Sprachstörung: Wenn das Hirn gemütlich wird

17. August 2015
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Sprachen unterliegen ständigen Veränderungen, auch die Grammatik. Zu Anpassungen führt unter anderem die Art und Weise, wie das Gehirn Sprache verarbeitet. Muss sich das Gehirn bei schwierigen Fallkonstrukten zu sehr anstrengen, vereinfacht es sie meist über die Zeit.

Die Grammatik von Sprachen baut sich fortlaufend um. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Wegfall der Fallendungen beim Übergang vom Latein zum Italienischen. Es kommt zuweilen vor, dass Fallsysteme komplett umgestaltet werden. So etwa beim Übergang vom Sanskrit zum Hindi mit ganz neu entwickelten grammatikalischen Fällen.

Vereinfachungen in allen Sprachen gefunden

Die Forscher eines internationalen Teams unter der Leitung des Linguisten Balthasar Bickel der Universität Zürich haben die Fallsysteme von über 600 Sprachen statistisch analysiert und Veränderungen über die Zeit erfasst. Danach überprüften sie diese festgestellten Anpassungen experimentell.

Sie massen bei Probanden die Gehirnströme, welche beim Verstehen von Sprache aktiv werden. Die Wissenschaftler konnten damit nachweisen dass die Gehirnaktivität bei komplexen Fallkonstruktionen stärker ist als bei einfachen.

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Wenn in einem Satz das erste Nomen ohne klare Fallmarkierung («Betram») nicht das handelnde Subjekt bezeichnet, ist die Gehirnaktivität stärker (vgl. blaue Kurve). © UZH

Hirn baut bestimmte Fallkonstruktionen ab

„Gewisse Fallkonstruktionen fordern das Gehirn mehr, weshalb sie in den Sprachen weltweit im Laufe der Zeit abgebaut werden – und zwar unabhängig von den strukturellen Eigenschaften der Sprache oder von sozialen und historischen Voraussetzungen“, erklärt Bickel. Somit sind es auch biologische Prozesse, die zu Veränderungen in der Grammatik beitragen. „Unsere Erkenntnisse sind eine wichtige Grundlage für weitere Untersuchungen über den Ursprung und die Entwicklung menschlicher Sprache sowie für ein besseres Verständnis von Sprachstörungen.“

Originalpublikation:

The Neurophysiology of Language Processing Shapes the Evolution of Grammar: Evidence from Case Marking
Balthasar Bickel et al.; PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0132819; 2015

17 Wertungen (4.88 ø)

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4 Kommentare:

limona
limona

Englischsprachige verstehen bei falscher Wortstellung nichts bzw. das Beispiel ist für eine englischsprachige Publikation miserabel gewählt (that Bertram has/have congratulated surfers).
Eine zentrale Aussage des Originalartikels ist es, dass Ergativsprachen langsam verschwinden. Aber warum?
Verstehe ich den Artikel richtig? Zur Zeit der Neanderthaler waren Menschen hochintelligent; seither verblöden sie langsam, mindestens in Bezug auf ihre sprachlichen Fähigkeiten. Stimmt das?

#4 |
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Woll!

#3 |
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Richtig! Kurzer Zuruf muß genügen. Nach mehr als drei Worten sinkt die Aufmerksamkeitskurve ab auf eine Vigilanzstufe, die wir dem Fernseher widmen…wo sind die Chips und das Bier?
Hi, ho, zack, peng, dasgenügt!

#2 |
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Medizininformatiker

Vielleicht ist es auch nur der Wegfall der Notwendigkeit bestimmte Nuancen in der Sprache darzustellen.
Die komplizierte Grammatik wurde ja nicht vom Lieben Gott gegeben, sondern war in einer Erzählkultur ohne TV und Internet sehr nützlich.

An die Stelle der Grammatik im Sprache sind inzwischen gewisse Kürzel gekommen, ohne die ein Text im Chat gar nicht mehr richtig gedeutet werden kann.

*ächz* lol ;)

#1 |
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