Alzheimer: Insulinspray für’s Hirn?

19. Oktober 2011
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Der Zusammenhang zwischen den Krankheiten Diabetes und Morbus Alzheimer wird bereits seit geraumer Zeit diskutiert. Nun gibt es Neuigkeiten: Kann ein Nasenspray mit Insulin Patienten vor dem Vergessen bewahren?

Eigentlich würde man kaum auf die Idee kommen, Alzheimer mit Diabetes zu vergleichen. Eine Nervenkrankheit, die zum Vergessen führt und eine Stoffwechselstörung, die den Blutzucker in die Höhe treibt. Wo sollte da ein Zusammenhang bestehen? Doch es gibt ihn. Seitdem mehrere Studien gezeigt haben, dass Diabetes Typ II das Risiko für Alzheimer und Demenz nahezu verdoppelt, suchen Wissenschaftler nach dem „Missing Link“ zwischen den beiden Leiden.

Insulinspiegel im Gehirn erhöhen

2005 entdeckten US-amerikanische Forscher, dass das Gehirngewebe verstorbener Alzheimerpatienten ungewöhnlich wenig Insulin und insulinähnliche Wachstumsfaktoren enthält, wo das Hormon an der Übertragen von Informationen beteiligt ist. Weitere Untersuchungen zeigten: Nimmt die Insulinmenge im Gehirn ab, gehen die Gehirnzellen wie bei Alzheimer langsam ein.

Wenn Insulin also ein möglicher Auslöser für Alzheimer ist, was passiert, wenn man den Spiegel im Gehirn wieder erhöht, fragte sich 2009 William Klein. Der Neurobiologe behandelte Zellen aus dem Hippocampus, dem Erinnerungsspeicher des Gehirns, mit Insulin. Das Stoffwechsel-Hormon schützte die Zellen vor dem Angriff von Beta-Amyloiden, jenen schädlichen Proteinen, die sich im Gehirn von Alzheimer-Kranken sich zu regelrechten Klumpen verketten. Schalteten die Forscher dagegen Insulin-Rezeptoren oder die Rezeptoren für die insulinähnlichen Wachstumsfaktoren, sammelten sich die Proteinhaufen wieder an.

Bei Menschen mit Alzheimer heften sich diese Beta-Amyloide aneinander, sie verklumpen und lagern sich zwischen den Nervenzellen im Gehirn ab. Die Nervenzellen können keine Informationen austauschen. Das Gedächtnis leidet mit der Zeit immer stärker, Betroffene vergessen erst ihren Schlüssel und zuletzt sich selbst. In dem Versuch verhinderte Insulin, dass sich die Beta-Amyloide an die Synapsen hefteten, in dem es die Andockstellen für die Eiweiße verringerte. Die Nervenverbindungen funkten weiter.

Auch Antidiabetes-Medikamente wie Rosiglitazon wurden bereits zur Behandlung von Demenz erforscht. Auch hier zeigte sich eine Verbesserung, doch es traten auch Nebenwirkungen auf. Nach diesen Ergebnissen lag der Gedanke nahe, das Stoffwechselhormon direkt am Menschen zu testen.

Vorsichtige Hoffnung

Die erste kleine Pilotstudie von Suzanne Craft und ihren Kollegen der Universtät von Washington mit 106 Teilnehmern macht nun vorsichtig Hoffnung. Wissenschaftler teilten die Menschen im Anfangsstadium der Erkrankung in drei Gruppen ein. Die erste sollte täglich ein Placebo bekommen, die zweite 20 Einheiten Insulin und die dritte 40 Einheiten. Nur wie bekommt man den Botenstoff ins Gehirn? Ganz einfach: mit einem Nasenspray. Denn die Riechfasern sind nicht nur einer der kürzesten sondern auch einer der schnellsten Wege zu den Nervenzellen.

Innerhalb der nächsten vier Monate zeigte sich bei Gedächtnistests: Am besten schloss die Gruppe mit der kleinen Dosis ab. Sie konnte sich an die meisten Details einer Geschichte erinnern, die allen Teilnehmern erzählt wurde. Beide Insulin-Gruppen erhöhten andere kognitive Fähigkeiten, die in Tests gemessen wurden. In Analysen der Gehirnflüssigkeit auf die schädlichen Eiweiße zeigten sich insgesamt keine großen Unterschiede zwischen Insulin- und Placebogruppen bei den Alzheimermarkern Beta-Amyloid und Tau.

Insulin verzögert Krankheitsverlauf?

Positiv fiel jedoch ein weiterer Test aus. In einigen Gehirnregionen und im frontalen Kortex fanden die Forscher unter der Insulintherapie, dass die demenzbedingte Stoffwechselaktivität weniger abnimmt als unter Placebo. Die Autoren der Studie sehen in ihrer Arbeit einen klaren Hinweis darauf, dass Insulin den Krankheitsverlauf verzögern könne. „Erstaunt hat uns vor allem, dass so schnell Effekte sichtbar wurden und es kaum Nebenwirkungen gab“, sagt Jens Benninghoff, Leiter des Gerontopsychiatrischen Zentrums der LVR-Klinikum in Essen. „Würde man Patienten diese Menge spritzen würde man bei ihnen wahrscheinlich eine lebensgefährliche Hypoglykämie auslösen.“ Doch durch die Gabe als Nasenspray scheint das Insulin tatsächlich nur im Gehirn zu wirken. Seit Jahren versucht die Pharmaindustrie ein Nasenspray für Diabetiker zu entwickeln – ohne Erfolg. „Vielleicht können wir diesen Mechanismus nun für die Alzheimer-Behandlung ausnutzen. Eine Insulin-Behandlung die sich nicht auf den übrigen Körper auswirkt“, so Benninghoff, der in Deutschland ebenfalls an dem Zusammenhang zwischen Insulin und Neuroregeneration forscht.

Denn mit der INSULA-Studie wollen die Universitätskliniken Essen und Lübeck nun die Wirkung von Insulin-Nasenspray sowohl auf die Gedächtnis- und Denkleistungen bei einer Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium beleuchten wie auch bei Diabetes-Patienten mit kognitiven Problemen. In einer Voruntersuchung der vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung geförderten Studie konnte bei gesunden Erwachsenen bereits eine deutliche Verbesserung der Gedächtnisleistungen erreicht werden. „Es sieht tatsächlich so aus, dass das Insulin die Integrität der Synapsen schützt und die Nervenzellen vor dem Zelluntergang“, sagt der Demenzforscher

Noch ist die Medizin jedoch meilenweit davon entfernt, Insulin für die Therapie von Alzheimer einzusetzen. Die erste Studie ist so klein, dass dieses Ergebnis ein Zufall sein kann. Zudem gibt es neben Insulin viele weitere Verdächtige, die bei der Entwicklung oder dem Fortschreiten von Alzheimer eine Rolle spielen könnten. Doch etwa 25.000 Alzheimer-Forscher arbeiten weltweit am Verständnis und der Behandlung von Alzheimer. Und mit jeder Studie versteht man etwas mehr.

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Medizin, Pharmazie

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13 Kommentare:

Dieser physiopatholog. Ansatz hat sicher seinen Stellenwert.
Aber warum wieder mit ( NW des WAchstumshormons Insulin ) “mit Kanonen auf Spatzen schießen “?
Aus der Reh-, Sport- und Ernährungsmedizin ergibt sich folgendes : Typ 2 -Diabetes ist fast immer metabolisch bzw. durch falschen Lebensstil erzeugt und kann fast immer beseitigt werden . Demgemäß ändert sich die Wirksamkeit des körpereigenen ( meist noch vorhandenen ) Insulins sowieso bei präventiv/therapeut. Maßnahmen in dieser Richtung ..Warum dies nicht stärker nutzen ? Vg. ÄK-Präsident C. Vilmar mit dem richtigen Malus ..

#13 |
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…nicht ganz zu dem Thema Insulinspray, aber gibt es Studien bei Alzheimer mit dem blut/liquorschrankengägigem Strophantin? Meine mich an eine Arbeit von vor vielen Jahren zu erinnern, in der die Merkfähigkeit Älterer so gebessert wurde.

#12 |
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Wurde jemals ein ähnlicher Versuch mit Galaktose gemacht? Habe gehört, dass diese direkt ins Hirn geht.

#11 |
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Dass Insulin erhaltend auf Neurone wirkt ist seit einigen Jahren schon kein Geheimnis: Androutsellis-Theotokis et al. zeigten bereits 2006 an Rattenmodellen von Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson (Krankheiten wurden experimentell induziert), dass direkte Injektionen von Insulin in das Gehirn von Ratten dort endogene neurale Stammzellen (eNSC) stimulieren, die wiederum trophische Faktoren sezernieren, wodurch die gefährdeten Neuronenpopulationen vor dem Untergang geschützt werden und somit erhalten bleiben.
Die Testobjekte schnitten bei den Verhaltenstests um ein Vielfaches besser ab. Die Ergebnisse der Verhaltenstests wurden durch histologische Untersuchungen bestätigt: Sowohl die Neuronenpopulation als auch die Population Hes3+ eNSC war in den Gehirnen, die eine Insulinstimulation erhalten haben, höher.
Ich denke hier liegt der eigentliche Schlüssel, warum sich Insulin bei Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt.

Bibliografie:
Androutsellis-Theotokis A, Leker RR, Soldner F, Hoeppner DJ, Ravin R, Poser SW, et al. Notch signalling regulates stem cell numbers in vitro and in vivo. Nature 2006 Aug 17;442(7104):823-826.

Androutsellis-Theotokis A, Rueger MA, Park DM, Mkhikian H, Korb E, Poser SW, et al. Targeting neural precursors in the adult brain rescues injured dopamine neurons. Proc Natl Acad Sci U S A 2009 Aug 11;106(32):13570-13575.

Androutsellis-Theotokis A, Rueger MA, Mkhikian H, Korb E, McKay RD. Signaling pathways controlling neural stem cells slow progressive brain disease. Cold Spring Harb Symp Quant Biol 2008;73:403-410.
____________________
Ian Levenfus
Stem Cell Biology Laboratory
Medizinische Klinik III
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

#10 |
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Dr. med. Hannelore Schwarz-Schulz
Dr. med. Hannelore Schwarz-Schulz

Insulinspray gegen Alzheimer wäre eine tolle Therapie,jedoch zweifle ich die Therapie an ,da Studien nicht ausreichend;zu viele unbeantwortete Fragen.

#9 |
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sind die eventuellen schädlichen Nebenwirkungen einer Behandlung mit Insulinnasenspray hinreichned abgeklärt ?

#8 |
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@ Dr. med. vet. Christina Wolf

Unter

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/demenz/article/670426/nasenspray-alzheimer.html?sh=1&h=438929174#comment

sind Details berichtet.

Den kompletten Artikel habe ich nur in der Uni gelesen (gebührenfreier Zugang), deswegen hier nur Abstract verfügbar.

doi:10.1001/archneurol.2011.233

Eine Verblindung der BZ-Messgeräte durfte aus Sicherheitsgründen nicht gemacht werden. Bei den Insulindosierungen hätten sonst u. U. lebensbedrohliche Hypoglykämien nicht detektiert werden können.

Pikant ist, das Hypos selbst Demenz verursachen können.

#7 |
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@ Dr. Schätzler: ich habe nur den Abstract der von Ihnen genannten Studie gelesen, nicht den Gesamttext. Daher weiß ich nicht wie die Verblindung hier tatsächlich durchgeführt wurde. Technisch ist sie aber einfach zu erreichen: Das Display des Zucker-Meßgerätes wird deaktiviert und die gespeicherten Daten z.B. monatlich am Computer des Arztes ausgelesen. Hat sich denn bei dieser Studie überhaupt eine Auswirkung auf den Glucosespiegel gezeigt?
Wenn die Studie 4 Jahre lief, ist dann ein First-Pass nicht auszuschließen?
Könnten Sie mir das Original vielleicht zumailen?
Vielen Dank Dr. Wolf

#6 |
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Dr. med. Fritz-martin Müller
Dr. med. Fritz-martin Müller

.Ganz spannendUnd o.k. man muss wohl abwarten

#5 |
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Thorsten Kapitzki-Nagler
Thorsten Kapitzki-Nagler

Als kritischer Beobachter fällt einem auf, dass vor wenigen Jahren das Insulin-Nasenspray sich in der Behandlung der Diabetiker nicht durchsetzen konnte. Wenn man ein Produkt entwickelt hat, für teures Geld, ist es sicher redlich zu schauen, wem das Produkt alles nützen kann. Nach einer gescheiterten Markteinführung ist es aber geboten, genauer hinzuschauen, wenn die gleiche Produktidee für andere Indikationen angeboten wird. Was mich wundert: Wie kann man so zweifelsfrei die Ausschlussdiagnose Alzheimer diagnostizieren, dass die Validität der Studie nicht gefährdet ist. Zum anderen ist es sicher richtig, Einflüsse anderer Krankheitsbilder zunächst auszuschließen, um die Wirkung nachzuweisen. Andererseits beudeutet das in sich wieder einen BIAS weil es in diesem Fall zu einer erheblichen Patientenselektion führt: die beschriebene Patientengruppe ist eher selten. In der Praxis sind Demenzpatienten doch häufig multimorbid.

#4 |
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kein kommentar

#3 |
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In diesem Zusammenhang wirft auch die Studie: “Intranasal Insulin Therapy for Alzheimer Disease and Amnestic Mild Cognitive Impairment” von Craft et al. publiziert in
Arch Neurol.2011; 0: 20112331-10 einige Fragen auf. Dort wurden 104 Erwachsene mit gering bis mäßiger Alzheimer Demenz (AD) N = 40, bzw. anamnestisch geringen kognitiven Einschränkungen (AMCI) N = 64 für eine Interventionsstudie gewonnen (“The intent-to-treat sample consisted of 104 adults with amnestic mild cognitive impairment [n = 64] or mild to moderate AD [n = 40]”). Die Studie lief über 4 Jahre (“conducted over a 4-year period”). 30 Teilnehmer bekamen Placebo-Nasenspray (NS), 36 Verum-Teilnehmer erhielten 20 IU Insulin-NS als 2 x 10 IU und 38 bekamen 40 IU Insulin-NS als 2 x 20 IU täglich über 4 Monate appliziert (“Intervention Participants received placebo [n = 30], 20 IU of insulin [n = 36], or 40 IU of insulin [n = 38] for 4 months, administered with a nasal drug delivery device”). Alle Teilnehmer/-innen waren frei von internistischen und psychiatrischen Erkrankungen, also o h n e Diabetes mellitus, COPD, Herzinsuffizienz Leber-, Nieren-, Alkoholkrankheit bzw. neurologisch sonst symptomfrei. Blutglucose-Messungen fanden in der ersten Woche täglich und danach wöchentlich statt(“The blood glucose level was measured daily for the first week and weekly thereafter”). Bei dieser randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie (“Randomized, double-blind, placebo-controlled trial”) fragt man sich natürlich, wie denn die Randomisierung nicht bereits nach den ersten tgl. BZ-Kontrollen aufgeflogen ist? Man fragt sich auch, wie das nächtliche Hypoglykämie-Risiko eingeschätzt wurde, das bei Diabetikern bekanntermaßen zu Demenz und häufigeren kardiovaskulären Komplikationen führt? Schleust Insulin evtl. via Nasenspray schneller und effektiver Glucose in die schwächelnde Gehirnzelle? Welche Folgen haben 20 bzw. 40 IU Insulin tgl. für die Betazelle bei sonst gesundem Glucosestoffwechsel? Liegt hier evtl. ein “first-pass”-Effekt vor, der sich jenseits von 4 Monaten wieder verliert? Würde ein Gehirn mit AD und AMCI auf Dauer niedrigere BZ-Spiegel tolerieren oder kehrt sich der Effekt nach kurzem Aufbäumen wieder um? Kann man den Abbau von Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn nicht auch durch alternative, ggf. sogar nicht-medikamentöse Maßnahmen fördern? Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Es ist super

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