Verfallsdatum: Alte Schachteln in neuem Glanz?

30. September 2011
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Kunden jammern über steigende Kosten im Gesundheitssystem – warum nicht Arzneimittel länger verwenden, als durch das Verfallsdatum bestimmt? Dieser Ratschlag von Professor Dr. Gerd Glaeske sorgt für Gesprächsstoff, zahlreiche Pharmazeuten äußern Bedenken. Doch wenn schon nicht mehr einnehmen, wohin mit dem ganzen Pharma-Müll?

Zum wiederholten Mal thematisierte das Fernsehen Preisvergleiche zwischen Versandapotheken und öffentlichen Apotheken. Diesmal beschäftigte sich das Format „Akte 20.11“ (SAT.1) mit dem schon recht abgegriffenen Thema. Doch es kam zur Überraschung: Professor Dr. Gerd Glaeske, vom Sender als „Experte für Arzneimittel an der Uni Bremen“ vorgestellt, riet, das Verfallsdatum eines Präparats nicht allzu ernst zu nehmen. Kunden – die Rede ist von pharmazeutischen Laien – sollten „das Arzneimittel erst einmal anschauen, ob beispielsweise Tabletten bröseln, Dragees rissig sind und sich in Flüssigkeiten etwas absetzt“ und dann „vielleicht zurückhaltend“ sein. Ansonsten konstatierte Glaeske, ein Verfallsdatum bedeute nicht, dass von einem Tag auf den anderen ein Mittel nicht mehr wirke.

Zersetzt und zerbröselt

Aus wissenschaftlicher Sicht mag man sich über derartige Äußerungen wundern – lernen Pharmaziestudierende und PTA-Schüler schon früh in Arzneistoffanalytik, wie sich Pharmaka im Laufe der Zeit zersetzen können. Häufige Reaktionen sind Esterspaltungen, sicher nicht nur bei Acetylsalicylsäure oder Steroid-Estern relevant. Durch Licht hingegen zersetzen sich beispielsweise Riboflavin oder Nitrofurantoin. Und Tetracycline zerfallen unter Bildung toxischer Abbauprodukte. Fatal: Vor allem Anhydro-4-epi-tetracyclin erwies sich im Tierversuch als nephrotoxisch und löste ein so genanntes sekundäres Fanconi-Syndrom aus. Dabei werden Aminosäuren, Glucose und Phosphate kaum mehr resorbiert, und gelangen in den Harn. Doch sind dies nur einige Beispiele aus einer langen Liste möglicher Zersetzungsreaktionen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Apothekenkunden ihre Medikamente oftmals falsch lagern – das feuchte Badezimmer oder das überhitzte Handschuhfach im Auto sind keine Seltenheiten, von Sonnenlicht ganz zu schweigen.

Und so warnte Professor Dr. Theodor Dingermann von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, die Einnahme von Präparaten nach ihrem Verfallsdatum solle nicht verharmlost werden. Es sei schlichtweg falsch, Verfallsdaten als Empfehlung zu bewerten und nur bei äußerlich erkennbaren Qualitätsmängeln auf die Einnahme zu verzichten. „Die Angabe ist Teil der Zulassung des Arzneimittels, und sie basiert auf umfangreichen experimentellen Daten.“ Zweite-Wahl-Arzneimittel gebe es nicht und dürfe es auch nicht geben, so Dingermann.

Auch Juristen sind erstaunt bis entsetzt über Glaeskes Aussagen. So legt das Arzneimittelgesetz in § 8 („Verbote zum Schutz vor Täuschung“), Absatz 2, klar und deutlich fest, dass es verboten sei, „Arzneimittel in den Verkehr zu bringen, deren Verfalldatum abgelaufen ist“ – ein gefundenes Fressen für jeden Pseudocustomer, der entsprechende Fangfragen gestellt hätte. Dennoch sehen sich immer mehr Apotheker mit dem Problem konfrontiert, dass Kunden entsprechende Hinweise, abgelaufene Präparate nicht mehr einzunehmen, schlichtweg ignorierten. Das mag mitunter daran liegen, dass Gerd Glaeske seit Jahren von den Laienmedien hofiert wird, Theodor Dingermann sich hingegen eher in der Fachpresse zu Wort meldet.

Gut gemeint – schlecht angekommen

Allerdings spukt der Wunsch, Pharmaka auch nach Ablauf des Verfallsdatums weiter verwenden zu können, schon seit Jahren durch die Köpfe mancher Laien und Experten. Eifrige Sammler etwa versuchen immer wieder, Reste aus Deutschland in Krisengebiete zu befördern. Bei näherem Überlegen ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, von der Qualität der Präparate ganz zu schweigen. Gerade Entwicklungsländer benötigen Präparate, die in Deutschland nur selten verschrieben werden, etwa gegen Tuberkulose oder Malaria. Antihypertonika oder Antidiabetika hingegen sind in vielen Brennpunkten des Weltgeschehens wertlos. Etliche Helfer müssten außerdem bereits im Vorfeld die Packungen sichten und ordnen. Auch fehlen Präparatenamen und Beipackzettel in der Landessprache – einheimische Ärzte können mit der gut gemeinten Lieferung vor Ort ohne Dolmetscher reichlich wenig anfangen. Das zeigte sich besonders drastisch während der Jugoslawienkriege: Laut „Apotheker ohne Grenzen“ e.V. waren Spenden zu 15 Prozent nicht verwendbar, und 30 Prozent wurden nicht benötigt. Dadurch sammelten sich allein in Mostar 340 Tonnen Arzneimittelmüll. So wird verständlich, warum diese Hilfsorganisation auch das Sammeln von Altarzneimitteln generell ablehnt. Hingegen erweist sich der Einsatz von Großpackungen oder Bulkware als vergleichsweise preisgünstig – die Anbieter garantieren vor allem eine gleich bleibende Qualität.

Fort und weg

Doch haben sich die Pillen erst einmal zersetzt – man erinnere sich, Tabletten bröseln, Dragees werden rissig und bei Flüssigkeiten setzt sich etwas ab, ist die Apotheke auf einmal wieder erste Anlaufstelle der Patienten. Dann nämlich rät sogar die Versandapotheken-affine Redaktion von „Akte 20.11“, Altarzneien vor Ort entsorgen zu lassen. Mittlerweile weigern sich aber etliche Kollegen, den Medikamentenmüll anzunehmen.

Das war nicht immer so: Noch bis Mitte 2009 hatten pharmazeutische Hersteller das Vfw-Abholsystem „Remedica“ finanziert. Die Recyclingfirma Vfw wiederum verwertete Kartonagen und entsorgte Arzneimittelreste. Seit Anpassung der Verpackungsverordnung ist es damit vorbei, konnten sich ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Vfw und Arzneimittelfirmen nicht auf ein neues Modell verständigen.
Auch weitere Versuche misslangen. Im Juni 2011 scheiterte eine Petition für ein Gesetz, das die Entsorgung alter Präparate ein für alle Mal klären sollte. Statt der nötigen 50.000 Unterschriften hatten gerade mal rund 1.100 Bürgerinnen und Bürger das Vorhaben unterstützt. Vorgesehen war, pharmazeutische Hersteller an den Entsorgungskosten zu beteiligen, um zu verhindern, dass Arzneistoffe in die Umwelt oder in die Hände von Unbefugten gelangen könnten. Dann hätten, wie bereits in anderen Branchen für Leuchtmittel oder Batterien etabliert, Apotheken alte Arzneimittel zurücknehmen müssen.

Ideen aus der Kommune

Momentan ist die Sachlage unverändert: Altmedikamente gehören laut Richtlinie über die ordnungsgemäße Entsorgung von Abfällen aus Einrichtungen des Gesundheitsdienstes als „Siedlungsabfall“ nach wie vor in die Restmülltonne – und werden auch dementsprechend entsorgt. Kritisch wird es vor allem, wenn Kinder mit den bunten Pillen spielen oder Drogensüchtige auf der Suche nach dem nächsten Kick in den Resten wühlen. Lediglich Zytostatika müssen als besonders überwachungsbedürftiger Abfall in geeigneten Verbrennungseinrichtungen unschädlich gemacht werden.

Kommunen haben sich dazu ihre eigenen Gedanken gemacht. In Leipzig etwa holt die Stadtreinigung entsprechende Tonnen kostenlos ab, der Service finanziert sich über die allgemeine Müllgebühr. Und Berlin hat spezielle „Medi-Tonnen“ entwickelt, absperrbare Mülltonnen, deren Inhalt direkt in einer Müllverbrennungsanlage landet. Teurer wird es für Apotheken in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: Sie können Altmedikamente über die „abox“ entsorgen lassen, eine Kunststoffkiste, die rund 50 Liter fasst. Der private Großhändler Kehr sammelt entsprechende Gebinde ein und führt sie der geregelten Entsorgung zu – bei einem Preis von knapp zehn Euro pro „abox“. Immer mehr Packungen, die in der Tonne landen, stammen ursprünglich von Versandapotheken.

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Medizin, Pharmazie

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7 Kommentare:

Herr Prof. Glaeske hat sich im Umfeld der Fachleute durch seine Äußerungen in den vergangenen Jahren ja bereits restlos diskreditiert; so passt auch dieser Beitrag wieder exakt in das Bild des zu jeder Frage aus dem Bereich Gesundheit herbei zitierten “Experten”.
Rechtlich ist die Sachlage wohl so zu bewerten, dass eine Abgabe von abgelaufenen Arzneimitteln (an andere !) ein Vergehen gehen Vorgaben des AMG darstellt. Sobald der Patient das Arzneimittel für sich anwendet, steht es ihm frei, auch ein verfallenes Arzneimittel anzuwenden. Da ein nicht Fachkundiger sich in der Bewertung der Badezimmer-Stability eines Arzneimittels wohl eher schwer tut, ist er gut beraten, das jeweilige Datum nur geringfügig zu überschreiten.
Im übrigen werden auch bei der Bundeswehr keine Arzneimittel mit abgelaufenem VD an Patienten/Soldaten zur Anwendung abgegeben. Nach § 15 ApoG darf der Soldat nämlich hinsichtlich der Arzneimittelversorgung sowie der Arzneimittelsicherheit nicht anders als Zivilpersonen gestellt sein.(Konkretisierung zum Kommentar von Herrn Siegel)
Eine Verlängerung der Haltbarkeitsdauer eines Arzneimittels kann abhängig von dem Produkt sinnvoll sein, z.B. bei Oseltamivirphosphat Bulkware oder ähnlichem. Meistens geht es dabei um Arzneimittel oder Medizinprodukte für den Zivil- und Katastrophenschutz. Dafür sind dann entsprechende Rechtsgrundlagen vom Gesetzgeber geschaffen worden. Voraussetzungen hierfür sind aber die Lagerung unter kontrollierten und dokumentierten Temperatur- und Feuchte-Bedingungen sowie die Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit, -wirksamkeit und Unbedenklichkeit.
Insgesamt ist die Diskussion als Pausenfüller von Leuten anzusehen, die mit sachlich recherchierten und präsentierten Themen ihre Zielgruppe nicht quoteneffizient erreichen !

#7 |
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Ich weiß nicht in welchem Zusammenhang der Ausspruch des Glaeske erfolgt ist. Prinzipiell tut sich niemand einen Gefallen, wenn er ähnliches empfiehlt, allein schon aus haftpflichtrechtlichen Gründen.

Andrerseits kann man davon ausgehen, dass die Einnahme von Arzneimitteln, die das Verfallsdatum überschritten haben in Deutschland nicht selten vorkommt. Mit Ausnahme der Apotheker kann nämlich niemand einfach mal eine Packung aus einem Schrank nehmen, wenn er feststellt, dass er vergessen hat, rechtzeitig sein Medikament nachzubestellen. Es gibt vielfältige Anlässe sich für diesen “gefährlichen” Akt zu entscheiden. Der banalste werden wohl Zahnschmerzen sein. Da kuckt niemand auf das Datum, nur rein mit der Pille!
Etwas anderes ist es bei Medikamenten, die man gegen ernste Krankheiten einnimmt. Da muss man selbstverständlich auf Nummer sicher gehen. Das sage ich auch meinen Patienten ganz deutlich.

P.S. Da wir keine Massen von Ärztemustern aufhäufen, haben wir auch keine Probleme sie zu entsorgen. Es ist in der Tat aber so, dass man viele Muster am Ende unverbraucht wegwirft. Früher haben wir sie in die Apotheke gegeben, aber jetzt darf man es ja im normalen Müll entsorgen. Wir haben eine gutes Verhältnis mit den umliegenden Apothekern. Ich glaube nicht, dass sie Hunger leiden, weil ich ab und zu mal eine 20er Packung eines Ärztemusters mitgebe…

#6 |
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karoline altmann
karoline altmann

Kann mir mal irgendjemand sagen,wann das Verfallfdatum von Gerd Gläske abgelaufen ist??? Mein Gott, gibt es keinen anderen “Sachverständigen ” in Deutschland? Anmerkung:Schon seit meinem Studium (1984) bin ich über die apothekenkontraproduktiven Beiträge dieses APOTHEKER-Kollegen?? verärgert.

#5 |
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Selbstst. Apotheker

Da hier überwiegend Fachkreise lesen, kennt jeder den Unterschied zwischen Mindeshaltbarkeitsdatum (Lebensmittel) und Verfalldatum.
Vielleicht schlägt Herr Glaeske mal vor, das in Zukunft auch Autos mit abgelaufenem TÜV noch herumfahren dürfen. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes.
Das mit dem Müll ist so eine Sache.Meine (Nicht)Kunden haben einfach das Pech, daß ich als Chef selbst vorne stehe und meine Kunden kenne. Es ist immer wieder amüsant, wenn Leute in die Apotheke kommen, die noch nie einer gesehen hat und mit großem breiten freudestrahlenden Lächeln einem eine riesige Tüte mit entsprechendem Inhalt überreichen wollen. Am Besten lacht ein auf der Tüte noch der komische Vogel des Apothekendiscounters von gegenüber an.

#4 |
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Friedemann Ahlmeyer
Friedemann Ahlmeyer

Arzneimittelmüll vermeiden!
Leider zahlt der Patient im Regelfall 5 Euro, egal wie groß die Packung ist. Daher erfolgt der Wunsch nach großen Packungen. Wenn dann noch nur eine ungenügende Aufklärung durch den Arzt bzw. die Apotheke erfolgt, ist die Compliance manchmal nicht mehr gegeben und Arzneimittel landen auf dem Müll.
Das ist schade, aber über welchen Wert reden wir hier eigentlich?
Ich jedenfalls beobachte bei abgebenen Arzneimitteln bestimmt die Hälfte an Mitteln aus Dromarkt und Aldi.
Da Restmüll auch nicht mehr deponiert wird, sondern thermisch verwertet wird, werden Arzneimittel im Restmüll sich und umweltgerecht vernichtet.
Man sollte das Problem insofern von vorne anpacken und vom Verordner eine bessere Aufklärung des Patienten fordern.
Glaeskes Vorschlag halte ich für Laien sehr gefährlich, hoffentlich hat er eine gute Haftpflichtversicherung.
Und ganz allgemein: Bei zu entsorgenden Arzneimitteln fällt das Problem ins Auge, viel teurer – aber unsichtbar – sind unnötige Untersuchungen und Fehldiagnosen.

#3 |
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thomas siegel
thomas siegel

Ich habe generell auch meine Bedenken.
Jedoch gestatte mam mir einfach einne Blick auf den Sanitätsdienst der Bw, wo entsprechendes unter großem Aufwand von Spezialisten in geeigneten Labors nach entsprechenden Untersuchungen und Freigaben durchaus gemacht wird. Unter solchen Voraussetzungen könnte man sich die Weiterverwendung evtl. vorstellen.
OFAp d.R.

#2 |
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Die Rücknahme von “Altarzneien” sollte für uns Apotheker kein Problem sein. Verhindern wir doch damit aktiv die Gefahr des Missbrauchs aus der Abfalltonne. Aber auch der Verbraucher sollte sicher sein, dass sein “Restmüll” sicher entsorgt wird. Selbstentsorgung ala Inhalt in die Toilette, Verpackung in die Recycling-Tonnen belastet unser Wasser, haben die Wasserwerke doch jetzt schon das Problem unser Abwasser von Arzneimittelrückständen zu befreien.
In Duisburg gibt es die Absprache, Apotheken können auf den Betriebshöfen der Stadt die von Patienten gesammelten Altmedikamente kostenlos abgeben. Diese werden dem Hausmüll begegeben und verbrannt.
Den AM-Müll aus Arztpraxen nehmen wir nicht an! Die Kollegen von der anderen Zunft haben meines Erachtens bitte für ihr eigenes Entsorgungssystem der Ärztemuster zu sorgen.
Beim Rücklauf aus dem Versandhandel wird es schwierig, da so einfach nicht zu erkennen. Wir verweigern uns ja auch nicht, wenn im Notdienst ein überzeugter Versandhandelskunde Hilfe begehrt. Das ist aber ein anderes Thema.
Herr Glaeske sollte dringend in seine Schranken verwiesen werden. Ich möchte nicht wissen, wie dieser “edle Ritter” und “Retter des Gesundheitswesens” tönen wird, wenn nachweislich jemand auf Grund seiner “Empfehlungen” zu Schaden kommt.

#1 |
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