Asylbewerber: Versorgungsrechnung geht nicht auf

27. Juli 2015
Teilen

Asylsuchende haben hierzulande nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Dies soll Gesundheitsausgaben gering halten und keine Asylsuche-Anreize bieten. Die Regelung ist ethisch umstritten. Dass sie auch wirtschaftlich keinen Sinn macht, belegt eine aktuelle Studie.

Den eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung regelt seit 1993 das Asylbewerberleistungsgesetz. Die jährlichen Pro-Kopf Ausgaben für medizinische Versorgung bei Asylsuchenden mit nur eingeschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung waren in den letzten 20 Jahren (1994-2013) um circa 40 Prozent und damit 376 Euro höher, als bei Asylsuchenden, die bereits Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben. Das belegt eine Studie von Wissenschaftlern der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld.

Nur wenn Asylsuchende unter akuten Gesundheitsproblemen leiden, sie Schmerzen haben oder eine Behandlung unaufschiebbar ist, werden sie medizinisch behandelt. Erst nach längerem Aufenthalt in Deutschland – derzeit 15 Monate, früher länger – können sie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung in vollem Umfang beanspruchen.

Gesundheitsangaben ohne Leistungseinschränkungen niedriger

„Die Diskussion um die Gesundheitsversorgung von Asylbewerbern wurde bislang rein politisch geführt“, sagt Dr. Kayvan Bozorgmehr, Autor der Publikation und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg. „Rationale, gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Grundsätze müssen dringend stärker berücksichtigt werden.“ Die Wissenschaftler haben repräsentative Daten des statistischen Bundesamtes der Jahre 1994 bis 2013 ausgewertet und kommen zu dem Ergebnis: Dürfen Asylsuchende ohne bürokratische Hürden und ohne Leistungseinschränkungen Regelversorger wie Allgemein-, Haus- und Kinderärzte aufsuchen, sind die Gesundheitsausgaben niedriger. Unter den Bedingungen eines gleichen Zugangs für alle Asylsuchenden hätten die Gesamtausgaben für die medizinische Versorgung der letzten 20 Jahre um circa 22 Prozent gesenkt werden können. Unterschiede im Bedarf – gemessen an Alter, Geschlecht, Herkunftskontinent und Unterbringungsart – konnten die jährlichen Ausgabenunterschiede zum Teil jedoch nicht gänzlich erklären.

Anbindung an die Regelversorgung so früh wie möglich

„Unsere Studie belegt, dass eine bundesweite Umsetzung des Bremer Modells – bei dem seit 2005 bürokratische Hürden zur Versorgung abgebaut wurden – nicht zwingend mit Mehrkosten verbunden sein muss“, betont Ko-Autor Professor Dr. Oliver Razum, Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. In Bremen und Hamburg erhalten Asylsuchende ohne Wartezeit eine Gesundheitskarte und damit besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. „Es ist wichtig, so früh wie möglich eine Anbindung an die Regelversorgung und somit eine umfassende Versorgung mit primärmedizinischen Maßnahmen sicherzustellen“, sagt Dr. Kayvan Bozorgmehr. Dies sei nicht nur ethisch geboten, sondern würde auch gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, die mittlerweile international unumstritten seien. „Qualitativ gute, bedarfsgerechte und kostengünstige Versorgung ist vor allem durch integrierte, primärmedizinisch orientierte Systeme zu erreichen. Parallelsysteme hingegen sind teuer und ineffizient, vor allem wenn sie Teile der Bevölkerung von der Versorgung ausschließen.“ Die Wissenschaftler fordern, dass Daten zur gesundheitlichen Versorgung von Asylbewerbern besser verfügbar gemacht werden, um Bedürfnisse in der gesundheitlichen Versorgung erkennen und die Versorgung evaluieren zu können.

Originalpublikation:

Effect of Restricting Access to Health Care on Health Expenditures among Asylum-Seekers and Refugees: A Quasi-Experimental Study in Germany, 1994 – 2013
Kayvan Bozorgmehr et al.; PLoS ONE, doi: 10.1371/ journal.pone.0131483; 2015

25 Wertungen (3.44 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

16 Kommentare:

Gast
Gast

wüsste nicht, dass es in Deutschland verboten wäre zum Arzt zu gehen.

#16 |
  1
Gast
Gast

Tja, das würde erklären, warum dieser substanzlose Unsinn immer noch da steht…

#15 |
  0
Rudolf Ratlos
Rudolf Ratlos

Gestrichen werden hier aber nur Hinweise, dass es nicht um Asyl geht,
sondern um völlig inakzeptable Masseneinwanderung.
Wer mit Recht dagegen ist, wird in die Nazi-Ecke gerückt.

#14 |
  1
Gast
Gast

@#11, bezogen auf#1

mit “bitte” ist es nicht getan. Googlen Sie doch mal den §187 StGB, dann sieht man, dass Verleumdung ein Straftatbestand ist.
Dass solche Kommentare hier überhaupt geduldet werden!

#13 |
  0
Dr. med. Roland Hunecke
Dr. med. Roland Hunecke

Ich halte die Ergebnisse für nicht aktuell und auf die reale Versorgungssituation übertragbar. Erst gegen Studienende wurden die sehr teuren Therapien (Hepatitis, HIV) allgemein verfügbar oder eingeführt. Eine sehr große Zahl von Flüchtlingen dürfte aber gerade dafür potentiell als Patienten in Frage kommen. Abgesehen daß ein wirklicher Nutzen für den Einzelnen nur bei einer längerfristigen (evtl. sogar lebenslangen) medizinischen Betreuung auf hohem Niveau eintreten würde, wären diese Belastungen für die Solidargemeinschaft kaum zumutbar.
Man sollte jedoch Ausnahmen für “besonders Schutzbedürftige” ermöglichen (Kinder, Schwangere, schwer Kranke, Behinderte)

#12 |
  0
Gast
Gast

bitte
@Tante Jay
auch von der Redaktion entfernen!

#11 |
  0
Medizinphysiker

„Qualitativ gute, bedarfsgerechte und kostengünstige Versorgung ist vor allem durch integrierte, primärmedizinisch orientierte Systeme zu erreichen. Parallelsysteme hingegen sind teuer und ineffizient, vor allem wenn sie Teile der Bevölkerung von der Versorgung ausschließen.“ Schöner Satz der Nichts aussagt!
Die Frage ist doch: was ist am Parallelsystem viel teurer? Rechnet der Leistungserbringer mehr ab oder kommen zu ihm mehr Leistungsempfänger?
Fragen auf die ich eine Antwort erwartet hätte.

#10 |
  0
Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#9 |
  0
Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#8 |
  0
Mitarbeiter von DocCheck

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre Kommentare.

Bitte sehen Sie jedoch von generalisierenden Aussagen ab und beachten Sie in Ihren Beiträgen die Netiquette. Diskutieren Sie sachlich und themenbezogen.

Ihre DocCheck News Redaktion

#7 |
  0

Die meisten Gesundheitskosten werden am Anfang des Aufenthaltes entstehen, mit oder ohne GKV!

#6 |
  0
Dipl.-Heilpäd. Michel Fahnert
Dipl.-Heilpäd. Michel Fahnert

Die jetzt anzuwendenden Gesetze hatten zur Zeit ihres Verkündens sicher ihren Sinn, mittlerweile sind sie aber nicht mehr sinnvoll. Jetzt alle Zuwanderer in die GKV stecken ist allerdings auch nicht die Lösung. Vierlmehr sollte man die Herkunftsländer in die Pflicht nehmen, auch wenn das eher sehr schwer durchzusetzen ist.

#5 |
  0
Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#4 |
  0
Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#3 |
  0
Gast
Gast

Ich bin Heilpraktikerin, Ernährungswissenschaftlerin und Mitglied im Gemeinderat. Kommentare wie von “Tante Jay” sind völlig deplaziert. In unserer Kommune und nicht nur dort werden seit längerem das Bremer Modell angestrebt, nicht zuletzt auf einen Antrag von mir hin. – Das zur “Braunen Vergangenheit”! Flüchtlinge gehören seit Jahren zu unseren Patienten und das brauchen wir nicht noch extra als Rechtfertigung zu betonen. Das ist gelebte Solidarität.

#2 |
  0
Tante Jay
Tante Jay

Nanu?

Bei den Heilpraktikern und ihrer Nazi-Vergangenheit hagelt ein Kommentar nach dem nächsten rein, dass man doch gar nicht so ist und totaaaal missverstanden wird – und hier könnt man Flagge zeigen und was sieht man?

*grillezirpen*
*tumbleweed*

Na, meine Damen und Herren Heilpraktiker? Wo sind denn jetzt die Bekenntnisse pro Flüchtling?

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: