Auflauf der Healthseher

6. Oktober 2011
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Während das deutsche Gesundheitswesen mit dem Thema „eHealth“ noch hadert, treibt man es in den USA mit viel Elan voran. Auf der Health 2.0 in San Francisco informierten sich letzte Woche mehr als 1.500 Teilnehmer über die Perspektiven elektronischer Gesundheitslösungen. DocCheck hat für Sie vor Ort die wichtigsten Trends erschnuppert.

Kostendruck: Treibender Faktor

Die im Mutterland des Kapitalismus allgegenwärtige Rezession zwingt auch das teuerste Gesundheitssystem der Welt, nach Einsparpotentialen zu suchen. Die Antwort soll in der Entwicklung smarterer IT-Systeme liegen, verbal snappy verpackt als “Health 2.0”. Unter diesem Label wird eine Vielzahl verschiedener Systeme zusammengefasst – von der Diabetiker-Community über die Online-Patientenakte bis hin zur Blutdruckmanschette für das iPhone.

Patientendaten in der Cloud

Eines der wichtigsten Themen der Health 2.0 waren “Electronic Medical Records” (EMR) bzw. “Electronic Health Records” (EHR). Die staatliche Förderung der Umstellung von Papier auf digitale Speichermedien hat diesem Bereich eine starke Dynamik verliehen. Der Health Information Technology for Economic and Clinical Health Act, kurz HITECH Act, fördert in den USA seit 2009 durch finanzielle Anreize die Migration auf elektronische Systeme. Die verfügbaren Programme bieten sich über das Web als Software-as-a-Service (SaaS) an und verhalten sich zu deutschen Praxismanagement-Systemen etwa so, wie die Enterprise zur V2. Systeme wie CareCloud, PracticeFusion oder cc:me basieren bereits auf dem Cloud-Computing und ermöglichen allen beteiligten Ärzten und dem Patienten jederzeit Zugang zu den gesamten Behandlungsdaten.

Die zentralisierte Datenhaltung bietet deutliche Vorteile in der Auswertung und im Benchmarking der Therapien. So können sich die teilnehmenden Ärzte jederzeit darüber informieren, wie ihre Kollegen therapieren, wie ihre Erfolge sind und wie die Kostenstruktur ihrer Behandlungsmethoden im Vergleich aussieht. Elektronisches Rezept, Laborintegration und Patientencommunity gehören dabei zum Standardrepertoire. Das Innovationstempo – getrieben durch reichlich Venture Capital – ist beeindruckend: Praxissoftware, die nicht browserbasiert ist und auf dem iPad läuft, scheint ausgestorben zu sein.

Bei aller Euphorie bleibt allerdings die Frage, ob die schöne neue Welt den Arzt wirklich entlastet oder nur einen weiteren Softwarelayer über dem Praxisinformationssystem auf dem Arzt ablädt. Führt die zunehmende „Web-Verlegung“ der Medizin zu einer besseren Patientenversorgung oder liefert sie nur eine Rationalisierung, deren Zeit- und Kostenersparnis schnell aufgezehrt wird? In fünf Jahren sind wir schlauer.

Intelligentes Follow-Up

Auch im Bereich der Patientenbindung bzw. -nachsorge wurden auf der Health 2.0 neue Webtechnologien eingesetzt. Plattformen wie HealthLoop folgen dabei dem Motto: „Follow-Up ist die beste Medizin“. Zwischen der Präsenzbehandlung in der Praxis oder Klinik liegen mehrere, von intelligenten Algorithmen ausgelöste „Mikrovisiten“, die via eMail oder Skype online stattfinden. Sie sollen vor allem chronisch Kranken dabei helfen, Risiken rechtzeitig zu entdecken und krankheitsbedingte Komplikationen zu vermeiden.

Avado stellte eine integrierte Lösung für Kliniken und Praxen vor, die Online-Terminvereinbarungen, sicheren Download von erhobenen Befunden, sowie einen Editor für beliebige gestaltbare Web-Formulare bietet, mit denen der Patient vorab Angaben für anstehende Diagnose- oder Therapieverfahren machen kann.

CME: Simulator statt Kreuzchen

Auch bei der eher staubigen CME waren interessante Neuerungen zu sehen. David Hadden von Therasim präsentierte eine Trainingssoftware für die ärztliche Behandlung, die auf einer umfangreichen Wissensdatenbank aufsetzt. Durch den Detailreichtum der hinterlegten Informationen wird das ärztliche PC-Training so anspruchsvoll wie ein Flugsimulator. Hier tauscht man nicht einfach Kreuzchen gegen Punkte, sondern muss den Patienten bis hin zur richtigen Medikamentendosis ausbehandeln. Verschreibt man schnell mal eine Überdosis, erscheint zur Strafe ein Video mit einem schwarzen Bodybag. Amerikanisch eben.

Schlaue Health-Helferlein

Nicht alles, was auf der Health 2.0 zu sehen war, vollzog sich am Computerbildschirm. Einen wichtigen Aspekt der Individualvorsorge adressierten tragbare Mikrocomputer, wie Basis oder FitBit, die kontinuierlich Bewegungsintensität, Pulsfrequenz, Hauttemperatur oder Hautwiderstand messen. Die von ihnen gelieferten Daten sollen dem Anwender einen umfassenden Überblick über seinen Fitness- bzw. Gesundheitszustand liefern. Ergänzt werden die Armbanduhr-Sensoren meist von iPhone-Apps, die alle Werte per Bluetooth empfangen und appetitlich grafisch aufbereiten. Dass die erfassten Daten nur einen beschränkten Einblick in die eigene Gesundheit bieten, wird allerdings in den vollmundigen Versprechungen der Hersteller häufig ausgeblendet.

Trend zur „Gamification“

Interessanter scheint da der in Deutschland selten genutzte Ansatz, das Gesundheitsverhalten durch spielähnliche Motivationssysteme zu beeinflussen. Healthper baut beispielsweise auf Online-Kartenspiele, mit den man Gesundheitspunkte sammeln kann. Fortschritte und Ergebnisse werden mit anderen Patienten in der Community geteilt. Dabei kann man – in Analogie zu erfolgreichen Social-Web-Angeboten wie foursquare – so genannte „Badges“ sammeln – quasi „Orden“ für gesunden Lebenswandel. Die Spiele bieten sogar eine Schnittstelle zu Wifi-Blutdruckgeräten oder Waagen. Diese „Gamification“ der Gesundheitsvorsorge hat vor allem bei jüngeren Patienten Potential und dürfte einer nur auf Ermahnungen und gute Ratschläge setzenden Strategie überlegen sein. Da die meisten Angebote noch sehr jung sind, fehlen ihnen leider häufig noch aussagekräftige Langzeitergebnisse.

Mehr Durchblick durch “Big Data”

Erstaunlich war, was auf der Health 2.0 an Analysesystemen gezeigt wurde, mit denen man die Flut öffentlicher Daten und Daten der großen Krankenversicherer auswerten kann. Das Datamining ist hier so fortgeschritten, dass man für einzelne Straßenzüge Krankheitsverteilungen darstellen kann – dank Geocoding der Diagnosen. Was deutschen Datenschützern den kalten Schweiß auf die Stirn treiben würde, wird hier z.B. von Krankenhäusern eingesetzt, um zu analysieren, welche Einzugsbereiche man bei verschiedenen Erkrankungen bedient.

Diese Möglichkeiten werden intensiv von den großen Versicherern wie Aetna oder Kaiser Permanente genutzt. Systeme wie Indigo des Softwarehauses Archimedes helfen ihnen, die Kosten-Nutzen-Relation verschiedener Therapien zu vergleichen und ihnen “Benefit-Scores” zuzuordnen. Die Konsequenz: In Therapien, die nicht performen, wird nicht investiert.

Health 2.0 – zum Import bereit

Sind die in Kalifornien vorgestellten Lösungen auf den deutschen Markt übertragbar? Bedingt. Traditionell wird in den USA deutlich mehr auf Eigeninitiative bei der Gesundheitsversorgung gesetzt und die Aufnahmebereitschaft für Lösungen, die das teure Produkt Gesundheit erschwinglicher machen, ist hier besonders groß. Doch ungeachtet aller Systemunterschiede – die hohe Innovationsbereitschaft der Amerikaner setzt im Gesundheitswesen Trends, die sich früher oder später in Deutschland durchsetzen. Denn zunehmender Kostendruck ist ja auch hierzulande kein Unbekannter. Kurzentschlossene können sich übrigens am 27. und 28.10. in Berlin auf dem europäischen Ableger der Health 2.0 selbst ein Bild machen.

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