Von Null auf Klinik im 1. Semester

12. Oktober 2011
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In Modellstudiengängen wird der Praxisbezug von Anfang an groß geschrieben. Was es heißt, als Erstsemster von Null auf Klinik beschleunigen zu müssen, erfahrt Ihr in diesem Kommentar.

Während ganz Europa über die Bachelor-Revolution jammert, sind in der Medizin Modellstudiengänge ganz groß im Kommen. Statt die frischen Erstsemester nur mit Bio und Physik zu foltern, setzt beispielsweise die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) auf eine frühe Einführung in klinische Schwerpunkte. Nebenbei ist sogar das gefürchtete Physikum weggefallen. Ob das Studieren dadurch wirklich besser wird? Ich sehe das eher kritisch.

Früher war es der Name eines karthagischen Feldherrn, heute bezeichnet HannibaL den neuen Ansatz der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) um Erstsemester möglichst schnell als Ärzte zu verkleiden. HannibaL steht dabei für Hannovers integrierter, berufsorientierter und adaptiver Lehrplan und verfolgt das Ziel einer frühen Einbindung klinischer Inhalte in die ersten Studienjahre. Nachdem die neue Approbationsordnung für Ärzte den einzelnen Fakultäten erstmals größere Gestaltungsspielräume offen ließ, initiierten die Studierenden selbst das neue Modellkonzept, das vor ziemlich genau 8 Jahren ins Rennen ging.

Als ich vor 3 Jahren an der MHH mein Studium begann, kursierten bereits allerhand Gerüchte vom Organisationschaos der ersten HannibaL-Semester. Es brauchte wohl einfach seine Zeit, bis sich das Konzept vom Grünen Tisch reibungslos umsetzen ließ. Immerhin gehören zu den strukturellen Besonderheiten eine praxisorientierte Ausbildung und der Wegfall des Physikums am Ende der Vorklinik. Und das soll so besonders sein? Praxisorientierten Unterricht gibt es doch auch in „normalen“ Studiengängen? Klar, das lässt sich nicht abstreiten. Aber HannibaL gibt sich nicht bloß mit dem praxisorientierten Kurs Anatomie am Lebenden zufrieden. Stattdessen gibt es von der ersten Minute an klinische Fächer.

Die erste Woche geht an die Nieren

Was es mit der ersten HannibaL-Besonderheit, also dem starken Praxisbezug, auf sich hat, lernte ich bereits unmittelbar zu Beginn meines Studiums. Kaum hatte ich derzeit meinen Platz im Hörsaal gefunden, startete ich meine erste Uniwoche mit dem sogenannten Propädeutikum. Fünf Tage lang drehte sich alles um die Niere. Wir wurden quasi den ganzen Tag mit recht komplexen Inhalten bombardiert. Viele Fächer waren vertreten, der gemeinsame Nenner war lediglich die Niere. Ich hörte etwas über Anatomie, bestimmte Nierenerkrankungen, physiologische Vorgänge, den molekularen Aufbau von Nierenzellen und vielen mehr. Das Mitschreiben war kaum möglich, was wohl daran lag, dass viele Fachbegriffe zum ersten Mal meine Ohren erreichten.

Ohne Vorwissen war diese erste Woche wohl kaum zu schaffen. Das Wasser, in das ich springen sollte, war eindeutig zu eisig. Nachdem ich am Wochenende erstmal Schlaf nachholen musste und dabei schon von Nieren träumte, stand Montag gleich eine anspruchsvolle Klausur auf dem Plan. Mit Hilfe von Altklausuren und Tipps höherer Semester kamen die meisten durch. Aber an die Inhalte konnte ich mich schon zwei Wochen später kaum erinnern. Toll, das ist also die hoch gelobte frühe Integration klinischer Inhalte in die ersten Semester? Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Glücklicherweise wurde es dann doch Woche zu Woche etwas besser. Und besonders im zweiten Jahr machten klinisch orientierte Seminare im Rahmen des Physiologiemoduls ja auch schon Sinn.

Ohne Fleiß kein Preis

Soviel also zu Besonderheit Nummer Eins. Die andere große Sache an HannibaL ist der Wegfall des Physikums. Statt nach vier Semestern eine Riesenprüfung über alle vorklinischen Fächer zu schreiben, wurde ich von Beginn an häppchenweise zur Prüfung gebeten. Wenn ich mich mal mit Studierenden anderer Fakultäten mit Physikum unterhalten habe, waren die immer gleich neidisch. „Was? Kein Physikum? Du hast es aber gut!“ Dabei war das echt unfair. Lernen musste ich nämlich trotzdem und der Anforderungskatalog ist identisch. Manchmal hätte ich mir gewünscht, nur eine große statt vieler kleiner Prüfungen zu haben.

Aber ohne Fleiß kein Preis. Das ist im Medizinstudium nun mal so. Da spielt die Prüfungsordnung keine Rolle. Oder etwa doch? In Deutschland laufen die Diskussionen über neue Modelle für Medizinstudiengänge auf Hochtouren. Oldenburg will mit dem holländischen Groningen sogar einen Bachelor/Master-Studiengang etablieren. Kaum abzuschätzen, welche Hürden Deutschlands angehende Ärzte und Ärztinnen einmal in 10 Jahren haben werden. Da ist was im Busche!

Kein Weg zurück?

Der Widerstand ist freilich groß. Viele alte Eisen fürchten den Untergang der deutschen Ausbildungsstandards. Immerhin stehen die neuen internationalen Abschlüsse schon länger stark unter Kritik. Sollten wir daher besser daraus lernen und die Medizin davor bewahren? Möglicherweise ist es für den Rückzug aber auch schon zu spät. Immer mehr Fakultäten machen es Hannover gleich und etablieren Modellstudiengänge. Irgendwie hat sich Bologna also schon eingeschlichen. Bleibt also nur noch eine Frage der Zeit, bis HannibaL und Co schlichtweg ihren Namen wechseln und dann einfach Bachelor und Master heißen. Bis es aber soweit ist, geht’s in Hannover erstmal schön weiter von Null auf Klinik.

19 Wertungen (3.32 ø)
Allgemein

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1 Kommentar:

Student der Humanmedizin

Also ich hab vor 2 Jahren hier in Hannover angefangen und muss sagen, dass das Propädeutikum (inzwischen sinds glaub ich 6 Wochen im ersten Studienjahr über verschiedene Themen) doch im Vergleich zu den anderen Fächern ziemlich leicht war.
Ich hab keinen direkten Vergleich zu Medizin an anderen Universitäten (hat wohl kaum einer, das ist immer das Problem an solchen Artikeln), aber wenn ich von ehemaligen Klassenkameraden höre, wie stumpf zum Teil in Regelstudiengang in Berlin gelernt wird ist die Reform in Hannover durchaus die richtige Richtung …

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