Gadgets: Technik von Sinnen

16. September 2015
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Sehen, hören, sprechen – wo Medizin alleine nichts mehr ausrichten kann, hilft moderne Technik. Heute unterstützen oder ergänzen zahlreiche Tools unsere Sinne. Ein gesellschaftlicher Trend kommt noch hinzu: Gesunde User helfen Menschen mit Einschränkung virtuell.

Genie und Superstar: Mit Naturwissenschaften gibt sich Ausnahmetalent Stephen Hawking schon lange nicht mehr zufrieden. Der 73-jährige Astrophysiker leidet seit 1963 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und verlor nach einer Tracheotomie die Fähigkeit, zu kommunizieren. Mit Sprachcomputern wie DECtalk gab Hawking Interviews oder hielt Vorlesungen. Jetzt hat er Monty Pythons „Galaxy Song“ gecovert und allen Skeptikern gezeigt, was Technik leisten kann: Der Physiker steuert seinen elektronischen Helfer allein über Bewegungen der Augen. Kein Einzelfall – heute ersetzen oder ergänzen Ingenieure fehlende Sinnesfunktionen immer häufiger mit moderner Technik.

Mehr Daten – mehr Durchblick

Bestes Beispiel: Kathy Bleitz leidet an Morbus Stargardt, einer Augenerkrankung, die schon in jungen Jahren zur Makuladegeneration führt. Der Visus verringert sich auf Werte von bis zu 0,1. Trotzdem konnte Bleitz ihr neugeborenes Kind sehen – dank eines innovativen Headsets von eSight. Für Conrad Lewis, Gründer des gleichnamigen Start-Ups aus Ohio, lässt sich schlechte oder nachlassende Sehkraft auf zu wenige Daten zurückführen. Die Lösung: Eine HD-Kamera nimmt auf, was sich im Blickfeld des Patienten befindet. Entsprechende Bits und Bytes gehen an einen schnellen Prozessor zur individuellen Bearbeitung und weiter an ein Display. Alle Komponenten befinden sich im futuristisch anmutenden Headset. Kathy Bleitz sieht im Display beispielsweise ein Bild mit künstlich verstärkten Kontrasten. Daneben sind Einstellungen für verschiedene Situationen möglich – vom gleißenden Tageslicht bis zur diffusen Beleuchtung bei Nacht.

Yvonne Felix, die Schwester von Kathy Bleitz, leidet ebenfalls an Morbus Stargardt. Sie trägt eSight mittlerweile acht bis zehn Stunden pro Tag – und hat damit keine Probleme. Andere Geräte, die deutlich preisgünstiger sind, übertragen Bilder nicht in Echtzeit, was unser vestibuläres System irritiert. Betroffene leiden an Übelkeit und Schwindel – bekannt als Simulatorkrankheit. Dieses Defizit hat eSight erfolgreich durch schnelle Prozesse behoben, wenn auch zu einem vergleichsweise hohen Preis von 15.000 US-Dollar. Im nächsten Schritt will Lewis kostengünstigere und auch leichtere Brillen entwickeln, um noch mehr Patienten zu erreichen.

Ohren auf im Theater

Mit ähnlichen Tücken hatten Entwickler im Audiobereich zu kämpfen. Bei Live-Events wie Konzerten oder Theaterstücken muss der Ton ohne große Verzögerung an Verstärker und Smartphones gesendet werden. Sennheiser Connect ist es gelungen, die Übertragung unter 80 Millisekunden zu drücken – deutlich kürzer als die durchschnittliche Wahrnehmung. Mit ihrer ConnectStation bauen Veranstalter vor Ort ein WLAN-basiertes, mehrkanaliges Audio-Übertragungssystem für mobile Endgeräte auf. Damit lassen sich Live-Inhalte und weiterführende Dienste wie Geo-Location, Text-, Bild- oder Videomaterialien auf Endgeräte transportieren. User benötigen nur eine kostenlose App und Kopfhörer. Über diesen Weg lassen sich auch Hörfilm-Fassungen im Kino abrufen – falls Geld für die entsprechende Hardware vorhanden ist.

Sei mein Auge

Dass Hilfe nicht immer Geld kosten muss, zeigt „Be my eyes“: eine App, um den Kontakt zwischen Menschen mit schlechtem Visus und Gesunden herzustellen. Hinter „Be my eyes“ steckt eine Non-Profit-Organisation, die sich über Spenden finanziert. Benötigen Menschen Hilfe, fotografieren oder filmen sie beispielsweise einen Gegenstand. Diese Anfrage landet im Freiwilligen-Netzwerk. Wer Zeit hat, hilft mit einer Videobotschaft, egal, wo sich beide Kommunikationspartner gerade befinden. Meist dauert es nur wenige Minuten, bis eine Aufgabe gelöst wird. Das liegt an 13.000 Helfern allein in Deutschland, weltweit bieten 250.000 Menschen ihre Hilfe an – je nach Zeitkontingent arbeiten sie mehr oder minder oft für das Netzwerk. Bei uns kommen auf einen Sehbehinderten etwa 14 Sehende. Jeder Kontakt wird bewertet. Wer schlechte Erfahrungen mit einem Nutzer macht, kann ihn von der Community ausschließen. Trotzdem scheuen sich viele Menschen mit Behinderung, ihr Handy im privaten Umfeld zu zücken – man weiß ja nie, wer zusieht.

Wandler zwischen Welten

Die VerbaVoice GmbH aus München hat noch weitere Dienste im Portfolio. Sie bietet Online-Dolmetscher für Hörgeschädigte oder Gehörlose an. Das geht so: Der Referent vor Ort spricht in ein Mikrofon. VerbaVoice überträgt gesprochene Worte in Gebärdensprache und streamt ein Video an Smartphones von Usern. Bei größeren Events kann sich auch eine Live-Untertitelung lohnen. Das Unternehmen arbeitet an weitere Ideen. Künftig soll es dank SmartEyeglass noch einfacher werden, Gebärdensprache und Handlung im Blick zu behalten. Eine Kooperation mit Sony, dem Hersteller von Datenbrillen, ist unter Dach und Fach.

Es bleibt spannend

Längst sind noch nicht alle Potenziale ausgeschöpft, die moderne Technik bietet – Entwickler arbeiten weltweit an neuer Hardware oder Software. Bleiben zwei große Herausforderungen: Auch für Tools sollten Qualitätsstandards gemäß Medizinproduktegesetz gelten. Und Krankenkassen werden sich der Frage stellen müssen, welche Leistungen sie künftig übernehmen.

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