Tinnitus-App: The Sound of Silence

20. August 2015
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Entwickler aus Hamburg haben ein Tool gegen störende Ohrgeräusche entwickelt. Patienten benötigen für akustische Trainings nur noch ein Smartphone mit App. Wann gesetzliche Krankenkassen das innovative Medizinprodukt erstatten, ist jedoch unklar.

Es klingelt, piepst oder rauscht im Ohr: Bundesweit leiden drei Millionen Menschen an Tinnitus. Unangenehme Empfindungen sind keine Frage des Alters. Bei Jugendlichen ab 14 Jahren kommt Tinnitus ähnlich häufig vor wie im Erwachsenenalter, berichten Experten am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut). Die Gründe reichen vom lauten MP3-Player oder vom Konzertbesuch bis zu Stress und damit verbundenen psychischen Belastungen.

App ins Ohr

Dachten Wissenschaftler anfangs, Tinnitus entstünde im Innenohr selbst, wissen sie heute, dass neuronale Prozesse aus dem Ruder laufen. Unser Gehirn versucht, Hörstörungen zu kompensieren, und reguliert die Aktivität zentraler Hörbahnen nach oben. Schließlich entstehen unangenehme Ohrgeräusche. Jede Nervenzelle unseres Hörzentrums verarbeitet eine bestimmte Frequenz. Leiden Patienten am subjektiven Tinnitus, sind einzelne Neuronen besonders aktiv. Ihre Überreaktion korreliert mit der empfundenen Lautstärke von Ohrgeräuschen.

Zur Therapie setzt die Sonormed GmbH auf Tinnitracks, um neuroplastische Prozesse per Tailor-Made Notched Music Training in die richtige Richtung zu steuern. Das geht so: Bei der ersten Anwendung geben Patienten ihre individuelle Tinnitus-Frequenz ein. HNO-Ärzte oder Hörgeräteakustiker helfen weiter, um den richtigen Wert zu bestimmen – sogar als Kassenleistung. Anschließend laden User ihre Lieblingstitel per Tinnitracks App auf einen Server. Dort entfernen elektronische Filter Teilbereiche des Spektrums, passend zur individuellen Tinnitus-Frequenz. Eine hörbare, aber nicht weiter störende Kerbe (Notch) im Klangspektrum entsteht. Via Download geht es zurück auf das mobile Endgerät. Bearbeitete Musikstücke aktivieren ausschließlich gesunde Nervenzellen. Dadurch soll sich das ursprüngliche Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen wieder einstellen. Heavy Metal eignet sich gut, während bei Sprache das Frequenzspektrum zu klein ist. Ohne Fleiß kein Preis: Die App zeigt auch an, ob Betroffene ihr Soll erreicht haben. Etwa 90 Minuten am Tag sind erforderlich, um grauen Zellen beizubringen, besser mit Tinnitus besser klarzukommen.

Forschung gegen Ohrgeräusche

Dazu etwas Theorie: Im Hörzentrum unseres Gehirns sind Nervenzellen ihrer Frequenz nach angeordnet. Wird ein Neuron aktiviert, bremst es durch laterale Hemmung seine Nachbarn. Per Tinnitracks gefilterte Musik stimuliert Nervenzellen außerhalb der Tinnitus-Frequenz. Auch hier greift die besagte laterale Hemmung – und zwar genau im störenden Frequenzbereich. Nach zwölf Monaten verringerte sich die subjektive Tinnitus-Lautstärke signifikant, verglichen mit „Placebo-Musik“. Tinnitracks gibt als Wert durchschnittlich 25 Prozent an. Gleichzeitig sank die Aktivität im auditiven Cortex um 20 Prozent. Waren in frühe Arbeiten nur eine Handvoll Personen involviert, laufen mehrere Studien zur Musiktherapie mit größeren Teilnehmerzahlen. Die Behandlung selbst eignet sich für Patienten zwischen 18 und 65 Jahren, deren Tinnitus-Frequenz nicht über 8.500 Hz liegt, das sind mehr als 90 Prozent aller Betroffenen. Gleichzeitig muss der Hörverlust unter 65 dB HL liegen. Zwar sind Tailor-Made Notched Music Trainings schon länger bekannt. Allerdings verwenden Patienten ihre Lieblingsmusik auf eigenen Smartphones. Sie können zu Hause oder unterwegs trainieren, ohne Praxisbesuch: ein Gewinn für die Therapietreue.

Lorbeeren von der Community

Nicht nur Menschen mit Tinnitus sind begeistert. Die Community reagiert euphorisch auf Tinnitracks. Deren Entwickler wurden mit Auszeichnungen überhäuft. Am 15. März 2015 erhielten sie bei „South by Southwest“ (SXSW) einem Accelerator „Digital Health & Life Science“. Der Wettbewerb gehört zu den renommiertesten Veranstaltungen seiner Art. Das liegt weniger an den 4.000 Dollar Preisgeld, sondern am Ruf. Bei SXSW startete einst Twitter seinen legendären Siegeszug. Jetzt hoffen die Entwickler aus Hamburg, US-amerikanische Märkte zu erschließen. Damit nicht genug: Sonormed ist mit Tinnitracks zum „Ausgezeichneten Ort“ für eine digitale Welt ernannt worden. Ein erster Platz beim Wettbewerb des European Institute of Innovation and Technology in Eindhoven (EIT) als bestes Unternehmen in der Kategorie Health & Wellbeing kommt mit hinzu. Die Ehrungen schaffen Vertrauen, um weitere Fördergelder zu akquirieren und Expertennetzwerke aufzubauen. Bundesweit sind schon heute mehr als 100 Ärzte und Hörgeräteakustiker mit im Boot: als erste Ansprechpartner bei Fragen, etwa zur Bestimmung der Tinnitus-Frequenz. Krankenkassen üben sich wie so oft in vornehmer Zurückhaltung. Deshalb mussten gesetzlich Versicherte ursprünglich 539 Euro als jährliche Lizenzgebühr berappen. Mittlerweile gibt es die Tinnitracks-App für 19 Euro pro Monat – als angenehmeres Lizenzmodell.

104 Wertungen (4.38 ø)
HNO, Medizin

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9 Kommentare:

Dr. Jan-Sebastian Schlenzig
Dr. Jan-Sebastian Schlenzig

ich hatte einmal einen Patienten mit massivem Tinnitus beidseits. Nach einer Faszialisparese hatte er auf dem zugeordneten Ohr keinerlei Tinnitus mehr.

Damit ist klar, was die Pathogenese des Tinnutus ist:

ein Problem des sensorisch-motorischen Regulationskreises der Trommelfellspannung (Stapediusreflex), da der motorische Anteil durch den Nervus stapedius dargestellt wird. Der Nerv ist efferenter Schenkel des Stapediusreflexes. Der Nervus stapedius ist ein Ast des Nervus facialis, der motorische Nervenfasern für den Musculus stapedius im Mittelohr führt.

mit freundlichen Grüssen,
Dr.med. Schlenzig

#9 |
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Klaus-Peter Karmann
Klaus-Peter Karmann

@ #5
Der Hinweis von Frau Hoos, die Medizin möge sich auf prüfbare Hypothesen beschränken, ist allgemein (z.B. im Hinlick auf Homöphathie) sicher berechtigt, im hier vorliegenden Fall aber unangebracht, denn ohne Zweifel ist die Wirksamkeit von Tinnitracks empirisch prüfbar! Bevor man aber in die von #1 vorgeschlagenen “ausreichend großen randomisierten Studien” einsteigt, könnte man mal prüfen, ob es vor dem Hintergund unseres gesicherten neurophysiologischen Wissens überhaupt plausibel ist, dass unangenehme Ohrgeräusche dadurch entstehen sollen, dass unser Gehirn versucht, Hörstörungen zu kompensieren, indem es die Aktivität zentraler Hörbahnen nach oben reguliert. Da habe ich schon Zweifel.

#8 |
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Das Tinnitus – Projekt von Prof. Pöppel , Ingolstadt, ist effektiv , schnell und preiswert. Es lohnt sich, dort nachzuhaken.

#7 |
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Gast
Gast

Abgesehen von grundsätzlichen Einwänden (Ähnliches wurde schon oft versucht): welcher HNO-Arzt verfügt über ein Audiometer jenseits der 8kHz, hat die Zeit, die zeitraubende Messung durchzuführen und wie soll das vergütet werden?

#6 |
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Dipl. oec.troph. Sabine Hoos
Dipl. oec.troph. Sabine Hoos

“Dachten Wissenschaftler anfangs, Tinnitus entstünde im Innenohr selbst, wissen sie heute, dass neuronale Prozesse aus dem Ruder laufen. Unser Gehirn versucht, Hörstörungen zu kompensieren, und reguliert die Aktivität zentraler Hörbahnen nach oben. Schließlich entstehen unangenehme Ohrgeräusche.”

Eine klassische Verschiebung der nicht gefundenen Erklärung ins Unprüfbare.

Auf die gleiche Weise entstanden/entstehen Gottesvorstellung und ein Glaube, der das erfahrene Leid des Menschen an Gottes unergründlichem Ratschluss festmacht. Die Gottesbesänftigung kostet 19 € – ein preiswerter Ablasshandel.

#5 |
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Die neue S3-Leitlinie zum Tinnitus hat Noiser und verwandte Techniken nicht mehr in der first line, der Nutzten wird sogar bezweifelt.

#4 |
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Man kann auch mal zum Zahnarzt gehen. Das Innenohr lliegt sehr nahe am Kiefergelenk. Offenbar auch neurologisch. Man sollte nur schnell sein und nicht warten…
Viele Menschen Knirschen nachts unbemerkt, was zudem zusätzlich den Stress-Level erhöht, der mutmaßlich zu dem Tinnitus führte. Wenn Nacken- und Rückenverspannungen hinzukommen, kann man fast wetten, dass der Biß eine Begleit-)Ursache ist.

#3 |
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und in 20 Jahren entscheidet dann der GBA für die übernächste Generation an Kranken

#2 |
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Gast
Gast

Fassen wir den Bericht “Forschung gegen Ohrgeräusche” einmal etwas weniger euphorisch zusammen: Offenbar gibt es keine ausreichend großen randomisierten Studien, die die Wirksamkeit beweisen.

#1 |
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