenschaftler/in

    Leider vergessen:
    Es war die "7th International conference on Homocysteine metabolism"
    Zum 1. Kommentar: 5 mg Folsäure ist zuviel! 800µg Folsäure sind genug, unbedingt in Kombination mit den Vitaminen B12, B6, sonst kommt es zur Folatfalle.
    B12 muss oral hoch dosiert werden, um eine passive Resorption ohne intrinsic factor zu ermöglichen.
    Unter welchem Gendefekt leiden Sie?
    Häufig ist die Genmutation MTHFR 677 C>T. Die Folge ist eine thermolabile MTHF-Reduktase, die sehr schlecht Vitamin B2 bindet. 1,6 mg Vitamin B2 zusätzlich pro Tag führen zu einer deutlichen Senkung des Homocysteinwertes.

  • 5
    30.06.09 - 17:18
    anonymous

    Sehr geehrter Herr Dr. Lederer,
    ich bitte Sie mit großem Nachdruck um mehr Verantwortungsbewußtsein!
    Es gibt zu diesem Zeitpunkt absolut keine wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse, die für eine krebsfördernde Wirkung von Folsäure sprechen. Dies ist das Fazit von Prof. R. Clarke, University of Oxford (Clinical Trial Service Unit), auf der 7. internationalen Konferenz vom 21.-25. Juni 2009 in Prag. Clarke hat zusammen mit diversen anerkannten Wissenschaftlern die Daten der wichtigsten Interventionsstudien mit Folsäure vereint und mit größter Sorgfalt neu ausgewertet. Ergebnis: Das relative Risiko lag bei 1, also keine Krebsgefahr durch Folsäure.
    Im Gegenteil, mehrere Studien zeigen eine protektive Wirkung gegenüber Darmkrebs. Seit der Anreicherung des Getreidemehls in den USA sinkt die Brustkrebsrate. Doch Vorsicht mit schnellen Schlussfolgerungen auf der Grundlage von epidemiologischen Studien. Die Krebsrate unterliegt vielen Einflussfaktoren. Neue Diagnostikmethoden führen zu höheren Krebsraten, weil der Krebs früher erkannt wird. Koinzidenz und Kausalität sind eben zwei verschiedene Dinge.
    Wir müssen Argumente austauschen, wissenschaftliche Daten generieren und dann die Endergebnisse veröffentlichen. Die von Ihnen gewählte Überschrift ist nicht hilfreich, sie nimmt das Ergebnis der Diskussion vorweg. Es besteht die große Gefahr, dass Menschen aus Angst vor einer Krebserkrankung die sinnvolle Folsäureeinnahme aufgeben. Dies wird zu mehr missgebildetren Babys, zu mehr Schlaganfällen und zu mehr Demenzerkrankungen führen. missgebildeten Folsäure

  • 4
    User_default_image
    30.06.09 - 17:11
    Stefan Fabian
    Arzt/Ärztin

    Ich arbeite seit ca. 10 jahren im Bereich Folsäure und finde diesen Beitrag interessant.

  • 3
    User_default_image
    30.06.09 - 16:47
    Dr. Lucie Sahl
    Arzt/Ärztin

    schon seit Jahrzehnten ist es obsolet nur Folsäure allein und und diese nicht gemeinsam mit Vitamin B12 zu geben. Außerdem werden oft 5 mg und nicht 0,5 mg gegeben, der helle Wahnsinn!

  • 2
    User_default_image
    30.06.09 - 16:44
    Dr. med. Werner Binder
    Arzt/Ärztin

    sehr gut

  • 1
    30.06.09 - 15:55
    anonymous

    Das ist ein interessanter Artikel. Interessant und beunruhigend zugleich.
    Aufgrund eines im Rahmen einer Gerinnungsdiagnostik entdeckten Gendefekts im Folatstoffwechsel (MTHFR) wurde mir geraten möglichst täglich 5 mg Folat und entsprechende B-Vitamine nicht zuletzt zur senkungs des Homozysteinspiegels (der im deutl. pathologischen Bereich lag) einzunehmen.
    Das Enzym, das bei dieser Störung letztlich das Folat zellstoffwechselgerecht verwertet, liegt lediglich in einer thermolabiben Form vor, die bei Körpertemperatur eigentlich schon wieder zerfällt. Die, natürlich nicht kausal, Therapie bestand im Ansatz: man schaffe ein Überangebot an Folat (nebst B12 und B6) und biete so mit dem Körper zumindest die Möglichkeit die genetisch bedingte Unterversorgung auszugleichen durch relatives Überangebot, dass auch noch den Nebeneffekt einer effektiven HCY-Senkung hat.
    Wie verhält sich also die Dosierungsempfehlung oder generelle Vorgehensweise nun für Menschen mit dieser Störung? Krebsrisiko tolerieren zu gunsten eines HCY < 15 oder engmaschigere Konrollen?
    Dabei sei angemerkt, dass weder Vitaminpräparat noch Messung des HCY Kassenleistung sind...

    Es wäre noch interessant zu erwähnen, dass, je nach Studie, die Zahl der Betroffenen dieser MTHFR-Störung in homozygoter Form bei bis zu 15% in der mitteleuropäischen Bevölkerung gesehen wird. Die Vorkommensweise der heterozygoten Störung ist entsprechend noch höher und wird, wieder je nach Studie bei maximal 45% der Bevölkerung vermutet.

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