Fingolimod: Wirkstoff weckt Viren

21. August 2015
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Erhalten MS-Patienten das Immunsuppressivum Fingolimod, kommt es zur Reaktivierung von JC-Viren. Die Folge: multifokale Leukenzephalopathien als potenziell lebensgefährliche Komplikationen. Neue Fallberichte der FDA zeigen die Schattenseite entsprechender Therapien.

Weit verbreitet: Etwa 85 Prozent aller Erwachsenen zeigen Antikörper gegen das JC-Virus (Humanes Polyomavirus 2, JC-Polyomavirus). Gesunde Menschen überstehen eine Infektion ohne nennenswerte Symptome. Allerdings schlummert das virale Erbgut in Epithelzellen der Niere und möglicherweise auch im Knochenmark. Bei intaktem Immunsystem besteht kein Grund zur Sorge. Erhalten Patienten jedoch starke Immunsuppressiva wie Fingolimod, hat das fatale Folgen.

Nerven in Not

Es kommt zur Reaktivierung entsprechender Pathogene inklusive hämatogener Streuung. JC-Viren wandern in Oligodendrozyten des zentralen Nervensystems ein. Schließlich erkranken Patienten an einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Myelinscheiden der Oligodendrozyten degenerieren dabei – ein Leiden mit Todesfolge. Entsprechende Fälle wurden zuerst in den USA bei Natalizumab beobachtet. Heute wissen Ärzte und Apotheker, dass auch andere Immunsupressiva zur PML führen. Dazu gehören neben Belatacept, Efalizumab und Infliximab auch Dimethylfumarat, Tacrolimus und Kortison.

Fingolimod – mit Vorsicht einzusetzen

Mittlerweile ist klar, dass Fingolimod ebenfalls zur PML führen kann, wenn auch sehr selten. Wie die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) berichtet, kam es bei zwei MS-Patienten nach mehrjähriger Fingolimod-Therapie zur Reaktivierung von JC-Viren. Das Erbgut sei in beiden Fällen zweifelsfrei im Liquor nachgewiesen worden, schreibt die Aufsichtsbehörde. Ihr Rat: Patienten mit neurologischen Symptomen wie Schwäche, Gangunsicherheit oder Verwirrtheit, die Fingolimod erhalten, sollten umgehend ihren Neurologen aufsuchen. Per Kernspintomographie und Liquoruntersuchung lässt sich das Virus zweifelsfrei nachweisen. Ärzten bleibt nur, ihre Behandlung umzustellen und das Präparat abzusetzen. Kausale Therapien gegen PML gibt es derzeit nicht. Vor diesem Hintergrund fordern FDA-Experten entsprechende Hinweise in der Fachinformation.

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