Phytotherapie: Kräuterbitter von den Kassen

14. August 2015
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Ist gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen? Davon träumen viele Patienten, gelten pflanzliche Präparate doch als vermeintlich harmlos und wirksam. Unter Aspekten der evidenzbasierten Therapie sieht es häufig düster aus. GKVen erstatten viele Präparate trotzdem.

Pflanzliche Arzneimittel sind beliebter denn je. Befragungen zufolge haben mehr als zwei Drittel aller Konsumenten entsprechende Präparate mindestens einmal erworben. An der Spitze stehen wenig überraschend Medikamente zur Linderung von Erkältungssymptomen, zur Anwendung bei gastrointestinalen Befindlichkeitsstörungen, zur Stärkung des Immunsystems sowie zur Therapie rheumatoider Arthritiden. Wie die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände berichtet, erstatten 70 von 123 gesetzlichen Versicherungen manche Präparate als individuelle Leistung. Sogar auf dem grünen Rezept ist seit kurzer Zeit ein entsprechender Hinweis zu finden. Doch machen Phytopharmaka immer Sinn? Dazu einige Details aus der Selbstmedikation.

Erkältung: Nebel im Studienwald

Viele Menschen schwören auf Vitamin-C-haltige Beeren oder auf reine Ascorbinsäure, um Erkältungen vorzubeugen. Bekanntlich schadet gesunde Ernährung nie – unter evidenzbasiertem Blickwinkel ist der Mehrwert jedoch fraglich. So zeigen Cochrane-Reviews[Paywall] keinen statistisch signifikanten Nutzen. Nur Personen mit extremer körperlicher Belastung scheinen von Vitamin C zu profitieren. Wissenschaftlern fehlen jedoch Belege, um Ascorbinsäure quasi flächendeckend einzusetzen. Auch der beliebte Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea) erscheint in keinem guten Licht. Bislang haben Forscher zwar eine unspezifische Steigerung der Immunabwehr nachgewiesen. Aufgrund starker Unterschiede gestalten sich Vergleiche jedoch schwierig. Experten der Cochrane-Collaboration finden schwache Hinweise[Paywall] auf einen Effekt – mit fraglicher klinischer Relevanz. Klagen Kunden über Husten, spricht trotz methodischer Schwächen einzelner Studien in Summe viel für Efeu-Präparate. Extrakte aus Pelargonium-sidoides-Wurzeln „könnten bei typischen Erkältungssymptomen hilfreich sein“, schreiben Wissenschaftler in einer Cochrane-Review[Paywall]. Ihre Kritik: Viele Studien seien durch Hersteller finanziert und größtenteils in Osteuropa durchgeführt worden.

Blasenentzündung: Reine Beerensache

Die Cochrane Collaboration befasste sich auch mit Prophylaxemöglichkeiten bei Frauen mit wiederkehrender Zystitis. Cranberry-Zubereitungen können nicht ausdrücklich empfohlen werden. Einer Cochrane-Review[Paywall] zufolge fehlen überzeugende Beweise, dass sich das Erkrankungsrisiko tatsächlich verringert. Extrakte aus Bärentraubenblättern hemmen zwar in vitro etliche Bakterienarten. Die wissenschaftliche Datenlage beim Menschen ist aber äußerst dürftig und beschränkt sich auf Pilotstudien. Gleichzeitig schließen Toxikologen nicht aus, dass Hydrochinon-Derivate mutagen wirken. Bei langfristigen Anwendungen klagen Patienten zudem über gastrointestinale Nebenwirkungen. Zubereitungen aus der Goldrute sind wissenschaftlich ebenfalls umstritten: Leiocarposid zeigt als wichtiger Inhaltsstoff zwar antibakterielle, diuretische und spasmolytische Effekte. Klinische Studien gibt es bislang aber nicht.

Rheumatoide Arthritis: Ein Kessel Buntes

Alternative Heilverfahren[Paywall] werden auch in der Rheuma-Therapie von Patienten häufig gewünscht. Einige Apotheker empfehlen pflanzliche Mittel mit Ingwer, grünem Tee, Granatapfel, Walnüssen oder Leinsamen. Grundlagenstudien zufolge wirken manche Inhaltsstoffe entzündungshemmend. Ob dieser Effekt bei rheumatoider Arthritis auftritt, bleibt unbeantwortet. Borretsch- und Nachtkerzenöl sowie Katzenkralle zeigen ebenfalls milde Effekte. Für Wilfords Dreiflügelfrucht (Tripterygium wilfordii), ein TCM-Heilmittel, liegen sogar hochwertige Daten vor. Extrakte konkurrieren mit Methotrexat. Dafür müssen Patienten gastrointestinalen Nebenwirkungen, Fertilitätsstörungen und möglicherweise teratogene Effekte in Kauf nehmen.

Gastrointestinaltrakt: Oben rein, unten raus

Klagen Apothekenkunden über dyspeptische Beschwerden, lohnt sich ein Versuch mit Pfefferminzöl und Kümmelöl. Apothekenübliche Präparate helfen gegen Blähungen und Krämpfe. Beim Reizdarmsyndrom spricht ebenfalls viel[Paywall] für den Einsatz von Pfefferminzöl. Welchen Effekt Extrakte aus der Bitteren Schleifenblume (Iberis amara) allein zeigen, ist fraglich. Forscher haben bislang nur Kombinationspräparate untersucht, die tatsächlich einen Mehrwert bieten. Inwieweit traditionelle Spasmolytika (Kamillenblüten, Schöllkraut), Choleretika (Artischocke, Enzian, Gelbwurz, Schafgarbe, Wermut) oder Kasminativa (Anis, Fenchel, Kümmel) wirken, lässt sich ebenfalls schwer beurteilen. Kontrollierte klinische Untersuchungen mit größeren Patientenzahlen gibt es nicht. Benötigen Patienten Hilfe gegen Durchfall, greifen sie gern zur Uzarawurzel (Xysmalobium undulatum). Momentan liegen auch hier lediglich Anwendungsbeobachtungen[Paywall] vor.

Zulassung light

Viele Präparate, viele Indikationen, ein Grundproblem: Phytopharmaka haben nicht nur Zulassungen oder Nachzulassungen gemäß Arzneimittelgesetz, Paragraph 22 beziehungsweise 105. Es gibt noch die Möglichkeit einer „Zulassung light“ gemäß AMG, Paragraph 109a beziehungsweise 39a-d. In diesem Fall müssen Hersteller neben der traditionellen Verwendung noch Plausibilität, Unbedenklichkeit und Qualität nachweisen – aber keine Studiendaten präsentieren. Jetzt ist die europäische Arzneimittelagentur EMA aktiv geworden. Ziel ist, verlässliche Informationen über Phytopharmaka einer breiten Öffentlichkeit zu erschließen. Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) hat Beinwell (Symphytum), Ginkgo (Ginkgo biloba), Kalifornischen Mohn (Eschscholzia californica), Mausohr-Habichtskraut (Hieracium pilosella), Odermennige (Agrimonia) und Paprika-Arten (Capsicum) kritisch unter die Lupe genommen – Fortsetzung folgt.

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