Nahrungsergänzungsmittel: Müsli macht mobil

1. September 2015
Teilen

Goji-Beeren, Maca-Pulver oder Kudzu-Wurzeln: Pflanzen aus fernen Ländern erobern deutsche Haushalte. Diese Nahrungsergänzungsmittel sind nicht immer wirksam und harmlos, wie Hersteller gerne behaupten. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt – auch in der Beratung.

Ein großer Unterschied: Nahrungsergänzungsmittel (NEM) zählen zu den Lebensmitteln. Auf Konsumenten wirken viele Pülverchen trotzdem wie Medikamente – sie diskutieren in Foren über vermeintliche Effekte der Wunderpflanzen. Zulassungsverfahren wie bei Medikamenten gibt es nicht. Firmen haften nur bei gesundheitlichen Folgen, die nachweislich auf entsprechende Produkte zurückgeführt werden können. In vielen Fällen prüfen Hersteller neuartige Pflanzen vor deren Verwendung im Lebensmittelbereich nicht hinlänglich auf deren Unbedenklichkeit.

Wirrwarr der Paragraphen

Eine Ausnahme stellen neuartige Lebensmittel (Novel Food) aus anderen Kulturkreisen dar, die vor Inkrafttreten der Novel-Food-Verordnung nicht in nennenswertem Umfang auf europäischen Märkten zu finden waren. Hier sind Zulassungsverfahren und Kennzeichnungspflichten vorgesehen. „Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die mit herkömmlichen Vermehrungs- oder Zuchtmethoden gewonnen wurden und erfahrungsgemäß als unbedenklich gelten, gehören nicht zum Geltungsbereich der Verordnung“, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Im Zweifelsfall hilft ein Blick in den Novel Food Catalogue bei der Einschätzung. Seit mehr als zehn Jahren hat auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) entsprechende Themen auf der Agenda. Mittlerweile existieren eine Leitlinie und ein Kompendium. In Deutschland geben die Anreicherungsverordnung, Anhang III, und die Stoffliste von Bund und Ländern einen Überblick. Die Liste A enthält Arten mit generellem Ausschluss, etwa Aristolochia, Aconitum, Datura/Brugmansia oder Ephedra. In der Liste B nennen Experten mehrere Pflanzen, die sich eingeschränkt für Lebensmittel eignen: Goji-Beeren (Lycium barbarum), Rosenwurz (Rhodiola rosea), Schlafbeeren (Withania somnifera), Kudzuwurzeln (Pueraria lobata), Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris) und Blutwurz (Potentilla erecta). Dazu einige Daten:

Wunderbeeren entzaubert

Goji-Beeren sind seit Jahren in Mode. Sie sollen reich an Antioxidantien sein und unser Immunsystem stärken – aber nicht mehr als deutlich preisgünstigere Äpfel, kritisieren Ernährungswissenschaftler. Laut einer Literaturarbeit der EFSA lässt sich derzeit keine evidenzbasierte Aussage zu besonderen antioxidativen Eigenschaften treffen. Verspeisen Konsumenten 50 Gramm der getrockneten Beeren, nehmen sie rund 66 Milligramm Zeaxanthin auf. Bei derartigen Mengen gibt es laut BfArM keinen Hinweis auf schädliche Effekte. Ob die Dosis zur Neuroprotektion ausreicht, ist zumindest denkbar.

Seltsames aus Sibirien

Aus Sibirien kommt der Rosenwurz (Rhodiola rosea) in deutsche Lande. Die Bewohner verwenden Blätter und Wurzelstöcke nicht nur als traditionelles Gericht. Sie erhoffen sich davon auch mehr Konzentrationsvermögen und eine bessere Gedächtnisleistung. Wissenschaftler vermuten, dass Inhaltsstoffe hemmend auf die Monoamin-Oxidase wirken. Allerdings schwanken Studien der europäischen Arzneimittelagentur EMA zufolge stark in ihrer methodischen Qualität. Nahrungsergänzungsmittel oder Heilpflanze – eine Frage, die noch offen ist. EU-Experten stufen den Rosenwurz momentan als NEM ein. Untersuchungen mit Probanden, die maximal 1.800 Milligramm Trockenextrakt pro Tag eingenommen hatten, ergaben keinen Hinweis auf gesundheitliche Gefahren. Bei frischen Pflanzen lässt sich das cyanogene Glykosid Lotaustralin nachweisen. Um tatsächlich letale Dosen an Blausäure aufzunehmen müssten Verbrauher mehrere Kilogramm Pflanzenmaterial verspeisen.

An der Wurzel gepackt

Produkte für Sportler erhalten teilweise Kudzu-Wurzeln (Pueraria montana) oder Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris) als NEM. Eine übliche Tagesdosis von maximal 18 Gramm Kudzu-Wurzeln führt zur Aufnahme von 900 Milligramm Isoflavonen. Zum Vergleich: Bei normaler Ernährung nehmen Konsumenten ein bis zwei Milligramm pro Tag auf. Gesundheitliche Risiken sind je nach Dosis nicht auszuschließen. Das betrifft in erster Linie werdende oder stillende Mütter sowie Frauen in der Menopause. Der Erd-Burzeldorn wiederum soll als „natürliches Anabolikum“ wirken. Wissenschaftlich fehlen bislang handfeste Beweise. Ähnlich düster sieht die Sachlage bei Maca-Wurzeln (Lepidium meyenii) aus. In Foren loben User vermeintlich positive Effekte auf Körper und Geist. Das Pulver soll als natürliches Potenzmittel wirken. Verschiedenen Untersuchungen zufolge ändern sich im Körper zumindest keine Hormonspiegel. Bleibt als Kritik, dass Andenbewohner – von dort kommt die begehrte Knolle – weitaus höhere Mengen verspeisen als Konsumenten hier zu Lande.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Bleibt als Resümee, dass bei vielen NEM derzeit kaum hochwertige Daten vorliegen. Deshalb warnen Juristen, Beeren oder Pülverchen mit Heilversprechen in der Apotheke zu bewerben. Vor wenigen Monaten musste eine Kollegin aus Sachsen Lehrgeld zahlen. Sie verteilte als Marketing-Gag Curcuma und wies auf mögliche protektive Effekte gegen Alzheimer, Krebs oder Entzündungen hin. Prompt schalteten sich Verbraucherschützer ein, und besagte Kollegin stoppte ihre Kampagne. Anne-Katrin Wiesemann, Referentin Lebensmittelrecht bei der Verbraucherzentrale Sachsen, sieht dies nur als Teilerfolg. Ihrer Erfahrung nach nimmt die unzulässige und teilweise völlig überzogene Werbung mit Gesundheitsversprechen gerade für Pflanzenstoffe enorm zu. Verbraucher sollten sich nicht dazu verleiten lassen, Lebensmittel – sei es als Gewürz oder in einer Kapsel zur Nahrungsergänzung – in pharmazeutischem Kontext zu verwenden.

28 Wertungen (4.18 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Arzt
Arzt

Auf Grund dieser gesetzlichen Vorschriften, die unter Nahrungsergtänzung fallen und der dummen DGE wurde Jahrzehnte lang Vit.D UNTERDOSIERT.
Das ist keine unwichtige Kleinigkeit bei der “Volkskrankheit” Osteoporose und hüftgelenksnaher Oberschenkelfraktur.

#5 |
  0
Arzt
Arzt

Hallo, Herr Dr. Christian Beck, so schlimm mit der Wirkungslosigkeit ohne Nebenwirkung ist es Gott sei Dank ja nicht,
ich sage dazu auch den Patienten etwas pointiert, dass die meisten Fragen nicht mit ja oder nein, sondern mit der richtigen Dosis zu beantworten sind.
Das ist natürlich etwas schwieriger, deshalb wird lieber oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wie z.B. bei der ewigen (falschen) Warnung vor Salz.
Auch essentielle, also lebenswichtige Aminosäuren haben bei Übersdosierung eine Toxizitätsschwelle. Umgekehrt ist niedrig dosierte Bestrahlung gesundheitsfördernd.
Schwer zu vermitteln.

#4 |
  0
Arzt
Arzt

Ein wichtiger Beistrag, Herr Michael van den Heuvel,
allerdings muss bitte Lebensmittel bzw. Nahrung und Nahrungsergänzung (NEM) begrifflich auseinandergehalten werden, das ist gesetzlich nicht medhr weit vom Arzneimittel entfernt, mit dem gravierenden Unterschied,
dass es KEINE schädliche Nebenwirkung haben darf.:
http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/nemv/gesamt.pdf
daraus nur zur vorgeschriebenen Kennzeichnung § 4:

(1) Für ein Nahrungsergänzungsmittel ist die Bezeichnung “Nahrungsergänzungsmittel” Verkehrsbezeichnung im
Sinne der Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung.
(2) Ein Nahrungsergänzungsmittel darf gewerbsmäßig nur in den Verkehr gebracht werden, wenn auf der
Fertigpackung zusätzlich zu den durch die Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung vorgeschriebenen Angaben
angegeben sind:
1.
die Namen der Kategorien von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen, die für das Erzeugnis kennzeichnend sind,
oder eine Angabe zur Charakterisierung dieser Nährstoffe oder sonstigen Stoffe,
2.
die empfohlene tägliche Verzehrsmenge in Portionen des Erzeugnisses,
3.
der Warnhinweis “Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrsmenge darf nicht überschritten werden.”,
4.
ein Hinweis darauf, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht als Ersatz für eine ausgewogene und
abwechslungsreiche Ernährung verwendet werden sollten,
5.
ein Hinweis darauf, dass die Produkte außerhalb der Reichweite von kleinen Kindern zu lagern sind.

etc.

#3 |
  0
Apotheker

In Abwandlung eines bekannten Pharmakologen-Spruches “Ein Nahrungsergänzungsmittel welches von sich behauptet keine Nebenwirkungen zu haben, steht in dringendem Verdacht auch keine Hauptwirkung zu haben”
Das gilt natürlich auch vice versa!
Für die im Artikel angesprochenen Goji-Beeren reicht es schon für eine Warnung des BfArM: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (2013; 1: 15-17):

“FAZIT: Ärzte und Patienten sollten sich der Möglichkeit einer Wechselwirkung von Vitamin-K-Antagonisten mit der Goji-Beere bewusst sein. Entsprechende Fälle könnten sich durch die zunehmende Verwendung dieser Beeren häufen. Dabei sollte insbesondere auf die zunehmende Verbreitung von Zubereitungen aus Goji-Beeren, wie zum Beispiel Tees, Marmeladen etc., in Deutschland geachtet werden. Patienten, die Vitamin-K-Antagonisten einnehmen, sollten
Zubereitungen, die Goji-Beeren enthalten, vermeiden.
Zur Ursachenabklärung bei plötzlicher INR-Erhöhung sollte unbedingt in der Anamnese nach dem Verzehr von Goji-Beeren wie zum Beispiel Tee oder Marmeladen gefragt werden. Entsprechende Spontanberichte bitten wir der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) oder dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu melden. ”

Auch vermeintliche “Wundermittel” haben so Ihre “Tücken”. Die Arzneimittelgeschichte ist voll davon …

#2 |
  0
Anette Skowronsky
Anette Skowronsky

Danke für die Zusammenstellung, sehr hilfreich

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: