Artesunat: Zweitkarriere bei Krebs

30. September 2011
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Der Naturstoff Artemisinin und seine Abkömmlinge helfen nicht nur im Kampf gegen Malaria sondern möglicherweise auch in der Krebstherapie. Forscher konnten nun die molekularen Details entschlüsseln, wie es diesen Wirksubstanzen gelingt, Krebszellen zu vernichten.

In der Natur findet man viele Pflanzen, deren Inhaltstoffe eine ausgeprägte Heilwirkung besitzen. Ein prominentes Beispiel ist der Einjährige Beifuß, dessen Extrakte schon lange Verwendung in der tradionellen chinesischen Medizin gegen Malaria finden. Mitte der 1970er Jahre identifizierten Wissenschaftler die Wirksubstanz Artemisinin in den Blättern und Blüten der Pflanze. Mittlerweile werden sie und ihr halbsynthetisches Derivat Artesunat weltweit zur Behandlung von Infektionen mit multiresistenten Stämmen von Plasmodium falciparum, dem Erreger der Malaria tropica, verwendet.

Doch offenbar beschränkt sich die Wirkung von Artemisinin und seinen Abkömmlingen nicht nur auf den Auslöser der Tropenkrankheit: Mehrere Untersuchungen deuten daraufhin, dass die Malariamittel auch bei einer Reihe von Krebsarten ihr zerstörerisches Potenzial entfalten können. Nun fand ein Forscherteam des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des BioQuant-Zentrums der Universität Heidelberg heraus, auf welche Weise es Artesunat schafft, den programmierten Zelltod von Tumorzellen auszulösen. Wie die Wissenschaftler um Nathan Brady und Anne Hamacher-Brady in der Fachzeitschrift Journal of Biological Chemistry berichten, spielen dabei bestimmte Zellorganellen, die so genannten Lysosomen, und das darin enthaltene lysosomale Eisen eine zentrale Rolle. Lysosomen sind normalerweise verantwortlich für den Abbau von verschiedenen zellulären Bestandteilen, die die Zelle nicht mehr benötigt.

Tödliche Wirkung schon nach kurzer Zeit

Die Heidelberger Forscher verwendeten für ihre Experimente Brustkrebszellen. Diese behandelten sie im Reagenzglas mit unterschiedlichen Mengen an Artesunat und beobachteten anschließend die Überlebensfähigkeit der Zellen. In höheren Dosierungen aktivierte Artesunat bereits nach 24 Stunden den programmierten Zelltod. Interessanterweise wirkte das Malariamittel jedoch weniger toxisch auf die Krebszellen, wenn die Konzentration an reaktiven Eisen in den Lysosomen mit Hilfe eines speziellen Komplexbildners erniedrigt worden war.

“Das Eisen reagiert in den Lysosomen mit Artesunat. Dabei entstehen unter anderem freie Sauerstoffradikale”, erklärt Hamacher-Brady. “Die Radikale sind extrem reaktiv und oxidieren bestimmte Bestandteile der Lysosomen.” Diese Veränderungen lösen eine Signalkaskade aus, die bewirkt , dass in den Mitochondrien der programmierter Zelltod in Gang gesetzt wird. Warum Artesunat Brustkrebszellen zerstören kann, aber normale Brustepithelzellen in Ruhe lässt, darüber kann Hamacher-Brady nur spekulieren: “Aufgrund ihres schnellen Wachstums enthalten Krebszellen mehr reaktives Eisen in ihren Lysosomen als gesunde Zellen. Wir vermuten, dass Krebszellen deshalb so empfindlich auf Artesunat reagieren.”

Alternativer Wirkmechanismus

In einer weiteren Versuchsreihe konnte das Team um Hamacher-Brady außerdem zeigen, dass Artesunat den Vorgang der Autophagie blockiert: Dieser Prozess unterstützt das Überleben von Krebszellen, indem er ihnen ermöglicht, nicht mehr benötigte Zellbestandteile in die Lysosomen einzuschleusen und dort zu recyclen. “Artesunat hemmt das Wachstum von Krebszellen auf eine Weise, wie wir es von anderen zytostatisch wirksamen Substanzen nicht kennen”, sagt Professor Thomas Efferth, Leiter der Abteilung für Pharmazeutische Biologie an der Universität Mainz. “Das macht seinen Einsatz in der Krebstherapie vor allem dann interessant, wenn bei etablierten Chemotherapeutika Resistenzen auftreten.”

Efferth entdeckte vor rund fünfzehn Jahren, dass Artesunat Krebszellen daran hindern kann, sich weiter zu vermehren. Seitdem führten er und seine Mitarbeiter nicht nur Versuche im Reagenzglas aus, sondern erprobten die Substanz auch erfolgreich im Tiermodell. Basierend auf diesen Ergebnissen wurden mehrere klinische Studien gestartet, in deren Verlauf die Wirksamkeit von Artesunat bei Krebspatienten getestet werden soll. Mit den ersten Ergebnissen rechnet Effert in rund zwei Jahren.

Pharmafirmen zeigen wenig Interesse

Ein wenig enttäuscht ist er allerdings darüber, dass sich bislang noch keine große Pharmafirma richtig für Artesunat interessiert: “Ohne industriellen Partner können wir keine große Zulassungsstudie finanzieren.” Die Zurückhaltung der Pharmaindustrie sieht er im ungenügenden Patentschutz für Artemisinin und dessen Derivate begründet. Den Einsatz von Extrakten des Einjährigen Beifußes in der alternativen Krebsmedizin lehnt Effert kategorisch ab: “Solche Pflanzenpräparate enthalten nicht definierte Mengen an Artemisinin, da kann es vorkommen, dass auch überhaupt keine Wirksubstanz drin ist und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Krebspatienten sich vergeblich Hoffnungen machen.”

121 Wertungen (4.42 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich doch noch eine Pharmafirma findet die nicht nur auf den großen Gewinn schaut! Es sollte bitte weiter geforscht werden auch da wo uns die Natur doch so gut bedient!

#12 |
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Apotheker

Auch auf die Gefahr hin mich unbeliebt zu machen. In den Kommentaren geht einiges durcheinander. Eine gewisse Hetze gegen die böse Pharmaindustrie, die mal wieder keine Studie durchführen will und natürlich die massive Behinderung eines sooo hoffnungsvollen Naturstoffes.
Nun einige Fakten zum Thema:
– die Studien wurden mit Artesunat durchgeführt, einem Artemisininderivat und NICHT mit Artemisinin oder gar einem Artemisia annuum Extrakt aus der Pflanze selbst. Das ist mit Verlaub ein großer Unterschied
– Alle die welche vorschnell Zulassungsstudien einfordern möchten sich bitte einmal informieren über die Dauer solcher Studien und auch die Kosten bzw. den personellen Aufwand. Ja, die Pharmaindustrie ist nicht die Heilsarmee und nimmt in der Regel nur Geld in die Hand wenn so etwas wie Ertrag/Gewinn absehbar ist. Es sei den kritischen Kommentatoren vor mir frei gestellt Geld zu sammeln und eine Zulassungsstudie einzuleiten – es wird teuer und dauert länger als gedacht.
-Bisher gibt es nur “in vitro”-Daten und Daten aus Tierversuchen. Die ersten Daten von Anwendungen am Menschen werden in zwei Jahren erwartet. Da können noch viele Überraschungen ans Licht kommen. Wem das zu langsam ist … Selbstversuch?

Nein ich bin nicht sarkastisch. Das AMG und die Behörden haben mittlerweile eine sehr hohe Schwelle bis zur Zulassung etabliert. Das dient nicht zuletzt auch demSchutz der Patienten. Bei besonders hoffnungsvollen Wirkstoffen gibt es allerdings beschleunigte Verfahren.

#11 |
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Ähnlich wie bei den Zingiberacaen und Panax-gewächsen wird erneut ein weiterer Baustein zur Wirksamkeit der TCM-Pharmakotherapie, die so seit sehr langer Zeit funkttioniert, entschlüsselt.

#10 |
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Den Wirkstoff gibt es längst in definierten Mengen – die WHO setzt ihn ja seit längerer Zeit standardmäßig als Malariatherapeutikum ein. Im Übrigen ist das Potential noch nicht ausgeschöpft: es gibt bereits Veröffentlichungen über die Wirkung von Artemisia auf Herpesviren u. a. m. Durch die Interaktion mit Fe könnten theoretisch alle eiseneinlagerndenden Mikroorganismen ins Blickfeld geraten.

#9 |
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Martin Tzschaschel
Martin Tzschaschel

Zu dem Satz: Den Einsatz von Extrakten des Einjährigen Beifußes in der alternativen Krebsmedizin lehnt Effert kategorisch ab: ¿Solche Pflanzenpräparate enthalten nicht definierte Mengen an Artemisinin, da kann es vorkommen, dass auch überhaupt keine Wirksubstanz drin ist.”

Im Internet werden 90 Kapseln Artesinin für stolze 81 Euro angeboten (Hersteller: NutriCology). Eine einzelne Kapsel enthält angeblich 200 mg Artesinin, viel mehr als eine einzelne Pflanze, heißt es. Ob das stimmt, ob das viel ist oder wenig – bzw. für Patienten ausreichend – kann ich nicht beurteilen. Eine “definierte Menge” ist es aber in jedem Fall.

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

Nicht anders zu erwarten! Für die Pharmaindustrie wie immer nicht lukrativ. Ich gebe meinen Vorrednern recht dass es sich hier um eine Medikamentenmafia ungeahnten Ausmasses handelt. Was beim Beifuss allerdings zu beachten ist: es gibt auch allergishce Reaktionen, ist hinläufug schon bekannt. Dies sollte jedoch nicht davon abhalten,diesen Wirkstoff zu publizieren.

#7 |
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Es ist schon bezeichnend, wie einer der wichtigsten Sätze des Artikels ignoriert wird. Er lautet:

“Den Einsatz von Extrakten des Einjährigen Beifußes in der alternativen Krebsmedizin lehnt Effert kategorisch ab: ¿Solche Pflanzenpräparate enthalten nicht definierte Mengen an Artemisinin, da kann es vorkommen, dass auch überhaupt keine Wirksubstanz drin ist und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Krebspatienten sich vergeblich Hoffnungen machen.¿”

#6 |
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Psychologe

Das mangelnde Interesse begründet sich v.a. in der geringen Gewinnmarge! Eine Artesunate-Infusion in wirksamer Dosis kostet weniger als 5% einer vergleichbaren Chemo-Infusion; unter vorsintflutlichen Produktionsbedingungen. Welcher Pharma-Manager will mit solch lächerlichen Beträgen seine Zeit vergeuden?

#5 |
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Endlich etwas Hoffnung, wer noch daran glaubt dass die Pharmaindustrie im Interessen der Patienten agiert, der ist blind!!! Bitte befreien sie sich von den Zwängen die uns die größte Mafia der welt auferlegt hat!

#4 |
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Dr.med Friedrich Schuster
Dr.med Friedrich Schuster

Leider wird schon wieder reichlich mit dem einjährigen Beifuß (artemisia anuat) herumgesaut.
Im Internet darf wieder jeder möchte gern Geschäftemacher padon Schamane seine Geldgeilheit ausleben. Da wir Artemisia in allen Varianten und für fast alles angeboten. Es hilf angeblich bei MS, Rheuma, Blähungen und Wechslejahresbeschwerden, Fieber, Durfall, ect ect. – eigentlich bei fast Allem.
So kann man im Vorfeld schon ein möglicherweise wertvolles Heilmittel kaputt machen, noch bevor seine Wirkungen hinreichend erforscht sind.
Die Malaria Plasmodien freut das jedenfalls schon jetzt. Die Wirksamkeit lässt, jeden falls in Ostafrika und Vietnam, bereits stark nach.

#3 |
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Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker
Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker

Das die mangelnde Patenfähigkeit einer breiten Marktdurchdringung im Wege steht, ist weder neu noch besonders verwunderlich.

Der Inhalt der Wirksubstanz Artemisinin läst sich doch sicherlich genau so standardisieren wie dies ja seit Jahren bei einer Vielzahl von Pflanzendrogen geschieht (Bsp.: Ginseng, bestimmte Korbblütler oder auch das gute alte Johanniskraut).

Von daher ist die kategorische Ablehnung gerade vor dem Hintergrund des mangelnden Interesses der etablierten Pharma Unternehmen noch einmal unter anderen Gesichtspunkten zu überdenken.

Damit der gemeine Beifuss nicht von einem ähnlichen Schicksal ereilt wird wie es eine Reihe interessanter Pflanzen schon vor ihm getroffen hat (Amazonas Kräuter, bestimmte Pilzextrakte, … ) und letztlich in der Versenkung verschwindet bzw. neben der Mistel im Regal des Biosupermarktes liegen bleibt.

#2 |
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Bedauerlich, dass sich keine Firma findet für diesen interessanten neuen Ansatz in der Onkologie.

#1 |
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