Patientenberatung: Nummer macht Kummer

28. Juli 2015
Teilen

Krankenkassen entscheiden nicht unbedingt zum Wohle ihrer Mitglieder. Bis dato stand Versicherten deshalb die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) zur Seite. Jetzt versuchen GKVen, sich den Informationsdienst unter ihre Nägel zu reißen.

Was zahlt meine Krankenkasse – und wie sollte ich reagieren, falls sie Leistungen verweigert? Entsprechende Fragen gehören bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) zum Tagesgeschäft. Von rund 80.000 Beratungen pro Jahr waren Ansprüche gegen Kostenträger fast 28.000 Mal ein Thema, Tendenz steigend. Besonders häufig ging es um Krankengeld-Zahlungen und medizinische Rehabilitationen. An zweiter Stelle standen Patientenrechte – mit etwa 15.000 Gesprächen. Weitere 10.000 Gespräche drehten sich um das Thema Kosten und Abrechnung. Der Knackpunkt: UPD-Experten beraten im Auftrag des Gesetzgebers kostenfrei, neutral und unabhängig. Wie lange noch, ist eine andere Frage.

Träger gesucht

Zum Hintergrund: Die UPD wurde ab 1. Januar 2000 als Modellvorhaben gemäß Paragraph 65b des Fünften Buches Sozialgesetzbuch betrieben und ging ab 1. Januar 2011 in die Regelversorgung über – durch das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG). Mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Finanzstruktur und der Qualität in der gesetzlichen Krankenversicherung wird die Förderung auf neun Millionen Euro erhöht. Ab Januar 2016 erhalten Beratungsstellen höhere Budgets, um „insbesondere die telefonische Erreichbarkeit der UPD zu verbessern“, heißt es vom Bundesministerium für Gesundheit. Laut IGES-Institut mussten Bürger im Schnitt 2,5 Mal wählen, um Berater an die Strippe zu bekommen. Ansonsten bescheinigten Versorgungsforscher der UPD eine hohe Qualität. Vergaberechtliche Kriterien sind trotz der guten Noten einzuhalten.

Neues Spiel, neues Geld

Im letzten Oktober hatten die Bundesregierung und der GKV-Spitzenverband entsprechende Leistungen turnusmäßig für den Zeitraum ab 2016 neu ausgeschrieben. Das Volumen: insgesamt 63 Millionen Euro, verteilt auf sieben Jahre. Unter den Verlieren ist die Unabhängige Patientenberatung Deutschland gemeinnützige GmbH mit dem Sozialverband VdK Deutschland, dem Verbraucherzentrale Bundesverband und dem Verbund unabhängige Patientenberatung als Träger. Wie Koalitionsvertreter jetzt bestätigt haben, geht der Zuschlag an Sanvartis. Der Dienstleister aus Duisburg betreibt auch Callcenter für Krankenkassen. Politiker wittern nicht ohne Grund Interessenkonflikte.

Den Bock zum Gärtner gemacht

„Wenn das gleiche Callcenter jetzt Patienten zum Beispiel in Konflikten mit Krankenkassen unterstützen soll, sind Interessenkonflikte vorprogrammiert: Sanvartis wird die Beschwerden an seiner eigenen Arbeit für die Krankenkassen entgegennehmen“, sagt Maria Klein-Schmeink, Gesundheitsexpertin bei den Grünen. Und Kathrin Vogler von der Linken ergänzt, damit werde der Bock zum Gärtner gemacht. Es wäre fatal, wenn die Vergabe der ab 2016 auf neun Millionen Euro pro Jahr erhöhten Fördermittel an eine Callcenter-Firma (oder deren Tochterfirma) erfolge, die „in großem Maße für Krankenkassen und Pharmakonzerne tätig ist“. Auch die Apothekerschaft läuft Sturm. „Die hinter dieser Entscheidung stehende Marktgläubigkeit ist unfassbar. Das Kalkül von GKV-Spitzenverband und Patientenbeauftragtem Laumann könnte kurzsichtiger nicht sein“, erklären Florian Schulze und Viktoria Mühlbauer vom Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP).

Bundesärztekammer-Präsident Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery: „Die gesetzlichen Krankenkassen versuchen, sich die Beratungsstelle unter den Nagel zu reißen.“ In dem ganzen Schlamassel spielt Karl-Josef Laumann (CDU) eine unrühmliche Rolle. „Bei der Unabhängigkeit der Patientenberatung dürfen unter keinen Umständen Abstriche gemacht werden“, tönt der Patientenvertreter der Bundesregierung. „Daher habe ich meine Zustimmung jederzeit davon abhängig gemacht, dass Neutralität und Unabhängigkeit sowie ein hohes Maß an Qualität, Regionalität und Bürgernähe gewährleistet sind.“ Seinen Worten schenken Oppositionsvertreter wenig Glauben. Maria Klein-Schmeink: „Es ist zynisch, dass ausgerechnet der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann diese wichtige Institution zur Verankerung von Patienten- und Versichertenrechten im Gesundheitswesen zu Grabe trägt.“ Was tun?

Die Basis muckt auf

In Berufspolitik und Opposition formiert sich Widerstand. Der Knackpunkt: Karl-Josef Laumann arbeitet gleichzeitig als Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit. Da ein neuer Anbieter von Beratungsleistungen nur mit Zustimmung des Patientenbeauftragten erfolgen kann, ist der Einfluss der Bundesregierung groß. Frank Ulrich Montgomery fordert deshalb Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf, sich einzuschalten.

Kathrin Vogler wiederum hat zusammen mit Parteigenossen eine kleine Anfrage an die Bundesregierung formuliert. Und Patienten haben die Möglichkeit, sich an einer Petition zu beteiligen. Wie jetzt bekannt wurde, hat die UPD vor der Vergabekammer des Bundes Widerspruch gegen den angekündigten Zuschlag eingelegt. Mit einem Bescheid rechnen Insider frühestens Mitte August.

52 Wertungen (4.75 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

23 Kommentare:

Gast
Gast

na klar ist vertraulich = geheim,
klingt nur etwas freundlicher.

#23 |
  0
Gast
Gast

Der beste Patientenberater ist bimmer noch unser Hausarzt.

#22 |
  0
Gast
Gast

Ich hab mir jetzt mal das Gesetz angeschaut. Da steht wörtlich drin: “Die Förderung einer Einrichtung setzt deren Nachweis über die Neutralität und Unabhängigkeit voraus.” (65b SGB V)

Klar, auf den ersten Blick klingt Callcenter und dieser Satz widersprüchlich. Auf der anderen Seite ist ja auch die jetzige UPD eine eigene rechtliche Organisation. Also keine Außenstelle der Verbraucherzentrale. Vielleicht ist das ja auch wieder so ähnlich geplant?

Für mich heißt das jedenfalls, das bei der Bewerbung doch ein Konzept mit abgegeben worden sein muss, in dem dargelegt wird, wie Neutralität und Unabhängigkeit nachgewiesen werden können. Ich hoffe sehr, dass die Beteiligten sich dazu äußern werden, sobald die Vergabe abgeschlossen ist. Danach werde ich mir dann eine Meinung bilden.

#21 |
  0

Der Artikel und die bisherige Diskussion hat nun Informationen geliefert, die, falls zutreffend, höchst bedenklich sind.
Ich werde in der Sache recherchieren und mir eine fundierte Meinung bilden.

Allerdings vorab:
1) Michael van den Heuvel hat in seinem gut recherchierten Artikel hochrangige Quellen genannt.
2) Wundern würde mich der Vorgang im Allgemeinen auch nicht.
Denn das gegenwärtige gesellschaftliche politisch-ökonomische Umfeld (die „Großwetterlage“) sieht so aus, dass es einen Kampf des angloamerikanischen Kapitalismus gegen die soziale Marktwirtschaft gibt und Klientelismus und Lobbyismus zu DEN zentralen steuernden Elementen der Politik – gerade auch im Gesundheitssektor – geworden sind. Der Kapitalismus wird in seiner ungezügelten Form der Menschlichen Natur nicht gerecht und schwere Konflikte schüren.

Somit darf ich die vorläufige Schlussfolgerung ziehen: Da ist wahrscheinlich was dran. Und die Neutralität der UDP muss unbedingt gewahrt bleiben!

#20 |
  0
Gast
Gast

Erstaunlich ist auch, dass Sie, Frau Müller, die Bestätigung dessen liefern, was sie
anprangern.

#19 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Es ist schon erstaunlich, wie schlecht informiert und trotzdem meinungsfreudig hier so mancher Mediziner argumentiert.
Patienten: bitte Kopf einziehen!

#18 |
  0
Dr. Jutta Scheiderbauer
Dr. Jutta Scheiderbauer

Schon besser.

Das System als Ganzes kann man erst kritisieren, wenn man es versteht, und “Vertraulichkeit” ist ein praktischer Deckmantel, unter dem es verborgen wird.

Mit welcher moralischen Berechtigung wird das Vergabeverfahren vor denen vertraulich behandelt, die die UPD bezahlen und die die Folgen tragen, nämlich die Krankenkassenmitglieder? Wir wären alle froh, könnten wir die Bewerbungsunterlagen einsehen und selbst beurteilen.

#17 |
  0
Gast
Gast

Nicht heimlich – vertraulich, nach strengen europaweit geltenden gesetzlichen Vorgaben. Sie können das System als Ganzes kritisieren, auch das geltende Recht, aber wohl kaum Institutionen, die sich bei der Vergabe an Recht und Gesetz halten.

#16 |
  0
Dr. Jutta Scheiderbauer
Dr. Jutta Scheiderbauer

“Unkritisch” zu sein wird mir gewöhnlich nicht unterstellt. :-)

Nein, im Ernst, mit persönlichen Angriffen anstelle von Argumenten beeindrucken Sie mich nicht, und auch nicht mit klassischen Argumentationsfallen. Das macht man, wenn man keine echten Argumente hat, um die Gegenposition zu diskreditieren.

Es ist gut, dass die unterlegenen Bieter Krach geschlagen haben, dann merken Patienten endlich, wie heimlich so etwas abläuft

#15 |
  0
Gast
Gast

Ziviler Ungehorsam? Da jammert ein Verlierer, öffentlich, diskreditiert das Angebot des Gewinners, und zwar ohne es zu kennen, wissend, das er es mit einem zukünftigen Wettbewerber im Bereich Beratung von Patienten zu tun hat. Also untergräbt er mal schnell mit einer beispiellosen Öffentlichkeitskampagne das Vertrauen in diesen Anbieter. Und Menschen wie Sie, Frau Scheiderbsuer, folgen dem unkritisch. Was, wenn das andere Angebot besser ist? Was, wenn die Patienten zukünftig noch bessere und unabhängigere Beratung erhalten könnten? Wein so ein Kasperletheater durchkommt, wird jeder zukünftige Bieter, der das Nachsehen hat – auch wenn sein Angebot noch so grottig ist – mal schnell ne Onlinepetition ins Leben rufen und ein paar Zeitungen anrufen, damit er doch den Zuschlag bekommt. Korrupte Bananenrepublik olé.

#14 |
  0
Gast
Gast

Ist das ‘Bock als Gärtner’-Prinzip nicht schon lange üblich in diesem ganzen maroden Gesundheitssystem…?
Die ärztlichen Kassenvereinigungen sind doch auch nichts anderes.

#13 |
  0
Dr. Jutta Scheiderbauer
Dr. Jutta Scheiderbauer

Nein, so einfach ist das nicht. An den über 15.000 Unterschriften mit entsprechenden Kommentaren kann man sehen, dass normale Menschen es leid sind, dass intransparent entschieden wird, und sie hinterher vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

Dass so ein Vergabeferfahren als vertraulich deklariert wird und die Bieter der Schweigepflicht unterstellt sind, hebelt die Einflussnahme von Betroffenen aus. Es ist mittlerweile üblich, unter wenigen Akteuren einen Deal zu machen, der enorme, und bisher meist negative Konsequenzen für Patienten hat Hinter schönen Versprechen (Qualitätsgesichert ist so eines) verbirgt sich das Gegenteil.

Man muss wirklich mal schwer krank und auf das heutige Gesundheitssystem angewiesen gewesen sein, dann hat man nämlich erlebt, wie grausam die Realität für Patienten teilweise ist. Und dann begrüßt man auch so einen Akt des zivilen Ungehorsams. Denn die Politik ist für Menschen und das Gesundhetissystem für Patienten da, nicht umgekehrt.

#12 |
  0
Gast
Gast

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Ausschreibung gesetzlich vorgeschrieben. Die Ausschreibung ist aber noch nicht beendet. Einer der Bieter, die es nicht werden sollen, ist aber an die Presse gegangen. Das ist mehr ärgerlich, weil solche Ausschreibungen immer streng vertraulich sind. Niemand der Beteiligten darf sich gerade inhaltlich äußern. Auch nicht der Bieter, der es nicht wird. Vergabrechtlich hat er damit einen ganz großen Fehler gemacht. Das kann im Extremfall dazu führen, das er Schadensersatz an den anderen Bieter zahlen muss. Dieser Bieter, der es nicht werden soll, nutzt nun aber die Situation aus, gibt Interviews, schreibt selbst Artikel etc. Macht also einseitig Meinung. Und niemand der sich auskennt darf ihm gerade inhaltlich widersprechen, wegen der Schweigepflicht. Ganz schwierige Situation. Der Bieter, der redet, diskreditiert sich nur.

#11 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Bei persönlichen Problemen mit seinem Arzt ist es vllt. besser, sich gleich an die Ärztekammer zu wenden – selbstverständlich nur dann, wenn jedes Reden mit ihm nichts bringt bzw. man dazu nicht in der Lage ist.

#10 |
  0
Bernd Michael Botterbrodt
Bernd Michael Botterbrodt

Das Problem ist, dass eine funktionierende Struktur “turnusmäßig” in diesem Land neu ausgeschrieben wird. Warum dies erforderlich ist, entzieht sich meinem Verständnis. Nur bei schlechter Qualität wäre dies nachvollziehbar.

Jetzt hat ein anderer Anbieter halt gewonnen. Bei diesem ist ein Interessenkonflikt nicht auszuschließen. Die Zukunft wird zeigen, ob die UPD das in ihrem Namen enthaltene “unabhängige” noch verdient.

#9 |
  0
Dr. Jutta Scheiderbauer
Dr. Jutta Scheiderbauer

Sehr geehrte Herr Kollege Kluxen,

jetzt hätten Sie die Gelegenheit, im Gegensatz zu den Kritikern fundiert zu argumentieren, doch Sie greifen stattdessen zum rhetorischen Stilmitteln des persönlichen Angriffs und der Abwertung, wie schade. Sie werden doch sich mit der bisherigen Umsetzung der UPD auskennen. Was war denn so schlecht daran?

Wenn Sie sich die Kommentare unter dem Petitionstext anschauen, sehen Sie, dass die Petition von den Patienten getragen wird, und Sie finden einen Haufen fundierter Argumente der Betroffenen. Stehen die Gesundheitsinstitutionen so sehr über den Betroffenen, dass das nicht mehr zählt?

#8 |
  0

Es ist doch erstaunlich, wie viel unfundierte Meinungsmache derzeit durch die Presse geistert. Keiner der sich Äußernden kennt die Inhalte der Bewerbungen, aber alle sind dagegen und betreibt fleißig Rufschädigung. Da es sich um ein europaweites Ausschreibungsverfahren handelt, entscheidet am Ende sowieso die Vergabekammer oder das OLG. Und was ist, wenn diese die Entscheidung bestätigen? Weder der GKV-SV, noch der Patientenbeauftragte dürfen nach Gutdünken entscheiden, sondern müssen (!!!) den Zuschlag dem Bieter geben, der das beste (!!!) Angebot abgegeben hat. Mir scheint, hier ist einfach jemand ein verdammt schlechter Verlierer (nämlich die jetzigen Träger) und anstelle die Schule im eigenen (anscheinend unzulänglichen?) Angebot zu suchen, wird mal lieber der Ruf der UPD ruiniert.

#7 |
  0
Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#6 |
  0
Gast
Gast

Unglaublich.. und diese Volksvertreter haben wir gewählt?

#5 |
  0
Gast
Gast

ein weiteres beispiel für das ausschließliche politische dogma: alle macht den kassen

#4 |
  0
Hedda Halfwassen
Hedda Halfwassen
#3 |
  0
Sabine Schobert
Sabine Schobert

Da stimne ich Herrn Mette voll und ganz zu….aber mich wundert eigentlich nichts mehr…

#2 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Wenn das so eintreten würde wäre das ebenso als wenn ich mich von einem Krokodil bewachen ließe; schwachsinnig³!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: