Quo pfotis Veterinärmedizin?

20. Oktober 2011
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Die Tiermedizin verändert sich: Kleintierärzte sind gleichzeitig auch Seelsorger für besorgte Besitzer, Großtierärzte sorgen für sichere Lebensmittel. Eine Reflexion über die neuen Aufgaben der VetMeds.

Der Tierarzt im Wandel der Zeit – das berufliche Anforderungsprofil hat sich drastisch geändert. In der Kleintiermedizin ist der Patient meist nicht mehr Haustier, sondern Lebensgefährte, Kommunikationspartner, Menschersatz. Folglich erwartet der Tierbesitzer eine Diagnostik und Therapie auf humanmedizinischem Niveau. In der Großtiermedizin verschwindet der von Bauernhof zu Bauernhof ziehende „Viechdoktor“ immer mehr von der Bildfläche und wird durch hochspezialisierte Bestandsbetreuungstierärzte ersetzt. Ziel ist die Produktion gesundheitlich unbedenklicher Lebensmittel.

Der Kleintierarzt als Seelsorger

In der Kleintierpraxis ist man als Tierarzt schon lange nicht mehr nur Tiermediziner. Man ist zusätzlich Tierernährungsberater, Seelsorger und Tierschutzexperte. Sei es der übergewichtige „Whiskasbomber“ mit den Zivilisationskrankheiten Diabetes mellitus und Arthrosen, der alte Krebspatient, oder die aus Unwissen erkrankte Bartagame – alle fordern nicht nur das entsprechende medizinische Fachwissen, sondern auch ein großes Maß an Einfühlungsvermögen und sozialer Kompetenz dem Tierbesitzer gegenüber.

Erwartet wird eine Betreuung auf humanmedizinischem Niveau. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten in der Kleintiermedizin stehen der Humanmedizin mittlerweile in nichts nach, von der Magnetresonanztomographie bis zur Chemotherapie. Während der klinischen Untersuchung des Patienten ist die Überleitung von den tierischen zu den menschlichen Sorgen der Tierbesitzer meist fließend. Verständlich, denn neben dem Arzt-Patienten-Vertrauensverhältnis wird durch das zu umsorgende Tier sehr schnell eine emotionale Brücke zum Tierarzt gebaut. Auch hier wird vom Tierarzt ein offenes Ohr, Verständnis und Rat erwartet.

Als Tierarzt befindet man sich hier in einem enormen Spannungsfeld. Zum einen sollte die geistige Konzentration auf dem jeweiligen medizinischen Problem liegen, zum anderen ist den Bedürfnissen des Tierbesitzers in einem freundlichen, jedoch professionellen Rahmen Rechnung zu tragen. Und das alles während der zeitlichen Vorgabe einer Kleintiervisite.

Gute Lebensmittel dank Großtierärzten

Ganz anders die Situation in der Großtiermedizin. Die idyllische Vorstellung eines Bauernhofes mit einem Schweinepfuhl, einer gackernden Hühnerherde im Hof und den Milchkühen Betsy, Flocki und Zenzi im Stall, entspricht nicht mehr der Realität. Massentierhaltungsbetriebe erfordern hochspezialisierte Bestandsbetreuer, oftmals im Rahmen eines Tiergesundheitsdienstes. Eckpunkte sind hier eine erstklassige Betriebshygiene inklusive Dusch-Schleusen, betriebsinterner Kleidung und Desinfektionsschemen, ein ausgeklügelter Impfplan und eine akribisch dokumentierte medizinische Herdenbetreuung. Ziel ist die Produktion gesundheitlich unbedenklicher Lebensmittel. Zusätzlich spielen auch die Beobachtung und Prävention von Tierseuchen und Zoonosen eine entsprechend große Rolle.

Tierarzt ist nicht gleich Tierarzt

Ein „Maus-bis-Pferd betreuender Allgemeinveterinärmediziner“ ist durch den enormen Wissenszuwachs in der Veterinärmedizin kaum noch möglich. Eine Spezialisierung ist unumgänglich, um eine qualitativ hochwertige Fachbetreuung der jeweiligen Zieltierart zu gewährleisten. Leider gibt es gerade im Bereich der Großtiermedizin einen ausgesprochenen Fachkräftemangel. Am schwarzen Brett der Veterinärmedizinischen Universität Wien sind Aushänge wie „Schweinepraktiker gesucht: geregelte Arbeitszeiten selbstverständlich, hervorragendes Einstiegsgehalt, Praxisauto, Handy wird gestellt“ zahlreich, im Kleintierwesen jedoch Mangelware.

Resümierend bin ich mir als frisch gebackene Kleintiermedizinerin der täglichen Anforderungen nur allzu bewusst und versuche ihnen mit Hirn und Herz entgegenzutreten. Mögen am Ende des Tages, Mensch, Tier und nicht zuletzt ich mit mir selbst zufrieden sein.

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Allgemein

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1 Kommentar:

Tierheilpraktikerin

Ich würde mich sehr freuen, wenn die Tiermediziner endlich anfangen umzudenken vom purem Abarbeiten von isolierten Symptomen an tierischen Patienten zur ganzheitlichen Betrachtung nicht nur des Patienten, sondern auch der Einheit von Tier und Mensch. Auch ist die Schulmedizin nicht unbedingt die allein seligmachende, wie ich täglich in meiner Tierheil-Praxis sehe. Ich wünsche mir viele aufgeschlossene Tierarztkollegen, die bereit sind mit der Naturheilkunde zusammenzuarbeiten.
Wir brauchen ergänzend die moderne Apparatemedizin und die Tierärzte brauchen unsere Erfahrung mit alternativen Heilmethoden.

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