Diabetes: Das Pflaster macht die Dosis

31. Juli 2015
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Chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus gelten als Negativbeispiele der Adhärenz. Moderne galenische Systeme versprechen Abhilfe, etwa intelligente Insulinpflaster, inhalatives Insulin oder Polymere, die Kaliumionen im Darm binden. Alle Zeichen stehen auf Innovation.

Nein, meine Spritze nehm’ ich nicht: Die mangelnde Adhärenz bei Stoffwechselerkrankungen wie Typ-1- oder Typ-2-Diabetes stellt Apotheker und Ärzte gleichermaßen vor Herausforderungen. Jetzt berichtet IMS Health von einigen Besonderheiten für den Beratungsalltag.

Gutes Alter, gute Galenik

Der Gesundheitsdienstleister wertete zwei Register mit Verordnungsdaten, Diagnosen und epidemiologischen Kennzahlen aus. Insgesamt lagen Fakten zu 983 Patienten vor. Mit steigendem Alter verbesserte sich auch ihre Adhärenz. So hielten sich 63 Prozent aller 40- bis 60-Jährigen an ärztliche Vorgaben – verglichen mit 69 Prozent aller 61- bis 70-Jährigen und 74 Prozent aller Personen über 70. Über mögliche Gründe kann nur spekuliert werden. Vielleicht scheuen sich Diabetiker im Job, Medikamente einzunehmen oder Insulin zu spritzen. Haben sie das Rentenalter erreicht, fallen entsprechende Hemmnisse weg. Apropos Medikation: Auch hier fand IMS Health drastische Unterschiede. Am ehesten schluckten Patienten orale Antidiabetika (75 Prozent Therapietreue), gefolgt von Insulin (67 Prozent) und Kombinationstherapien (59 Prozent). Die Galenik spielt neben der Zahl an Präparaten und dem Leidensdruck selbst eine entscheidende Rolle.

Betazellen zum Kleben

Grund genug für Forscher der University of Nort Carolina, innovative Systeme zu entwickeln. Ihr „Smart Insulin Patch“ besteht aus einem Pflaster mit schmerzfreien Mikronadeln. Jede der Gebilde arbeitet über einem Regelkreis, der menschlichen Betazellen nachempfunden ist. Insulin befindet sich in kleinen Vesikeln, die einer biologischen Membran ähneln. Allerdings bestehen die Doppelschichten nicht aus Phospholipiden, sondern aus Hyaluronsäure und 2-Nitroimidazol. Eine Oxidoreduktase verwandelt körpereigene Glukose unter Sauerstoffverbrauch in Gluconsäure. Steht viel Glukose zur Verfügung, wird auch viel Sauerstoff verbraucht – und die synthetische Membran zerfällt. Die Folge: Insulin gelangt in unseren Stoffwechsel. Sinkt der Glukosespiegel wieder, wird kein weiteres Insulin ausgeschüttet. Bei Mäusen mit Typ-1-Diabetes gelang es bereits, längerfristig stabile Blutzuckerwerte einzustellen. Bis Patienten vom „Insulinpflaster“ profitieren, wird noch viel Zeit ins Land gehen.

Ein Lungenzug Insulin

Andere galenische Systeme sind längst im Markt angekommen, wenn auch über Umwege. Im letzten Jahr haben FDA-Experten nach der Marktrücknahme von Pfizers Exubera® erneut ein inhalatives Insulin zugelassen: Afrezza® von MannKind. Der Hersteller arbeitet mit Partikeln aus Fumaryl-Diketopiperazin („Technosphere“), um Insulin zu binden beziehungsweise freizusetzen. Außerdem entfällt die komplizierte Umrechnung von Insulineinheiten wie noch bei Exubera®. Vom neuen Präparat profitieren Menschen, die Angst vor Injektionen haben. Ihre Adhärenz könnte deutlich nach oben gehen, hofft der Hersteller. Aus rein wissenschaftlicher Sicht ist kein Durchbruch zu erwarten, wie Zulassungsstudien zeigen. So senkte inhalatives Insulin im Vergleich zu subkutanem Insulin aspart den HbA1c-Wert bei Typ-1- Diabetikern weniger stark. Der zuvor festgelegte Nicht-Unterlegenheitswert wurde aber erreicht. Zugelassen ist das Präparat in den USA bei erwachsenen Diabetikern. MannKind plant, auch den deutschen Markt zu erschließen. Zum genauen Zeitpunkt äußert sich der Konzern derzeit aber nicht.

Kalium muss raus

Insulin ist aus apothekerlichem Blickwinkel nur die halbe Miete. Als Spätkomplikation kommt es bei Diabetikern häufig zu Niereninsuffizienzen. Um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen, schreiben Ärzte ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker auf – mit weitreichenden Konsequenzen: Steigt der Kaliumspiegel im Serum zu stark an, müssen Patienten die hilfreichen Medikamente wieder absetzen. Das störende Ion lässt sich nur schwer aus ihrem Körper entfernen. Mancher Versuch bleibt nicht ohne Folgen. So führen Kationenaustauscher auf Polystyrol-Basis mitunter zu Nekrosen im Darm.

Doch Wissenschaftler fanden bessere Materialien: Patiromer, ein nicht resorbierbares, gut verträgliches Polymer, bindet Kaliumionen bei der Darmpassage. Das belegte auch die Dosisfindungsstudie AMETHYST-DN mit 306 Teilnehmern. Alle Personen litten an Typ-2-Diabetes und milder bis mittelschwerer Niereninsuffizienz. Gleichzeitig war der Kaliumspiegel im Serum moderat bis deutlich erhöht. Sie erhielten unterschiedliche Mengen an Patiromer. Nach vierwöchiger Behandlung erreichten 83,1 bis 92,7 Prozent aller Studienteilnehmer mit milder Hyperkaliämie Werte zwischen 3,8 bis 5,0 mmol/l. Bei ausgeprägter Hyperkaliämie waren es immerhin noch 77,4 bis 95,1 Prozent. Andere Hersteller experimentieren äußerst erfolgreich mit Zirconium-Cyclosilikat. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten in beiden Fällen nicht auf. Entscheidend ist, ob Diabetiker die Präparate auch langfristig vertragen. Sonst ist es um die Therapietreue einmal mehr schlecht bestellt.

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