Depressiven und ängstlichen Menschen stellen Psychologie und Medizin ein ganzes Bataillon an Behandlungsstrategien zur Verfügung. Von Gesprächstherapien über analytische Verfahren bis hin zur medikamentösen Behandlung reicht die Palette. Entscheidend ist es, die für den individuellen Fall richtige Strategie heraus zu finden. Anerkannt im Kampf gegen Depressionen und Angststörungen sind auch kognitive und verhaltenstherapeutische Ansätze. Sie zielen darauf ab, den Patienten ihre unerwünschten Gefühle und deren Mechanismen bewusst zu machen und sie so zu entmystifizieren.
Die kognitive Verhaltenstherapie kennt verschiedene Verfahren, um ihre Patienten zu erreichen. Klassische therapeutische "Sitzungen" sind ein möglicher Weg zum Ziel, aber auch Selbsthilfebücher und Computerprogramme haben ihren therapeutischen Nutzen unter Beweis gestellt.An der National University in Canberra, der Hauptstadt Australiens, hat jetzt eine Arbeitsgruppe um die Ärztin Helen Christensen am "Center for Mental Health Research" der Verhaltenstherapie mit einem (englischsprachigen) Internetprogramm das Tor zu einem neuen Medium geöffnet. Das über die Webseiten der Universität kostenlos zugängliche Programm MoodGYM, ein wenig frei übersetzbar mit "Stimmungstraining", richtet sich an junge Menschen mit Depressionen oder Angststörungen. Ziel: die Vorbeugung und Behandlung von depressiven Episoden. "MoodGYM" besteht aus 5 kognitiven Trainingsmodulen sowie einem persönlichen (virtuellen) Arbeitsbuch, in dem zu den Modulen jeweils verschiedene Ðbungen und kleinere Tests abrufbar sind. Modul 1 etwa klärt darüber auf, wie die Stimmung durch das Denken beeinflusst wird. Modul 2 gibt den Teilnehmern Methoden an die Hand, "gefährliche" Gedanken rechtzeitig zu erkennen und zu umgehen. Andere Module trainieren typische Situationen oder machen mit Strategien zum Stressabbau vertraut. Ein Modul dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Wer bei "MoodGYM" mitmachen möchte, muss zunächst einen anonymen Fragebogen ausfüllen, in dem unter anderem Geschlecht und Alter angegeben werden müssen. Außerdem wird anhand der etablierten Goldberg-Skalen für Depressions- und Angsterkrankungen ein "Psycho-Status" erhoben.
Christensen und ihre Kollegen haben "MoodGYM" in der Zeit von April 2001 bis September 2001 wissenschaftlich begleitet und die Ergebnisse ihrer Analysen sowie die Schlüsse daraus in der neuesten Ausgabe des "Journal for Medical Internet Research" veröffentlicht. In 6 Monaten wurde "MoodGYM" immerhin 817284 mal angeklickt. Insgesamt 2909 Surfer ließen sich registrieren, füllten also den anonymen Fragebogen aus. 1503 davon beendeten mindestens eines der Module und komplettierten den jeweils abschließenden Psycho-Status vollständig. Studenten des Studiengangs "Abnormal Psychology" der National University dienten als Kontrollgruppe. Außerdem wurden die Daten des anfangs zu absolvierenden Psychotests mit solchen einer unlängst durchgeführten repräsentativen Erhebung im Raum Canberra verglichen. Die Ergebnisse: Während sich die Studenten in ihrem Psychostatus nicht signifikant von dem repräsentativen Durchschnitt in Canberra unterschieden, lagen die übrigen rund 2800 Registranten auf der Angst- und Depressionsskala deutlich im pathologischen Bereich. Die Zielgruppe wurde also erreicht. Wer mindestens ein Modul beendete, fiel auf der 9 Punkte umfassenden Goldbergskala im Durchschnitt signifikant um 3 Punkte ab. Bei Probanden, die mehr als ein Modul beendeten, war der Effekt dann besonders ausgeprägt, wenn zwischen den jeweiligen Tests mehr als eine Woche lag, wenn sich die Probanden also einer Art Langzeitbehandlung unterzogen. Doch auch wenn die Module im Schnellgang durchgezogen wurden, verbesserte sich der Punktwert. Diese Beobachtung korrespondiert mit Daten aus der traditionellen Verhaltenstherapie, die zeigen, dass in der kognitiven Angst- und Depressionsbehandlung bereits Einmalsitzungen einen messbaren Erfolg haben.
Als Beweis dafür, dass "MoodGYM" wirklich therapeutisch wirksam ist, wollen die Autoren ihre Daten nicht verstanden wissen. Einen solchen Beweis könnte erst eine randomisierte und kontrollierte Studie erbringen, bei der die Teilnehmer mit anderen Patienten auf Wartelisten und in traditionellen Therapieprogrammen verglichen werden. Das Potenzial des Internets als Behandlungsmedium allerdings macht "MoodGYM" mehr als deutlich. Schon die enorme Zahl von Klicks und die immer noch beträchtliche Zahl von Absolventen, die übrigens überwiegend nicht aus Australien kamen, zeigen den Bedarf für derartige Onlineangebote. Praktisch ohne Werbung schaffte es "MoodGYM" immerhin auf Platz 15 in der zum Zeitpunkt der Erhebung 1790 Einträgeumfassenden Subkategorie "Mood" der Suchmaschine Google - ein Zeichen für die Beliebtheit der Seite und für eine hohe Zahl an geschalteten Querlinks von anderen, beliebten Web-Anlaufstellen zum Thema Depression.
Danke für den Beitrag, war auf jeden Fall recht interessant, mal bei MoodGYM reinzuschauen! Auf jeden Fall nebenwirkungsfrei ;-)