Zahnbehandlungen: 14.000 Jahre auf dem Buckel

30. Juli 2015
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Der kariöse Backenzahn eines 14.000 Jahre alten Individuums, dessen Überreste bereits 1988 in Norditalien gefunden wurden, erbrachte den bisher ältesten Nachweis für einen zahnmedizinischen Eingriff. Das Loch im Zahn wurde mit einer kleinen spitzen Steinklinge bearbeitet.

Karies zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten in modernen Industriestaaten. Doch auch steinzeitliche Jäger und Sammler hatten schon ein Problem mit faulenden Zähnen, das sich mit dem Einzug von Ackerbau und Viehzucht sowie der damit verbundenen veränderten Ernährung ausgebreitet hat. Nachweise für vorzeitliche Zahnbehandlungen sind äußerst selten. Die bisher ältesten Funde stammen aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, vor rund 9.000 Jahren. „Doch der Backenzahn aus Villabruna beweist, dass es bereits vor mindestens 14.000 Jahren, in der jüngeren Altsteinzeit, erste Eingriffe an kariösem Zahngewebe gab“, erklärt PD Dr. Ottmar Kullmer, Mitautor der Studie sowie Experte für Evolution und Funktionsmorphologie von Urmenschen-Zähnen im Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main.

Das internationale Forscherteam untersuchte das Fundstück mit verschiedenen fachübergreifenden Methoden: Unter anderem schlossen die Wissenschaftler mit Hilfe einer Rekonstruktion des Gebisses aus, dass die markanten Absprengungen und Rillen am Zahnschmelz durch den Kauvorgang verursacht worden sein könnten. „Aufnahmen mit dem Rasterelektronenmikroskop, Profilanalysen der Spuren und der Vergleich mit den rekonstruierten Kaubewegungen zeigen uns, dass im Zahnloch mit Gegenständen manipuliert wurde“, sagt Kullmer und führt aus: „Die experimentellen Tests legen es nahe, dass die Rillen von sogenannten Mikrolithen, sehr kleinen steinzeitlichen Klingen oder Spitzen von bis zu 3 cm Länge, verursacht wurden.“

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Loch im rechten unteren dritten Backenzahn (Weißheitszahn) des Spätpaläolithischen Individuums aus Villabruna. © S. Benazzi

„Der Villabruna-Backenzahn ist älter als alle früheren Funde, die zahnmedizinische Operationen wie Bohrungen oder Eingriffe am Schädel belegen. Unser Fund lässt aber darauf schließen, dass Menschen schon in der Altsteinzeit wussten, dass von Karies befallene Zähne behandelt werden müssen, indem infiziertes Gewebe entfernt und Löcher im Zahn gereinigt werden“, stellt Dr. Stefano Benazzi, Hauptautor der Studie von der Universität Bologna fest.

„Das Entfernen von Essensresten mit Hilfe von zahnstocherähnlichen Werkzeugen z. B. aus Holz ist schon von Beginn der Gattung Homo an dokumentiert. Anscheinend wurde diese Gewohnheit weiterentwickelt zu einer schabenden oder hebelnden Behandlung von schadhaften Zähnen, bevor die Methode des Bohrens entwickelt wurde, die wir heute in der modernen Zahnmedizin kennen“, fügt Marco Peresani von der Universität Ferrara hinzu.

Originalpublikation:

Earliest evidence of dental caries manipulation in the Late Upper Palaeolithic
Stefano Benazzi et al.; Scientific Reports, doi: 10.1038/srep12150; 2015

3 Wertungen (5 ø)
Forschung, Medizin, Zahnmedizin

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1 Kommentar:

Zahnarzt

Meiner Meinung ist das Loch im Zahn ein fake!
1. Warum sollte ein Steinzeitmensch bei so einem kleinen Defekt Stunden damit verbringen, ein Loch zu bohren?
2. Diese geschwungene Kavitätenform mit steilen Seitenwänden in einen 8er zu schnitzen dürfte rein aus Platzgründen unmöglich und zudem unnütz sein!
Mein Tip: das Bild für den nächsten 1. April aufheben.

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