Notfallkontrazeptiva: Saure Drops für Apotheker?

7. August 2015
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Immer mehr Apotheker reagieren sauer, wenn sie auf die „Pille danach“ angesprochen werden. Der Hintergrund: In den steigenden Verkaufszahlen sehen Gynäkologen den Beweis für die schlechte Beratung durch Pharmazeuten.

Seit 16. März dieses Jahres ist das Notfallkontrazeptivum „ellaone“ (Ulipristal) rezeptfrei erhältlich, seit 15. April auch die „Pidana“ (Levonorgestrel). IMS Health ging der Frage nach, wie sich die abgegebenen Packungszahlen im März und April verändert haben.

Unterschiedlicher Zuwachs

Wenig überraschend: Rund 57 Prozent des gesamten Absatzes im März und April 2015 entfallen auf die bevölkerungsreichen Kammerbezirke Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein und Westfalen-Lippe. Bei den Zuwächsen selbst gibt es jedoch Unterschiede. Spitzenreiter ist Hamburg (plus 50 Prozent), gefolgt von Sachsen (plus 38 Prozent), Niedersachsen (plus 36 Prozent), Nordrhein (plus 34 Prozent) und Baden-Württemberg (plus 31 Prozent). „Die Beratungskompetenz der Apotheker dürfte von daher in allen Ländern entsprechend stärker nachgefragt werden“, kommentiert IMS Health. Am Ende der Skala liegt Berlin mit lediglich 16 Prozent Zuwachs. Wie es zu diesen Unterschieden kommt, bleibt offen.

„Keine fachgerechte Beratung“

„Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch”, sagt Birgit Seelbach-Göbel, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). „Die Zahlen zeigen, dass es keine fachgerechte Beratung gibt.“ Gynäkologen kritisieren, Apotheker würden selten den Zyklusstand abfragen und lieber gleich ein Hormonpräparat abgeben. Bereits Anfang März hatten Verbände kritisiert, in Handlungsempfehlungen der ABDA seien „grundlegende Beratungsinhalte nicht enthalten“. Dazu gehöre die Nachlassende Wirkung bei Frauen mit einem Körpergewicht von mehr als 75 Kilogramm (Levonorgestrel) beziehungsweise mehr als 90 Kilogramm (Ulipristalacetat). Fehlende Hinweise auf die Kupferspirale kämen noch hinzu.

Massenweise Material

Auf entsprechende Kritikpunkte hat die Bundesapothekerkammer mit umfangreichem Informationsmaterial reagiert. Es gibt Handlungsempfehlungen, einen Vergleich der Eigenschaften von Levonorgestrel und Ulipristalacetat , Informationsquellen zur Notfallkontrazeption sowie das Curriculum: Notfallkontrazeptiva („Pille danach“) in der Selbstmedikation. Dass Apotheker Patientinnen entsprechende Präparate auf Vorrat abgeben, wie manche Medien spekuliert haben, lässt sich aus dem Zahlenmaterial von IMS Health nicht ableiten. Mittlerweile hat sich die wöchentliche Abgabemenge auf 13.000 bis 14.000 Packungen pro Woche eingependelt.

13 Wertungen (4.08 ø)

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Schön, dass das wenigsten hier auf doccheck ein Thema ist:
14000 x 52 (Wochen) wären nach Adam Riese 728000 Packungen pro Jahr!!!
„ellaone“ (Ulipristal) ist in 19 europäischen Ländern und den USA – nach wie vor nur mit Rezept erhältlich!
Dass es wirklich so viele dumme Frauen in Deutschland gibt, kaum zu glauben.
Wegen noch unklarer Nebenwirkung wird empfohlen, vor Einnahme erst einen Schwangerschaftstest zu machen.
Na klar haben die Apotheker hier versagt.

#6 |
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Gast
Gast

Aus einer vermehrten Abgabe der “Pille danach” auf eine schlechtere Beratung rückschließen. Das ist mal eine spannende Ansicht…. Das kann Frau Birgit Seelbach-Göbel sicher mit irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Fakten belegen?

#5 |
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Ich war und bin kein vehementer Befürworter der OTC-Freigabe der Notfallkontrazeptiva und werde es wohl auch nicht werden. Aber es ist wohl so, dass diese Arzneimittel und deren unmittelbare Verfügbarkeit bei uns Offizin-Apothekern mit Abstand am besten aufgehoben sind: Da behauptet Frau Doktor doch, die Apotheker verkauften einfach Unmassen an Pillen danach, obwohl ja einige Tage im Zyklus garantiert keine Schwangerschaft möglich sei. In einer sehr frischen Stellungnahme (vom 30.4.2015!) zu den ABDA-Handlungsempfehlungen ihres eigenen Verbandes (dessen Vizepräsidentin sie ist), steht das exakte Gegenteil:

– “Es gibt keine „sicheren“ Zeiten, in denen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eine Konzeption ausgeschlossen ist. Der Zeitpunkt des
Eisprungs lässt sich nur dann vorhersagen, wenn die Frau über einen längeren Zeitraum einen Menstruationskalender führt und regelmäßige Temperaturmessungen sichergestellt sind. Ansonsten ist ein Eisprung jederzeit möglich, sowohl kurz nach der Menstruationsblutung als auch mehrere Wochen danach.” –
Wer das nicht glauben mag, lese bitte selbst, hier ist der Link zum PDF:
http://www.dggg.de/leitlinienstellungnahmen/aktuelle-stellungnahmen/?eID=dam_frontend_push&docID=2916
(auf Seite 3 des PDFs, letzte Tabellenzeile)

Das ist megapeinlich für Frau Doktor. Erst die ABDA wegen Formulierungsdetails angehen. Dann so ein grober Schnitzer entgegen den Behauptungen in einer gemeinsamen Stellungnahme dreier Gyn-Fachverbände.

Außerdem das Gemäkel wegen den im Grunde als widerlegt geltenden eventuellen Wirkungsrückgang der Notfallkontrazeptiva ab einer bestimmten Körpermasse. Ich frage mich schon, warum die 75 kg (LNG) bzw. 90 kg (UPA) erst schlagartig mit der OTC-Freigabe ein Thema wurden. Da war wohl auf die Schnelle nichts besseres aufzutreiben! Und noch viel verwunderter bin ich, dass sich anscheinend sämtliche Gyn-Fachverbände über Jahre und Jahrzehnte nie bemüht hatten, zu ergründen, ob eine Dosiserhöhung bei Frauen > 75 kg (bzw. > 90 kg) eine Wirkungssteigerung bewirken könnte. Die Relevanz auch dieses “Themas” scheint ja dementsprechend so groß nicht zu sein.

#4 |
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Apotheker Dr.med.Manneck
Apotheker Dr.med.Manneck

Vermutlich betreibt Frau Seelbach-Göbel ihre Praxis in Wolkenkuckucksheim. Da gibt es sicher auch keine Verordnungen von Nicht-Gynäkologen, nicht einmal im Notdienst. Weil es ja einen speziellen Gynäkologennotdienst gibt.
Es lebe die Realität!!

#3 |
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Rosina Grahnert
Rosina Grahnert

Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen. Ich habe noch keine Nachfrage
seit der Freiverkäuflichkeit gehabt. Pille danach bei mir auch zuvor nur im
Notdienst und teilweise die vorherige Anfrage des Arztes :”Was gibt es denn
da?”

#2 |
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Gast
Gast

Ich bin selbstständige Apothekerin! Ich habe mich sehr gegen den Freiverkauf gewehrt! Diese Entwicklung geht noch weiter!!!
ABER, das auf mangelnde Kompetenz der Apotheker zu schieben, ist wieder typisch und falsch!!
Was ich ( im Notdienst mit Rezept) gehört und gesehen habe, war jahrelang hanebüchend !! Also: bitte den Ball flach halten!!!

#1 |
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