GKV: Die Kassen klimpern nicht mehr

6. August 2015
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Steigende Ausgaben und steigende Beiträge – gesetzliche Krankenversicherungen stehen einmal mehr in der Kritik. Ihre Probleme sind in weiten Teilen hausgemacht: Wer neue Mitglieder über teils fragwürdige Leistungen ködert, muss sich über rote Zahlen nicht wundern.

Die Maschen des sozialen Netzes werden dichter. Schon im Jahr 2013 hatten Regierungsvertreter ein „Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden in der Krankenversicherung“ paraphiert. Ihr Ziel: eine Stichtagsregelung, um Patienten von Altbeträgen und Säumniszuschlägen zu befreien. Zwar nutzten mehr als 60.000 Menschen die Gunst der Stunde, um neu in die GKV oder PKV zu wechseln. An Brisanz hat das Thema aber kaum verloren.

Fremd und nicht versichert

Wie Ingrid Fischbach (CDU) im Gesundheitsausschuss des Bundestages berichtete, sind immer noch 77.500 Menschen nicht krankenversichert. Als Vergleich gibt die Staatssekretärin rund 188.000 Fälle für 2003 an. Im Jahr 2011 waren es 137.000 Menschen. An und für sich eine erfreuliche Entwicklung – nur hat sich der Personenkreis stark geändert. Waren früher häufig Freiberufler betroffen, sind es Fischbach zufolge heute oft Ausländer, etwa EU-Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien. In vielen Fällen sei die Vorversicherung nicht ohne weiteres zu ermitteln, so Fischbach. Hinzu kommen Asylbewerber und Personen ohne Asylantrag, die sich in Deutschland ausreisepflichtig aufhalten. Nach einer Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) im März 2015 bekommen sie 15 Monate lang eingeschränkten Grundleistungen, etwa zur Akut- und Schmerzversorgung. Danach haben sie Anspruch auf Leistungen gemäß GKV-Niveau. Als weitere Gruppe nennt Fischbach Obdachlose.

Wenn Kassen forschen

Gesetzliche Krankenversicherungen sehen von ihrer Seite aus keinen weiteren Handlungsbedarf bei diesen Menschen. Ihnen geht es um den Markt selbst. Mit Berufung auf ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten des Berliner IGES-Instituts fordern sie mehr Wettbewerb. Das Institut analysierte im Auftrag der DAK-Gesundheit Schwachstellen und Hemmnisse im bestehenden System und zeigt Reformoptionen auf. DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher spricht von „fehlsteuernden Anreizstrukturen im System“ und will Alternativen aufzeigen. Wettbewerb sei kein Selbstzweck, sondern müsse die Suche nach besseren Versorgungsverträgen zum Ziel haben. Rebscher kritisiert den „reinen Preiswettkampf“, der vor allem gesunden, jungen Versicherten Anreize biete, Geld zu sparen – und das Sozialsystem schwäche. Von Individualtarifen und „medizinisch teils fragwürdigen Satzungsleistungen“ hält er nichts. Die Alternative: ein neues Wettbewerbskonzept über Qualität und Effizienz der Versorgung. Ein Schritt weiter: Laut IGES-Institut machen spezielle Budgets zur Erforschung und Entwicklung innovativer Behandlungsprozesse Sinn. Die Größenordnung: etwa 0,5 Prozent des Beitragsaufkommens, immerhin mehr als 900 Millionen Euro. Wissenschaftliche Publikationen und die Evaluation entsprechender Projekte wären ebenfalls verpflichtend.

Geld für Gesundheit

Aus Sicht von Patienten ist das Konzept umstritten – vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten. Professor Dr. Jürgen Wasem vom Lehrstuhl für Medizinmanagement, Universität Duisburg-Essen, sprach bereits im März warnende Worte. Der Experte befürchtet steigende Beiträge. Rund 0,3 Prozentpunkte sollen es allein in 2016 sein. Wie das Bundesministerium für Gesundheit berichtet, standen im letzten Jahr Einnahmen von 204,24 Milliarden Euro Ausgaben von 205,54 Milliarden gegenüber – ein Verlust von 1,3 Milliarden. Die Tendenz setzte sich aktuellen Quartalsberichten zufolge fort. Ende des ersten Quartals 2015 standen Einnahmen von rund 53,08 Milliarden Euro Ausgaben von rund 53,25 Milliarden Euro gegenüber. Hinter den Zahlen stecken mehrere Phänomene. Steigende Löhne und Gehälter bescherten Kassen ein Plus von 3,8 Prozent. Zeitgleich stiegen die Ausgaben pro Person um 4,2 Prozent, gemessen am Vergleichszeitraum 2014. Auf der Kostenseite schlugen Arzneimittel mit plus 5,0 Prozent zu Buche, gefolgt von vertragsärztlichen Behandlungen (plus 4,0 Prozent) und Krankenhausbehandlungen (plus 3,2 Prozent). Beim Krankengeld waren es sogar plus 8,2 Prozent. Auch verzichteten viele Versicherungen auf den vollen Zusatzbetrag von 0,9 Prozentpunkten, um Versicherte zu ködern. Hier lag der Schnitt bei 0,83 Prozent.

Entspannt auf der Regierungsbank

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bleibt indes gelassen. Mit Hinweis auf 25,3 Milliarden Euro Finanzreserven spricht er von einer „soliden Grundlage“. Damit nicht genug: Der Christdemokrat hat Vorwürfe gesetzlicher Krankenkassen zurückgewiesen, mit Strukturreformen höhere Beiträge zu verschulden. GKVen hatten kritisiert, dass der Umbau der ambulanten Versorgung und die Krankenhausreform nur über Zusatzbeiträge finanzierbar wären. „Wir haben die nachhaltige Finanzierbarkeit im Blick“, entgegnete Gröhe. Von den letzten Reformen hätten Versicherte sogar profitiert. Der Disput geht in die nächste Runde.

58 Wertungen (4.1 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

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24 Kommentare:

Christiane Lücker
Christiane Lücker

Soweit ich weiß, bekommen Asylanten etc. nur eine Notfallversorgung- erst nach einigen Monaten im Lande haben sie dann weitergehende Ansprüche- ob diese gedeckelt sind weiß ich nicht- hoffe es aber.
Aber wie bei allem ist es eine Frage der Menge!
Ich glaube nicht, das es merkbar oder messbar für alle besser würde, wenn einige wenige weniger verdienen. Dafür stehen zuviele normal- und schlechtverdienende zu wenigen sehr gut verdienenden ggüber.
Aber trotzdem ist zu kritisierne, das 60% des Gesamtvermögens in den Händen von ca. 10% der Bevölkerung liegt- das kann wirklich nicht sein.

#24 |
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Gast
Gast

@21 Herrn Eckert

Auf dem Land sind nur wenige privat versichert, da spielt die Grenzkostenrechnung sicher eine Rolle, aber in der Stadt (z.B. München) gibt es eine Reihe gutgehender Privatpraxen! Und das ohne Grenzkostenrechnung!

#23 |
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Gast
Gast

Würden Vorstandsvorsitzende von Kassen u. Minister Gehälter des sozialen Dienstes angegliedert u. diese dadurch weniger verdienen, wüssten diese was es heißt, dass man trotz größter berufl. Leistung u. tägl. Anforderungen u.finanziellen Einschränkungen an manchen Tagen nicht weiß, wie man von so wenig Geld überleben soll/ erst rrecht wenn mankrank wurde u. dann nicht mehr arbeiten kann. Es wäre durch Sparmaßnahmen bei höher verdienenden Managern etc. viel übriges Potential übrig, das für Leistungen im Gesundheitswesen für ärmere u. weniger betuchte Menschen dringend benötigt werden würde. Es gibt in Deutschland viele Rentner und unverschuldete arbeitslose Menschen auf der Straße o. in Sozilawohnungen, die sich weder eine Zahnbehandlung noch sonst spezielle Leistungen im Gesundheitswesen leisten können.Nicht immer ist eine Behandlung nur ein Luxus, es gibt auch in Deutschl.Menschen, die sich oft keine Krankenvers. leisten können, die bräuchten dringend mediz. Versorgung. Dass dies aber Flüchlingen zusteht, die nie in die Kassen einbezahlt haben u. die Länder aus denen sie ausgereist, sind in keinster Weise daran beteiligen müssen, ist unverantwortlich. Sollen wir für die ganze Welt bezahlen u. unsere Leute bleiben auf der Strecke???? Dies wird einfach ignoriert, ist ja politisch für die nächste Wahl uninteressant. Das viele Flüchlinge wegen den dortigen Kriegen flüchten ist sicherlich verständlich, aber warum werden Diejenigen, die die Kriege dort führen nicht mit zur Kasse gebeten?????

#22 |
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Student der Pharmazie

#9 -Dr. Bertram Staudenmaier – Haben sie schon mal was von Grenzkostenrechnung gehört ?? Es sind die Kassenpatienten, die erstmal dafür sorgen, dass ihre Praxiskosten gedeckt sind. Wenn diese Kosten gedeckt sind, fängt der ewinn an und der ist natürlich bei dern Privatpatienten höher als bei den Kassenpatienten. Wenn es so wäre wie Sie es schildern, wäre es doch ein Einfaches, nur eine Privatpraxis zu betreiben, denn keine zwingt ie, eine Kassenzulassung zu beantragen. o einfach ist das.

#21 |
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Schlepphoden 55
Schlepphoden 55

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#20 |
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D+P=
D+P=

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#19 |
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Rattengesicht
Rattengesicht

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#18 |
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Gast
Gast

[Kommentar von der Redaktion entfernt.]

#17 |
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Im Billiglohnland Deutschland ist zu wenig Geld im System.
Das Schönrechner und die Überregulation der GKV und KV helfen nicht ein
unterfinanziertes System auf die Beine zu stellen.

#16 |
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Gast
Gast

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#15 |
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Gast
Gast

Was allerdings das Bild soll, das wird wohl das Geheimnis der Redaktion bleiben?

#14 |
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Moin Moin Herr Martin Krasa ,
Zahnärzte sind in Norwegen PP und geben Termine binnen 1 Woche . Das KH-system muss binnen 14 Tage einen Patienten einen Termin beim Spezialisten geben . Das Geld aus dem Ölgeschäft wird für das Gesundheitswesen nicht verwendet .
Die kommunalen Ärzte werden von den kommunalen Kassen ( Steuergelder ) bezahlt.

#13 |
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Lieber Herr Öistein Gaarden,

was passiert, wenn das Gesundheitssystem verstaatlicht wird, kann man wunderbar in Großbritannien bewundern. Das NHS verwaltet mehr schlecht als recht nur den Mangel. Vor kurzem gab’s erst den Artikel über do-it-yourself-Reparaturen an den Zähnen, die in GB blühen, weil Zahnarzttermine erst nach Jahren zu bekommen sind.

In Norwegen funktioniert das nur, weil Norwegen einen Staatsüberschuss aus der Öl- und Gasförderung hat. Die wissen buchstäblich nicht, wohin mit dem Geld.

#12 |
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Stefanie Ebel
Stefanie Ebel

@ #10: vollkommen richtig!!

Und wer sich mal vorher richtig mit dem Thema beschäftigt, würde auch wissen, dass nicht jeder Selbständige automatisch den Höchstbeitrag zahlt, sondern genauso einkommensabhängig eingestuft wird, wie jeder andere auch! Totaler Quatsch, dass gering verdienende Selbständige in die PKV abgedrängt werden!

Ich stimme außerdem zu, dass die Beitragsbemessungsgrenze abgeschafft werden sollte. Aber leider sehen das zu wenige Gutverdienende genauso!

#11 |
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Christiane Lücker
Christiane Lücker

Ich vermisse hier zumindestens eine Andeutung hinsichtl. der ” fraglichen Leistungen”.
Das KK- Mitarbeiter Kaffe trinken ist schlicht falsch. Auch hier wird bei ständig steigender Belastung immer mehr Personal gekürzt.

Was richtig Geld kostet und damit Ausgaben versursacht, ist die ” Gelbe-
Schein- Praxis” einiger Arztpraxen! Unbegründetete Gefälligkeitskrankschreibungen , ewig- AU`s : 10 % v.a. der Langzeit- Krankschreibungen verursachen 90 % der Kosten!

Was aber auf Kassenseite garnicht akzeptabel ist, sind Zahlungen med. unbegründeter Leistungen, weil wichtiges oder interessantes Mitglied,…oder viele Familien- oder Betriebsversicherte.
Hier gilt : gleiches Recht für alle- entweder eine Leistung ist med. begründet, dann ist sie das für alle- oder eben nicht. Wer sie trotzdem will, muss selber zahlen.

Alerdings nimmt unsere Medizin auch eine schlechte Richtung- und das seit Jahren: weil so viel geht-wird auch soviel gemacht- und das bei dem , der zuerst kommt. Egal wie alt oder multimorbide der Vers. ist, wie schlecht die Prognose oder das Outcome oder die Lebensqualität…

Und nach wie vor fehlt die Selbstverantwortung! Warum werden Raucher, Alkoholiker, hochgradig Übergwichtige und Bewegungsmuffel nicht an den Kosten, die ihr ungesunder Lebensstil verursacht, beteiligt? Warum werden Gelder z.B. für Magenvereklinerungsoperation bei schwerer Fefttleibigkeit- die in 99,99% der Fälle angegessen ist, bei Wiederzunahme des Gewichtes, bzw. fehlender Abnahme postop.- weil sie sich nicht an die Ernährungs- und Bewegungsvorgaben halten, sich wieder einen Zweitmagen neu erschaffen durch fortgesetztes overeating,… , nicht an den Op- Kosten und den Au- Kosten, die auf die Op folgen, beteiligt?

Feiwilig – ohne finanzielle Daumenschrauben geht es bei den meisten eben nicht!

#10 |
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Medizinphysiker

Zwei Anmerkungen:
die Privatversicherten subventionieren mit ihren Beiträgen im Grunde das System, da der Leistungserbringer im Vergleich zur Vergütung durch die GKV eine wesentlich höhere Vergütung erhält.
Das System wäre leicht zu sanieren, wenn die Beitragsbemessungsgrenze wegfiele und auch der Großverdiener anteilig mehr bezahlen würde.

#9 |
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Das ganze KV- system musste verstatligt werden ,- alle müssten da versichert sein egal ob er Freiberufler sei oder nicht . Das Klassensystem in Sachen Krankheit/ Gesundheit musste abgeschafft werden. Dieses System wurde in mein Heimatland Norwegen ( 5 Millionen Einwohner) vor 60 Jahren eingeführt und funktioniert . Wenn Du alt und gebrechlich wirst bekommst du automatisch ein Einzelzimmer im Pflegeheim in der Gemeinde wo du wohnst ,- alles von der Krankenkasse.

#8 |
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Lena Blöink
Lena Blöink

Kapitalismus im Gesundheitssystem ist nun mal nicht sozial. Da bleiben viele auf der Strecke. Und die Politik schaut lieber weg. Handlungsbedarf besteht da an ganz vielen Fronten.

#7 |
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LeistungsERbringer
LeistungsERbringer

Ja, und die fetten Vorstandsetagen befinden sich auch noch in schönen Prunkbauten in den besten Citylagen. Kassenmitarbeiter tun auch immer furchtbar gestresst, wenn man hinter die Kulissen schaut, verbringen sie die meiste Zeit mit Kaffeetrinken. Der umgekehrt proportionale Trend bei den sogenannten “Leistungserbringern” im System, die Ärzte und ihre Mitarbeiter: Hier wird viel gearbeitet, an der Kaufkraft gemessen ständig weniger verdient, und doch eine hervorragende Qualität geleistet. Trotz immer steigender Bürokratie, steigenden Anforderungen an Hygiene und Qualitätsmanagement bei gedeckelten Kosten.
Dieses System schafft sich auf kurz oder lang selbst ab. Die Frage ist nur wer die Leidtragenden sein werden, und wie das Folgesysten gestrickt sein wird.

#6 |
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Dr Martin Micheely
Dr Martin Micheely

Das ganze GKV System ist komplett überholt, die Zeiten Bismarcks sind nun mal vorbei. Anosnen könnten man diese “Solidarsystem” ja auch beim Bäcker oder KfZ Werkstatt einführen. Jedes Quartal quasi kostenlose Inspektion etc….

#5 |
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Tja, das sogenannte Solidarsystem ist eben schon lange nicht mehr solidarisch.Da wird in Anspruch genommen was nur geht, da muss alles sein. Hat man Anspruch drauf und überhaupt, man ist ja befreit.
Daneben:
In der PKV sind nicht nur die Besserverdienenden sondern auch die kleinen Selbständigen, die mit ihrer “Pommes -Bude” halt den Höchstbeitrag GKV nicht leisten können aber sollen und in die PKV regelrecht abgedrängt werden. Sollte man auch mal drüber nachdenken.

#4 |
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karim bouzir
karim bouzir

Danke kai von Haase

#3 |
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Rainer Beikirch
Rainer Beikirch

kai von haase: 100 fette Vorstandsetagen

Sie sprechen mir aus der Seele!

#2 |
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kai vonHaase
kai vonHaase

Das Problem dürften weniger die “fragwürdigen Leistungen” sein sondern eher, dass alle Besserverdienenden aus dem Solidarsystem ausscheren können (und dies auch tun).
Weiterhin unsinnig: 100 Kassen, die alle mehr oder minder das Selbe zum gleichen Preis anbieten, und damit 100 fette Vorstandsetagen.
HIER liegt echtes Potential – nicht bei den paar “fragwürdigen Leistungen”, die vielleicht so fragwürdig gar nicht immer sind.

#1 |
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