Vorsorgeuntersuchungen: Moneten mit Müttern

3. August 2015
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Aufruhr um eine Studie der Bertelsmann-Stiftung: Gynäkologen bieten Schwangeren diverse Vorsorgeuntersuchungen an – großteils als IGeL-Leistung. Sehen Ärzte werdende Mütter als gute Einnahmequelle oder passen Mutterschafts-Richtlinien nicht mehr zur modernen Medizin?

Aufregung in der gynäkologischen Praxis: Etwa 99 Prozent aller schwangeren Frauen erhalten mehr Untersuchungen, als in Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses vorgesehen. Das berichten Wissenschaftler der Bertelsmann-Stiftung. Sie interviewten 1.293 Mütter, die im vergangenen Jahr ihr Baby zur Welt gebracht haben, per Fragebogen.

Leistungen vom Fließband

Dabei machte es wenig Unterschied, ob die Schwangerschaft problemlos verlief oder nicht. Gynäkologen boten werdenden Müttern stets die gleichen Leistungen an: Nahezu jede Schwangere erhielt eine Kardiotokographie – und jede zweite Frau wurde mehr als fünf Mal per Sonographie untersucht. „Mehr ist nicht zwingend besser. Es gibt eine klare Überversorgung während der Schwangerschaft“, kritisiert Uwe Schwenk von der Bertelsmann-Stiftung. Rund 80 Prozent aller Patientinnen mussten tief in die Tasche greifen und Zuzahlungen leisten. Alter, Einkommen oder Bildungsabschluss hatten einen Einfluss darauf, ob Zusatzleistungen in Anspruch genommen wurden. Professor Dr. Rainhild Schäfers von der Hochschule für Gesundheit in Bochum, eine der Autorinnen, sieht noch weitere Gefahren: „Das Überangebot an Untersuchungen schürt die Angst der Frauen vor der Geburt und möglicherweise auch ihren Wunsch nach einer vermeintlich sicheren Kaiserschnitt-Entbindung.“

Die Welt dreht sich weiter

Ein Aufschrei geht durch die Republik: Wollen Gynäkologen ihren Patientinnen nur Geld aus der Tasche ziehen? Ganz so einfach ist die Sache nicht. Momentan empfiehlt der Gemeinsame Bundesausschuss in seinen Mutterschafts-Richtlinien neben Beratungsgesprächen und labordiagnostischen Tests drei Ultraschalluntersuchungen: in der 10., 20. und 30. Schwangerschaftswoche. Kollegen kritisieren, dass die Vorgaben nur noch wenig mit medizinischen Realitäten unserer Tage zu tun haben. „Da heute deutlich mehr und ältere Frauen mit Risiken wie schweres Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes etc. schwanger werden als vor 20 Jahren, kann es durchaus sein, dass sich insgesamt bezogen auf die Zahl der Schwangeren die durchschnittliche Zahl an Terminen erhöht hat“, stellen der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) gemeinsam klar. Dass Schwangere heute mehr diagnostische Leistungen erhalten, wissen beide Fachgesellschaften. Sie spielen den Ball an gesetzliche Krankenkassen zurück.

Lohnt sich Leistung?

Heute gibt es aus wissenschaftlicher Sicht neue Möglichkeiten. „Diagnostische Maßnahmen, die sinnvoll sind, sich für die Krankenkassen aber wirtschaftlich nicht ‚rechnen‘, wie zum Beispiel den Toxoplasmose-Test oder auch den Test auf Streptokokken in der Spätschwangerschaft, werden wir Schwangeren immer empfehlen, auch wenn sie keine Kassenleistungen sind“, stellen Vertreter des BVF und der DGGG klar. Auch habe der Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft, eines intrauterinen Hämatoms oder eine Myoms schon viele Leben gerettet. Gleichzeitig weisen Verbände auf methodische Schwächen hin. So kritisieren Forscher häufige Herzfrequenz- und Wehen-Ableitungen, ohne anzugeben, ob Ärzte in der Praxis oder in der Geburtsklinik aktiv geworden sind. Messungen erleichtern Hebammen und Ärzten die Beurteilung einer Schwangerschaft – etwa, um leichte Kontraktionen von Wehen zu unterscheiden. Dass Deutschland bei der Säuglingssterblichkeit und der Müttersterblichkeit im weltweiten Vergleich extrem niedrige Werte aufzuweisen hat, kommt nicht von ungefähr. Bleibt als Fazit: Nicht die Ärzte sind zu kritisieren, sondern veraltete Vorschriften.

IGeL für Mütter

Noch ein Blick auf das umstrittene „Baby-TV“: Werdende Mütter wünschen sich oft Ultraschall-Bilder ihrer ungeborenen Babys für den persönlichen Gebrauch, aber ohne medizinische Notwendigkeit. „Weiterführende Untersuchungen können Frauen emotional belasten“, schreiben Bertelsmann-Forscher dazu. Die Meinung teilen nicht alle Gynäkologen. Gerade bei Konfliktschwangerschaften könnten sich technische Methoden eignen, um eine emotionale Bindung zu schaffen und die Annahme des Kindes zu erleichtern. So oder so bleiben Ultraschalluntersuchungen ohne Gefahr für Mutter und Kind. Daraus die Schlussfolgerung abzuleiten, häufige Aufnahmen in der Schwangerschaft würden die Kaiserschnittrate erhöhen, ist Fachgesellschaften zufolge eine gewagte Hypothese. Wissenschaftliche Belege fehlen derzeit.

Beraten und verkauft

Ein Denkanstoß für die Praxis bleibt trotzdem: Obwohl 80 Prozent aller befragten Frauen angaben, „sehr gut“ beziehungsweise „gut“ beraten worden zu sein, fühlte sich nur jede zweite Befragte über die Aussagekraft beziehungsweise die Wirkungsweise einer Maßnahme „sehr gut“ aufgeklärt. Beispielsweise dachten 95 Prozent, CTGs gehörten zu den Routinemaßnahmen. Bieten Kollegen weitere Leistungen an, sollten alle Informationen laienverständlich kommuniziert werden.

65 Wertungen (3.62 ø)
Gynäkologie, Medizin

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17 Kommentare:

Rosi Müller
Rosi Müller

Lieber Herr van den Heuvel,
ist denn dieser Herr Uwe Schwenk von der Bertelsmann-Stiftung ein bekannter Gynäkologe, Geburtshelfer mit viel Erfahrung oder wenigsten ein richtiger Dr.med.,
der Patienten behandelt?

#17 |
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Gast
Gast

@Mechthild Funk-Gogolin, Fruchtwasser kann man auch im US nicht sehen.

#16 |
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Gast
Gast

doccheck erweist sich hier wieder mal als Ärztebashing-Forum

#15 |
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Mechthild Funk-Gogolin
Mechthild Funk-Gogolin

Für Herrn Last: natürlich wurde die Frühgeburt nicht durch die US-Untersuchung ausgelöst, das habe ich auch nicht geschrieben, aber es wurde nicht gesehen, dass kein Fruchtwasser mehr vorhanden war.

#14 |
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Erwin Last, Zeitungsleser
Erwin Last, Zeitungsleser

@Gast#12 Sie meinen doch nicht etwa, dass die Gynäkologin mit ihren Voruntersuchungen die Frühgeburt verursacht hat???

#13 |
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Gast
Gast

Leider sind Schwangere heute nur noch Patienten. Das eine Schwangerschaft womöglich ohne Komplikationen ablaufen könnte wird viel zu oft in Frage gestellt. Ein Kind zu bekommen sollte das Natürlichste der Welt sein.
Aber auch engmaschige Kontrollen schützen nicht 100%ig vor Fehl- oder Frühgeburten, so geschehen bei meiner Tochter, bei der die Gynäkologin in der 30. SSW im US nicht! gesehen hat, dass kein Fruchtwasser mehr vorhanden war. Lt. deren Aussage war alles i. O., nur, ich zitiere wörtlich : dass das Kind kleiner ??? wäre als drei Wochen zuvor beim letzten US. Einige Stunden später wurde in der Klinik mein Enkelkind per Sectio geholt. Alles in allem ein schlechter Start, trotz diverser Untersuchungen…

#12 |
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Erwin Last, Zeitungsleser
Erwin Last, Zeitungsleser

Wer hört denn noch ernsthaft auf diese Bertelsmann-Stiftung,
wenn die etwas “über Ärzte” sagen.
KEINE AHNUNG von Medizin.

#11 |
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Da kann ich nur auf meinen Blogbeitrag auf DocCheckBlog mit dem Titel: “Aktueller Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung unseriös!” vom 30.07.2015 hinweisen.
‘Wehenschreibung’ und ‘Babyfernsehen’ in 3D wurden bei Schwangeren viel häufiger angeboten. Eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung unter 1300 werdenden Müttern beklagt, dass im Schwangerschaftsverlauf deutlich mehr Vorsorge-Untersuchungen in Anspruch genommen werden, als es die Mutterschaftsrichtlinien vorschreiben.
Doch die Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ist überhaupt nicht repräsentativ, qualitätsgesichert und evidenzbasiert.
Von den beiden Hauptautorinnen aus der Hebammen- und Gesundheitsforschung wird übersehen, dass bereits der Gesetzgeber mit Arbeitsschutz, Untersuchungsvorgaben der Mutterschaftsrichtlinien, Arbeitsverboten, Vorsorge-Richtlinien massiv in jede, auch physiologisch ablaufende Schwangerschaft, eingreift. Damit werden alle Schwangeren zu Objekten von Krankenversicherungen, egal ob GKV oder PKV, macht.
§ 12 im 5. Sozialgesetzbuch (SGB V) legt im “Wirtschaftlichkeitsgebot” fest: “(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen. (2) Ist für eine Leistung ein Festbetrag festgesetzt, erfüllt die Krankenkasse ihre Leistungspflicht mit dem Festbetrag…
Diese äußerst restriktiven Leistungsausschlüsse bzw. die Pauschalierung ambulanter und stationärer Leistungen auf einen Festbetrag brechen sich in den bio-psycho-sozial immer weiter entwickelten Erwartungs-, Versorgungs- und Anspruchshaltungen gerade bei Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung. Sie werden weder von Krankenkassen, Wissenschaft, Gesundheitssystem-Forschung, Medien, und Öffentlichkeit kommuniziert…

http://news.doccheck.com/de/blog/post/2767-aktueller-gesundheitsmonitor-der-bertelsmann-stiftung-unserioes/

#10 |
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HP Tanja Adamietz
HP Tanja Adamietz

Es steckt viel Geld im Geschäft mit der Angst. Anstelle von immer mehr und immer technischeren Untersuchungen sollten schwangere Frauen in ihrem Vertrauen auf sich und den eigenen Körper gestärkt werden. Ich erlebe in meiner Praxis oft stark verunsicherte Frauen, für die Schwangerschaft und Geburt ein großes Risiko bedeuteten, obwohl es völlig normale Schwangerschaften sind.

Im Hinblick darauf, dass es mittlerweile zu viele Kaiserschnittgeburten gibt, sollte vielmehr die natürliche Geburt und ein Selbstvertrauen der Frauen gestärkt werden. Denn eine Kaiserschnittgeburt ist nicht gleichbedeutend mit “sorglos”. Viele Probleme tauchen erst später auf: fehlentwickeltes Immunsystem (da die Besiedelung durch die natürliche Flora des Geburtskanals fehlt), psychische Probleme der Kinder (da sie die Geburt nicht aus eigener Kraft und nach eigenem Willen erleben durften) und nicht zu letzt das Erleben der natürlichen Geburt als etwas fundamental Wichtiges für die Mutter.

Aber eine natürliche Geburt ist ein Verlustgeschäft für Krankenhäuser und so werden nur einige Geburten als natürlich eingeplant, wenn dieses Kontingent erschöpft ist, wird operiert, da es mehr Profit bringt. Genauso verhält es sich mit den Untersuchungen während der Schwangerschaft. Pränataluntersuchung sind im dreistelligen Bereich, dazu etliche zusätzliche Ultraschalls, einige Screenings und nicht zu vergessen all die Vitaminpräparate und schnell ist man als Schwangere bei mehr als 500-1000 € zusätzlichen Kosten angelangt – ein lukratives Geschäft für Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken!

Im Gegensatz dazu steht ein einfühlsames, kompetentes Beratungsgespräch um auf Ängste und Sorgen der Schwangeren einzugehen – das leider mit wenig Stundensatz abgerechnet werden kann.

Traurig, aber die Realität!

Ich kann nur allen Schwangeren dazu raten, sorgfältig alle zusätzlichen Untersuchungen abzuwägen. Fast alle sind überflüssig. Und nicht jede Schwangerschaft über 35 ist eine Problemschwangerschaft, im Gegenteil.

[Kommentar von der Redaktion gekürzt.]

#9 |
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Hebamme

Wir brauchen dringend aussagekräftige Studien, wie sinnvoll die routinemäßig angewandten Untersuchungen sind (unabhängig ob sie durch die Mutterschaftsrichtlinien empfohlen werden oder nicht) und basierend darauf NEUE Leitlinien.
CTGs sind da ja ein großer Punkt. Ich erlebe es in meinem Arbeitsalltag folgendermaßen:
Jede Schwangere bekommt ca. ab dem dritten Trimenon bei jedem Besuch beim Gynäkologen ein CTG. Angelegt von darin leider zu oft ungeschulten Arzthelferinnen (zB in Rückenlage) mit nicht selten als suspekt einzustufendem Ergebnis (zB wegen der Rückenlage oder weil das Kind gerade eine Schlafphase hat oder die Schwangere gerade eine geraucht hat).
Daraufhin wird die Schwangere entweder in die Klinik zur Kontrolle geschickt oder (was mir die Haare zu Berge stehen lässt) für die kommende Woche zur Kontrolle in die Praxis einbestellt.

Wie oben geschrieben. Wir brauchen Studien, um evidenzbasierte, sinnvolle Schwangerenbegleitung anbieten zu können ohne die Schwangere und das Ungeborene zu vernachlässigen oder unnötig zu stressen.

#8 |
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Gast
Gast

Mich hat verwundert, dass hier weder Nackentransparenzmessung noch Fruchtwasseruntersuchung angesprochen wurde?!
Das ist nämlich das, womit ich mich verrückt machen habe lassen!

#7 |
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oh, da fehlte der erste TeiL:

Eine merkwürdige Untersuchung. Die meisetn Frauen werden durch diese Untersuchungen doch nicht verunsichert, sondern fühlen sich sicher und gut betreut, wenn sie das Baby im Ultraschall sehen. Ich selber war dankbar meine Kider im Ultraschall zusehen. ich kene viele Kollegen die die Ultraschalluntersuchungen nicht in Rechnung stellen. Viele Frauenärzte sehen die Schwnageren auch nicht als Einnahemquelle sondern überlegen, ob sie das Risiko überhaupt noch vertreten können Schwangere zu behandeln.
Und die meisten Schwangeren freuen sich auf den Ultarschall.

#6 |
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Verunsichernd sind eher gefühlte 2o Unterschriften, die werdene Mütter ableisten müssen damit wir Gynäkologen uns rechtlich absichern damit im Falle einer Klage nichts schief geht. Das wäre doch ein wichtiges Thema oder dass Hebammen nicht mehr arbeiten könenn, weil die Versicherungssummen zu hoch werden.
Wenn eine Schwangere kommt, haben Frauenärzte doch eher Angst, dass ja nichts schief geht, als dass eine gute Einnahmequelle gesehen wird.

#5 |
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Heilpraktikerin

Irgendwie Déjà vu. Als ich vor 22 Jahren schwanger war, kam das IGeL-Virus so langsam auf.
Bis heute, nach 3 überregionalen Umzügen und dadurch bedingten Gynäkologen-Wechseln, hat sich das noch verschlimmert. In jeder Praxis bekam ich bereits an der Anmeldung die “Zusatz-Untersuchungs-Speisekarte” in die Hand gedrückt und konnte/kann daraus aussuchen (“Wissen Sie, die Vorsorge deckt ja nicht so viel ab…”). Ohne Aufklärung oder Beratung.
Mittlerweile kann ich darüber schmunzeln. Schlimm für Schwangere, die sich dadurch einen Kopf machen (lassen).

#4 |
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Dr. med. Antje Pauly
Dr. med. Antje Pauly

CTG und weitere Ultraschalluntersuchungen sind Kassenleistungen wenn medizinisch notwendig. Wobei es bei den Ultraschalluntersuchungen oft zu einer unnötigen Beunruhigung der Schwangeren kommt, wenn z.B. Der V.a. Zu geringes Wachstum besteht. Dies hat null Konsequenzen außer Stress für die Schwangere!

#3 |
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Die Erfahrung lehrt, dass z.B. der Streptokokken- wie Toxoplasmosetest sehr sinnvoll sind. Post Partum haben wir den Scherbenhaufen, den keiner vertreten kann und möchte.

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Dipl.med. Frank Leistner
Dipl.med. Frank Leistner

Bertelsmann-Stiftung: Steuersparmodell und Lobbyismus pur !! Wer beauftragt eigentlich immer diese Stiftung und mit welchem jeweiligen Ziel ? Wenn das geklärt ist , ist man dem Ziel ein wesentliches Stück näher. Selbst unsere politischen “Würdenträger”berufen sich auf die jeweiligen “Ergebnisse”: Warum wohl ????
http://www.bertelmannkritik.de Lesen und ALLES ist gesagt.
Finger weg von solchen Studien bzw. solchen kapitalgetragenen Vereinen die selbst nur den letzten Krümel von Sozialethik fressen wollen.

#1 |
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