Gesundheitsversorgung: Mit Gottes Segen?

4. August 2015
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Religiöse Institutionen spielen bei der Gesundheitsversorgung in vielen Ländern eine nicht unwichtige Rolle. Eine Artikelserie im „Lancet“ setzt sich nun dafür ein, deren Stärken gezielt zu nutzen. Doch lassen sich moderne Medizin und Glaube immer vereinbaren?

Religion und Medizin – wie passt das zusammen? Manche religiösen Gruppen lehnen medizinische Hilfe für Kranke strikt ab und propagieren Gebete oder religiöse Zeremonien als einzig zulässige Heilmethoden. Medizinische Einrichtungen, die einer bestimmten Glaubensrichtung unterstehen, geraten leicht in den Verdacht, ihre Patienten nicht nur behandeln, sondern auch bekehren zu wollen. Und nicht zuletzt hat jede Religion ihre eigenen ethisch-moralischen Grundsätze, die nicht immer der Ethik einer wissenschaftlich basierten Medizin entsprechen. Das betrifft zum Beispiel Themen wie Verhütung, Abtreibung, Sterbehilfe oder Impfungen oder die medizinische Versorgung von Homosexuellen oder HIV-Infizierten.

Religion: Ein wichtiger Faktor im Leben vieler Menschen

84 Prozent der Weltbevölkerung gehören einer Religion an. Und diese beeinflusst oft auch das Gesundheitsverhalten der Menschen. Glaubensbasierte medizinische Einrichtungen könnten daher – trotz mancher Kontroversen – einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten, schreiben Jill Olivier von der Universität Kapstadt (Südafrika) und ihre Kollegen in einem Artikel [Paywall] in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Dies gelte insbesondere für ärmere Länder oder abgelegene Regionen mit einer mangelhaften öffentlichen Gesundheitsversorgung.

„Glaubensbasierte Gesundheitsversorgung“ kann dabei sehr unterschiedlich aussehen: Sie kann Initiativen auf Gemeindeebene, Angebote nationaler oder internationaler Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Initiativen religiöser Gemeinden oder auch staatliche Gesundheitseinrichtungen in muslimischen Ländern umfassen. Jill Olivier und ihr Team konzentrieren sich bei ihrer Untersuchung auf die Rolle dieser Einrichtungen im Afrika südlich der Sahara.

Zu Gesundheitsmaßnahmen motivieren

„Oft haben solche Organisationen eine große geographische Reichweite, eine gute Infrastruktur und enge Beziehungen zu den Menschen eines Landes“, beschreiben Olivier und ihr Team. „Sie können dazu beitragen, Impfkampagnen flächendeckend durchzuführen, Hygienemaßnahmen zum Schutz vor Infektionskrankheiten einzuführen oder medizinische Angebote für HIV-Infizierte bereitzustellen.“ Auch Priester und andere religiöse Führer, die bei vielen Menschen großes Vertrauen genießen würden, könnten die Menschen zu Gesundheitsmaßnahmen motivieren. Als Beispiel nennen die Autoren ein Projekt in Sierra Leone, bei dem muslimische und christliche Führer mit UNICEF-Unterstützung eine Impfkampagne durchführten. Auf diese Weise konnten die Impfraten bei Kindern unter einem Jahr von 6 auf 75 Prozent erhöht werden.

Darüber hinaus könnten die moralischen Ziele und Werte einer Religion zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung beitragen: Etwa das erklärte Ziel, arme und bedürftige Menschen zu versorgen oder Prinzipien wie Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit. „Oft sind die Mitarbeiter solcher Institutionen besonders motiviert und legen besonderen Wert darauf, die Würde der Patienten zu achten“, schreiben Olivier und ihre Kollegen. „Das erhöht oft die Zufriedenheit der Patienten mit der Behandlung.“

„Religion und Medizin“ – eine problematische Kombination?

Auf der anderen Seite vertreten verschiedene Glaubensrichtungen oft tatsächlich andere Grundsätze als eine Medizin, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und humanistischen Werten basiert. „Das betrifft zum Beispiel viele Bereiche der Familienplanung wie Verhütung, Abtreibung oder künstliche Befruchtung“, erläutern Andrew Tomkins vom University College London und seine Kollegen in einem weiteren „Lancet“-Artikel [Paywall]. „Problematisch sind oft auch Themen wie Sterbehilfe oder die Bereitstellung von sterilen Spitzen oder Kondomen zum Schutz vor HIV.“

Auch Impfungen sind in einigen Religionen ein kontroverses Thema: Manche religiösen Gruppen sind der Auffassung, eine Impfung bedeute Misstrauen in Gott. Einige Muslime befürchten, dass Impfungen Halal-Vorschriften, die erlaubte Dinge und Handlungen definieren, widersprechen. „Auf der anderen Seite gibt es auch viele Beispiele dafür, dass religiöse Führer Impfungen unterstützen und durch ihr Engagement zu einer hohen Impfrate beitragen können“, so Tomkins und sein Team. So predigten islamische Imame in Pakistan in einem UNICEF-Kooperationsprojekt [Paywall] die Vorteile einer Polio-Impfung – und konnten so zu Tausenden von Impfungen beitragen.

Kritische Aspekte und strittige Punkte

Darüber hinaus gibt es umstrittene Praktiken, die von einigen Religionen vertreten oder zumindest nicht explizit angelehnt werden – zum Beispiel die Verheiratung von Kindern, Gewalt gegen Frauen, die weibliche Genitalbeschneidung oder die Ablehnung von Homosexualität. Solche Handlungen können sich direkt oder indirekt auf die Gesundheit der Betroffenen auswirken. „Allerdings gibt es in vielen großen Religionen wie Christentum, Judentum, Islam oder Hinduismus Bestrebungen, solche problematischen Praktiken zu reduzieren“, betonen die Forscher um Tomkins. „Viele religiöse Führer setzen sich zusammen mit den Gemeinden dafür ein, die Genitalverstümmelung abzuschaffen, Kinderehen zu verhindern oder die Diskriminierung Homosexueller zu verurteilen“, sagt Tomkins. Auch Stellungnahmen einflussreicher religiöser Oberhäupter könnten viele Menschen erreichen – so etwa eine Rede des Erzbischofs Desmond Tutu, in der er sich gegen Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen aussprach.

Einige Experten sehen es generell als kritisch an, wenn im Rahmen der Gesundheitsversorgung bestimmte religiöser Werte vertreten werden. Dass religiöse Gesundheitseinrichtungen bevorzugt Angehörige ihres eigenen Glaubens behandeln, hat sich in verschiedenen Studien [Paywall] zwar nicht nachweisen lassen. Problematisch kann jedoch der Umgang mit Gebeten und anderen religiösen Zeremonien sein. „In vielen Krankenhäusern sind Gebete und religiöse Aktivitäten strikt geregelt“, berichten Tomkins und sein Team. „In einigen Ländern ist es aber durchaus üblich, für Patienten zu beten, religiöse Heilungszeremonien durchzuführen oder medizinische mit traditionellen – zum Beispiel buddhistischen – Heilmethoden zu kombinieren.“ Das könnte dazu führen, dass die bestmögliche Behandlung verzögert oder ganz verhindert wird.

Formen fruchtbarer Zusammenarbeit

Zentrale globale Gesundheitsziele hat die UN in ihren Millenium Development Goals (MDG) und Sustainable Development Goals (SDG) definiert. Um diese Ziele zu erreichen, sollten in Idealfall alle Gesundheitsversorger einbezogen werden, schreiben Jean Duff und Waren Buckingham von der „Partnership for Faith and Development“ in Washington DC (USA). Dabei sei es wichtig, tragfähige Partnerschaften zwischen den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen zu fördern. „Unterschiedliche moralische und ethische Auffassungen sollten dabei sorgfältig erfasst und Lösungen für den Umgang damit erarbeitet werden“, so Duff und Buckingham.

„Um einen möglichst hochwertigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung zu leisten, sollten sich religiös ausgerichtete Einrichtungen genauso an der evidenzbasierten Medizin orientieren wie andere Gesundheitsanbieter“, betonen William Summerskill und Richard Horton in einem Kommentar. Zudem sollten missionarische und andere religiöse Aktivitäten strikt von Aufgaben der Gesundheitsversorgung getrennt werden.

Wichtig sei zudem weitere Forschung, um die Rolle glaubensbasierter Einrichtungen im Gesundheitssystem genauer zu verstehen, mögliche Probleme zu erkennen und effektive Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erarbeiten.

56 Wertungen (3.66 ø)

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14 Kommentare:

Dr. med. V… Stigge
Dr. med. V… Stigge

Dem sachlichen Kommentar von Kollegen Junk (#8) ist kaum etwas hinzuzufügen. Vielen Dank für die klaren Worte! Toleranz und Vernunft kommen leider immer mehr in Vergessenheit.

#14 |
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euch Unterwürfiger
euch Unterwürfiger

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#13 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre zahlreichen Kommentare. Wir möchten Sie jedoch bitten, keine pseudowissenschaftlichen Argumente zu nennen und gegenseitige Abqualifizierungen sowie Bewertungen einzelner Religionen zu unterlassen.

Ihre DocCheck News Redaktion

#12 |
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Gast
Gast

Ich weiß zwar nicht, was Frau Behr geschrieben hat, aber auf die Überfürsorge der Redaktion mag ich gerne verzichten, ich traue mir nämlich ein selbständiges Urteil über Kommentare zu und zwar ohne die Zensur der Redaktion!

#11 |
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Gabriele Behr
Gabriele Behr

an die Redaktion:

würden Sie mir bitte die Gründe für das Entfernen meines Beitrags erklären?
Mit Sicherheit habe ich mich an die üblichen Bedingungen gehalten: niemanden beleidigt- die in meinen Augen einzig richtige Antwort korrekt formuliert und ich protestiere gegen Ihr unerklärtes Verhalten..

#10 |
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Gabriele Behr
Gabriele Behr

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#9 |
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Ein sehr guter Ansatz, positive Aspekte einer Zusammenarbeit und einer ggf. Wirkungsmöglichkeit von Toleranz und gegenseitiger behutsamer Achtung in den praktischen Alltag im problematischen Umgang von Religionen und humanistisch- wissenschaftlich basierten “Weltsichtlern” einzugliedern und zu nutzen. Hoffnung und die Wirksamkeit der sogenannten “sich selbst erfüllenden Prophezeiungen” sind – mindestens im Bereich des bisherigen Wissensstandes – potente (mindestens autosuggestive) “Heilverstärker”; ob sie dabei religiös oder humanistisch verankert sind, dürfte geradezu “schnurz” sein.
Eine Laxheit der Formulierung, die ich bewußt wähle, damit die Gleichheit in der Wirksamkeit und im Ansatz und damit auch im Anspruch auf moralische Wertschätzung betont wird.
Es braucht -gelinde gesagt- wahrscheinlich keinerlei wirklich vorhandener Übermächte, wenn diese psychotropen Techniken gekonnt eingesetzt werden. Dass religiös motivierte Traditionen bei der Nutzung dieser potenten psychologischen Phenomene eine lange und perfektionistische Historie aufweisen, ist natürlich und naheliegend. Insbesondere, weil noch nicht genug “wissenschaftlich seziert” – da würde möglicherweise der innewohnende Zauber gebrochen werden und damit einer großen Mehrheit der Menschheit ein Teil ihrer existentiellen Sicherheitsstruktur beschädigt werden…
Vor allem kann mit positiver Zusammenarbeit im Bereich von Hilfe und Heilung eben bei vielen Menschen, die noch keine Kraft und keinen Mut und noch nicht genug humanistische Bildung haben, sich ein moralisch hochwertvolles Leben ohne Religion und deren Zusagen vorstellen zu können, auch im Rahmen von EBM die Kraft der religiös motivierten Hoffnungsverstärkung bezüglich biologischer Prozesse ausgenutz werden und vielleicht sogar andererseits bei einer intensiven und weltanschauliche Grenzen überschreitenden “WOHL-tuenden” Zusammenarbeit ein Wandel in der BeWERTUNG areligiöser hochmoralischer Lebensweisen erreicht werden. Damit könnte die Anmaßung mancher Religionen und ihrer führenden Vertreter, die “wahren Verwalter moralischer Werte” zu sein, immer mehr ad absurdum geführt werden – wobei es in vielen Teilen der Welt noch einen großen Nachholebedarf gibt.
Erst recht in unserem Teil der Welt- wie lebensnah ist doch das subsaharische Afrika … von den Veröffentlichern dieser Untersuchungen geschickt gewählter “Weit – weg – Ort” – wie bei den alten Fabeldichtern.
Clever, liebe Kollegen!

[Kommentar von der Redaktion gekürzt.]

#8 |
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Gabriele Behr
Gabriele Behr

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#7 |
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Gabriele Behr
Gabriele Behr

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#6 |
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Gunther Hanke
Gunther Hanke

Humanismus ist auch eine Weltanschauung, nennen wir es ruhig Religion. Wann werden wir uns bewußt, dass wir alle biased sind? Und EBM bildet nur einen winzigen Bruchteil unserer Wirklichkeit wieder, mit zweifelhafter Exaktheit. Das sollte uns Demut lehren.

#5 |
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Alles in einen Topf geschmissen und umgerührt – da kann nix vernünftiges herauskommen.
Schade, dass immer übersehen wird, dass die evidence-based Medizin letztlich auch auf Glauben beruht: nämlich dass nur das, was messbar, nachprüfbar und in Studien belegt ist “richtig” oder “gut” ist…

:(

#4 |
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Dirk Blanke
Dirk Blanke

Liebe Frau Amrhein, auch die Genitalverstümmlung von Jungen gehört dazu, denn sie hat keinen medizinischen Sinn und ist schlicht eine durch die Eltern gewollte schwere Körperverletzung. Auch hierzulande gilt die religiöse “Freiheit” mehr, als die körperliche Unversehrtheit.

#3 |
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Ärztin

Liebe Frau Behr,
schon mal was von partizipativer Entscheidungsfindung gehört auch “shared Decision making”genannt? Goldstandart sollte dies in der Sprechstd. sein! Ob bei Abtreibung oder bin der Wahl der Behandlungsmethode einer PTBS.
In der Tat ist die Beachtung der spirituellen Bedürfnisse von Patienten ein wichtiger Aspekt in der ganzheitlichen Therapie, aber schlichtweg “bullshit” diese “Hagiotherapie” als psychotherapeutische Therapiemethode zu bezeichnen. Ob keiner der 3000 Soldaten an einem PTBS erkrankt ist glaube ich erst nach ausführlicher psychiatrischer Untersuchung. Ohne die Zustände in Jugoslavien näher zu kennen, fürchte ich , dass wissenschaftlich haltbare Therapien sehr selten zur Verfügung standen. Aber die von Ihnen aufgestellten Behauptungen zur Gesundheit von anderen Menschen sind unhaltbar.
Die im Artikel aufgezeigte Schwierigkeit ist doch, dass gerade in den meisten strengen religiösen Glaubensgemeinschaften die Verantwortung dem Patienten entzogen wird, somit eine partizipative Entscheidungsfindung erschwert wird.

#2 |
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Gabriele Behr
Gabriele Behr

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#1 |
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