KHK-Risiko: Kein Herz für Transfette?

12. August 2015
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Der Verzehr von Transfettsäuren erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deshalb hat die FDA jüngst verkündet, dass ab 2018 teilgehärtete Fette in verarbeiteten Lebensmitteln verboten sein werden. Deutschland hält dagegen nicht einmal Grenzwerte für notwendig.

Am 16. Juni 2015 verkündete die Food and Drugs Administration (FDA), dass teilgehärtete Fette nicht mehr „allgemein als sicher anerkannt“ (Generally Recognized As Safe, GRAS) werden können. Der Grund: Teilgehärtete Fette sind die Hauptquelle für industriell erzeugte Transfettsäuren in verarbeiteten Lebensmitteln. Zahlreiche Studien haben zeigen können, dass der Verzehr dieser Transfettsäuren mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht. Aufgrund dieser FDA-Einschätzung haben die Lebensmittelhersteller nun drei Jahre Zeit, um teilgehärtete Fette aus ihren Produkten für den US-amerikanischen Markt zu verbannen. „Wir erwarten, dass dieses Vorgehen die Zahl von KHK-Fällen reduzieren und jedes Jahr tausende tödlicher Herzinfarkte verhindern wird“, erklärt der beauftragte Kommissar der FDA, Dr. Stephen Ostroffhttp.

Schattenseiten des Schokokuchens

Transfettsäuren (Trans Fatty Acids, TFAs) haben in zahlreichen Studien und Meta-Analysen bewiesen, dass sie das Risiko für Dyslipoproteinämien erhöhen: TFAs steigern den LDL-Cholesterinspiegel und senken den HDL-Cholesterinspiegel, was zu einem ungünstigen Verhältnis von Gesamt- zu HDL-Cholesterin führt. Außerdem induzieren TFAs proinflammatorische Effekte und endotheliale Dysfunktion. Zusätzlich gibt es Hinweise darauf [Paywall], dass TFAs die Insulinsensitivität herabsetzen – dies gilt insbesondere für Personen, die eine Prädisposition für Insulinresistenz besitzen, also beispielsweise Übergewichtige.

Es ist daher kein Wunder, dass eine positive Assoziation zwischen dem Konsum von TFAs und dem Auftreten von KHK-Ereignissen besteht: Der isokalorische Ersatz von 2 % der Nahrungsenergie durch TFAs lässt die Rate für Myokardinfarkte oder KHK-Tod um 23-29 % ansteigen. Diese Erkenntnis ist auch beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) angekommen: „Transfettsäuren erhöhen das Risiko zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, bestätigt Bernhard Kühnle, Leiter der Abteilung Ernährung, Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit des BMELV. Weniger bekannt ist hingegen, dass auch ein Zusammenhang zwischen TFAs und bestimmten Krebsarten, z. B. Non-Hodgkin Lymphom oder Hautkrebs, diskutiert wird.

Die Menge macht’s

Dass Transfettsäuren eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, scheint also unzweifelhaft, und so verwundert es auch nicht, dass nationale und internationale Institutionen empfehlen, dass TFAs maximal 1 % der Nahrungsenergie ausmachen sollen. Laut aktueller Empfehlung der AkdÄ zur kardiovaskulären Prävention sollen sogar nur 0,5 % der Nahrungsenergie aus Transfettsäuren stammen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat dazu eine Risikoabschätzung durchgeführt, um zu ermitteln, ob diese Empfehlungen in Deutschland eingehalten werden. In seiner Stellungnahme vom 6. Juni 2013 kommt das BfR zwar zu dem Ergebnis, dass die Höhe der derzeitigen Transfettsäure-Aufnahme in Deutschland gesundheitlich unbedenklich ist. Ob die Daten, die dieser Aussage zugrunde liegen, tatsächlich eine so eindeutige Sprache sprechen, darf allerdings bezweifelt werden:

  • Die Daten zu den Essensgewohnheiten der Deutschen stammen aus der repräsentativen Nationalen Verzehrsstudie II, für die zwischen November 2005 und Januar 2007 knapp 20.000 deutschsprachige Personen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren befragt wurden. Ob die Verzehrgewohnheiten der Deutschen knapp zehn Jahre später noch dieselben sind, ist fraglich.
  • Die Transfettsäure-Gehalte der verschiedenen Lebensmittel stammen aus sehr unterschiedlichen Quellen und wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erhoben. Die Daten des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) stammen beispielsweise aus den Jahren 2000 bis 2008. Hinzu kommt, dass bei 75 % der vom BVL analysierten Proben der Gesamt-TFA-Gehalt nicht vollständig erfasst wurde, da lediglich der Gehalt einer oder zweier TFAs bestimmt wurde.
  • Trotz der vermutlich unterschätzten TFA-Gehalte kommt das BfR zu dem Ergebnis, dass in der Gesamtpopulation der Anteil der Personen, die mehr als 1 % ihrer Nahrungsenergie aus TFAs beziehen, bei 20 % liegt – mit deutlichen geschlechts- und altersspezifischen Unterschieden: Junge Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren verzehren am häufigsten TFAs, in dieser Gruppe liegt der Anteil derjenigen, die mehr als 1 % ihrer Nahrungsenergie in Form von TFAs aufnehmen, bei 36,2 %.
  • In einer worst case Schätzung stieg der Anteil der Personen in der Gesamtpopulation, die mehr als 1 % ihrer Nahrungsenergie aus TFAs beziehen, auf 35 %.
  • Eine andere Schätzung, die auf von der Industrie bereitgestellten Daten zu TFA-optimierten Produkten beruht, kommt zu dem Schluss, dass immerhin noch 10 % der Gesamtbevölkerung mehr als 1 % der Nahrungsenergie durch TFAs aufnehmen.

Butter als Bösewicht

Zu den Lebensmittel, die besonders stark mit industriellen TFAs belastet sind, gehören Pizzen, frittierte Kartoffelgerichte, Chips, Margarine, Kekse, Kuchen und Blätterteigprodukte. Transfettsäuren entstehen aber nicht nur bei der industriellen Härtung und Desodorierung von ungesättigten Pflanzenölen, sondern auch beim Erhitzen und Braten von Ölen bei sehr hohen Temperaturen. Außerdem gibt es sogenannte ruminante Transfettsäuren (rTFAs), d. h. TFAs, die sich bei der bakteriellen Transformation von ungesättigten Fettsäuren im Pansen von Wiederkäuern bilden.

Das BfR kam in seiner Abschätzung zu dem Ergebnis, dass Butter und tierische Fette sowie Milchprodukte wie Sahne und Käse etwa die Hälfte der verzehrten TFAs ausmachen. Dies steht allerdings im Widerspruch zu Expertenmeinungen der WHO, die davon ausgehen, dass der geschätzte tägliche Verzehr von rTFAs in den meisten Gesellschaften gering ist. Trotzdem stellt sich die Frage, ob sich das gesundheitsschädliche Potenzial der rTFAs von dem der industriell hergestellten TFAs (iTFAs) unterscheidet. Denkbar wäre es, da sich rTFAs und iTFAs hinsichtlich der spezifischen Zusammensetzung ihrer Fettsäuren unterscheiden. Obwohl für eine abschließende Beantwortung dieser Frage noch nicht genug Daten existieren, gibt es tatsächlich erste Hinweise darauf, dass rTFA-typische Fettsäuren wie Vaccensäure (18:1 trans-11) im Vergleich zu iTFAs wie Elaidinsäure (18:1 trans-9) weniger schädlich sind.

Freiwillige Selbstkontrolle oder staatliche Grenzwerte?

Das BfR kommt in seiner Stellungnahme zu dem Schluss, dass Qualitätssicherungsmaßnahmen der Hersteller der beste Weg sind, um die TFA-Aufnahme bei den Verbrauchern zu minimieren. Diese Einstellung kommt auch in einer gemeinsamen Initiative des Spitzenverbandes der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL und des BMELV zum Ausdruck: Die 2012 verabschiedete „Leitlinie zur Minimierung von Transfettsäuren in Lebensmitteln“ enthält Empfehlungen und praxisnahe Tipps, wie der Gehalt an TFAs in Lebensmitteln reduziert werden kann. Von verbindlichen Grenzwerten ist dort jedoch nirgends die Rede, so dass hierzulande lediglich die EU-Grenzwerte für TFAs in diätetischen Lebensmitteln wie Säuglingsnahrung verbindlich sind. Andere europäische Länder wie Dänemark, Island, Norwegen, Österreich und die Schweiz sind da schon deutlich weiter. Ein weiteres Problem besteht darin, dass nicht erkennbar ist, wie hoch der tatsächliche TFA-Gehalt eines Produkts ist. EU-weit muss lediglich gekennzeichnet werden, dass das Lebensmittel teilgehärtete Fette enthält – eine Aussage über den TFA-Gehalt ist damit aber nicht möglich. In den USA dagegen muss der TFA-Gehalt bereits seit 2006 deklariert werden.

107 Wertungen (4.65 ø)

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13 Kommentare:

Dr. E. Stamm
Dr. E. Stamm

Liebe Frau Bihlmaier, ist das wahr, was Sie da schreiben in #3 ?
Ich esse abends schon mal 1/2 Stück Camembert, dazu Butter, evtl. auch mal nichtgehärtete (!) Margarine aufs Brot. Habe ich dann wirklich den Inhalt von 5 Litern Milch intus und dazu den Rahm von mehreren Litern Milch ?? Ich kann´s nicht glauben. Dann dürfte ich nicht nur 60 Kilo wiegen ! Und nicht gesunde 70 Jahre alt geworden sein.
Und dann noch der Unterschied zwischen Freilandkühen mit 2/3 mehr Omega-3-Fettsäuren WIE “Industriekühe”.
(“wie” ?, auch Sie haben, wie neuerlich so viele Deutschsprachige, leider das Wörtchen “als” vergessen, das hier hingehört ! Gleich=wie, größer=als). Sie sind aber damit aktuell, verzeihen Sie, in leider – nicht guter sprachlicher Gesellschaft. Denn: Österreicher und Schweizer machen auch diesen Fehler!
Gehört nun humanmedizinisch nicht hierher, sorry! Aber ich mußte es mal loswerden).

#13 |
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Gast
Gast

Ein Verbot wäre die einzig wirksame Maßnahme.
Wer weis denn, dass die lecker gebräunten Croissants bei uns mit gehärteten Fetten gebacken werden, oder dass in fast jedem Capuccino solche zu finden sind.

#12 |
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Gast
Gast

dr. med. Matthias Komp, nicht so griesgrämig,
der Zusammenhang sind die gehärteten FS,
die erleichern das Braten, sind aber ungesund.
Da man das nicht schmeckt,
muss es schlicht verboten werden,
wie in Dänemark, das wird dort auch von McDonald respektiert,
bei uns aber nicht.

#11 |
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Gast
Gast

Gott sei Dank hat man wenigstens mal wieder einen Grund Studien als absolut unentbehrlich darzustellen. Gesunder Menschenverstand scheint auch bei den angeblich intelligenten Repräsentanten der Menschheit nicht mehr zu existieren. Es wäre viel geholfen, wenn eine weitestgehend natürliche und unveränderte Nahrung konsumiert würde, aber so allgemein verständlich und ehrlich will das wohl niemand formulieren. Wenn wirklich so viel Interesse an gesunden Bürgern bestünde, müsste bei solchen Dissertationen durchaus auf lange bestehende Erkenntnisse von Dr. Bruker ( Lahnsteinklinik ) verwiesen werden. Diese ganze Kleinkrämerei ist beschämend und lächerlich. Wie schon erwähnt haben wir ganz andere Probleme grösserer Tragweite. Wenn sich unsere Intelligenz hervortun möchte, dann sollte sie sich an vorderste Front gegen TTIP, CETA etc stellen. Bürger dürfen schliesslich noch essen, was sie wollen und die Haupt-Betroffenen interessieren sich kaum für diese Studien.

#10 |
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Liebe Leute – geht es hier um einen Kochkurs und den Austausch von Back- und Bratrezepten ?
Genau dieser “Krämergeist” macht es ja der Industrie und den politisch Verantwortlichen so leicht, das “wesentliche” zu ignorieren und das “eigene” zu mästen.
Immer auf den persönlichen Nebenschauplätzen sich verausgaben – bringt uns alle in beachtenswerter Weise “voran” –
also tauscht mal schön weiter aus und lasst euren Bewußtseinsschlaf auf keinen Fall unterbrechen…..

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

@ Gast 21:08

Nicht doch, das können wir Frauen sehr gut. Wer ein wirklich gute, zartes Mediumsteak hinbekommt, der kann alles ;-)

#8 |
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Gast
Gast

Lieber Frau @Dr. med. Susanne Bihlmaier,
es fehlt nur noch das leckere Fleisch. Es ist allerdings eine Kunst, das zuzubereiten.
Ich glaub. das können bald nur noch Männer.

#7 |
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Weitere medizinische Berufe

Deutsche Regierung als Lobnistentitter

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Da wäre uns vielleicht mit TTIP in dieser Sache ein wenig geholfen? ;-)
Verbraucherschutz in Deutschland funktioniert nur, wenn die Industrie damit einverstanden ist.

#5 |
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Wen wundert es ?
die Politik ist mit der Industrie bestens verbandelt – die Politiker selbst in ihrer körperlichen Präsenz abschreckende Beispiele gesundheitsbewußter Selbstwertigkeit-der Kanzleramtsminister, Herr Gabriel, Herr Gröhe etc. sind repräsentativ !
Der Industrie geht es um Gewinnmaximierung um jeden Preis, den Politikern um Ausgabenvermeidung um jeden Preis – jedenfalls dann, wenn es um Gesundheitsbelange geht!!! Wer von den Gesundheitsverantwortlichen (Politik, Krankenkassen, Pharmaindustrie, Nahrungsmittelindustrie – denn der Begriff “Lebens”mittel ist hier unangebracht) etwas wie Verantwortlichkeit erwartet, lebt in einer Märchenwelt.
Und diese bewußte Körper- und Leibverletzung durch Nahrungsmittel etc. setzt heute schon indirekt in utero, direkt post partum ein- bei einem solchen “merkantilen Ungeist auch noch Selbstdisziplin im Sinne einer “freiwilligen”(?) Selbstkontrolle zu erwearten – für wie dumm (um nicht zu sagen bescheuert) wollen sich die Verantwortlichen eigentlich noch gerieren ???

#4 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Wertschätzung und Wissen könnten helfen: So wird für einen camembertgroßen Laib-chen Käse ca. 10 L Milch benötigt, mit Salz, das in der Menge keiner Wurst nachsteht. Und für ein Stück Butter musste meine Oma eine Woche lang den Rahm von vielen Litern Milch abschöpfen. Will heißen (wie im Bericht deutlich gesagt): die Menge macht’s. Und die Qualität auch- denn die Milch von Grünlandkühen (Demeter) enthält 2/3 (!!!) mehr Omega-3-Fettsäuren, wie die Milch von “Industriekühen”. In diesem Sinne: ein Stück Bioland/Demeterbutter auf die Sonntagsbrezel macht keine Herzprobleme. Wohl aber die tägliche, billige “to-go-Butterbrezel”, Fast-Food insgesamt und Nahrungsmittel, die bewusster genossen werden sollten, weil sie Luxus sind, wie z.B. Chips. Dabei geht gesunde Ernährung so einfach und megalecker. Einfach ausprobieren, z.B. Scheibe Dinkelvollkornbrot, darauf Bio-Tomatenmark, darauf Schnittlauch.Bunt, gesund, Urlaubsfeeling!

#3 |
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Gast
Gast

ungeschränkte Zustimmung, Frau Annukka!
Deutschland muss sich schämen.

#2 |
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Gast
Gast

Bei Lebensmitteln besteht in Deutschland doch wohl nur eine Deklarationspflicht für “gehärtete Fette”, bei denen die eigentlich problematischen teilgehärteten Fette, die die iTFAs enthalten, subsummiert werden ?
Wenn das so ist, kann man aus der Zutatenliste mit dem Hinweis “gehärtete Fette” nicht erkennen, ob auch iTFAs enthalten sind.

#1 |
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