Intersexualität: Frann oder Mau?

31. Oktober 2011
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Manchmal kommt es vor, dass bei der Geburt eines Kindes die Frage „Junge oder Mädchen?“ nicht eindeutig zu klären ist. Zwangsanpassungen gehören bei Intersexuellen glücklicherweise (meist) der Vergangenheit an.

Genitalabschneider-Treffen – Termine 2011/2012“, „Hunde sind besser vor Verstümmelung und Kastration geschützt als Kinder“. Wer in der Blogosphäre nach dem Begriff „Intersexualität“ sucht, stößt auf diese Beschreibungen für pädiatrische Chirurgen oder Endokrinologen. Das Thema taugt aber nicht nur für die Parolen radikaler Gruppen im Bereich der „seltenen Krankheiten“, sondern hat es inzwischen in die höchsten Ebenen deutscher Politik geschafft. Im Sommer dieses Jahres befasste sich der deutsche Ethikrat mit einer Expertenanhörung zum Thema Intersexualität und der Geschichte von Menschen, die zwischen Mann und Frau leben. Einige Wochen davor brachten die Grünen im Bundestag einen Antrag ein, um auf amtlichen Formularen mehr als zwei Möglichkeiten der Geschlechterwahl zuzulassen und „dass das prophylaktische Entfernen und Verändern von Genitalorganen auch bei intersexuellen Kindern unterbleiben soll“.

„Dürfen zwischengeschlechtlich geborene Kinder medizinisch ‘vereindeutigt’ werden?“, lautete die Frage, die den Ethikrat beschäftigte. Auf rund drei- bis fünftausend Geburten in Deutschland kommt eine, bei der die Ärzte das äußere Geschlecht nicht anhand unverkennbarer Merkmale genau bestimmen können. Dabei heißen Zwitter, Hermaphroditen oder intersexuelle Menschen nun entsprechend der Konsensus Konferenz von 2005 in Chicago „Patienten mit gestörter Geschlechtsentwicklung“.

Ahnungslos in psychotherapeutischer Behandlung

Vielfach wissen die Betroffenen noch nicht einmal, was mit ihnen los ist. Zu vielen Psychotherapeuten kommen Menschen, die sich nicht mit ihrer Rolle als Mann oder Frau identifizieren können und nicht ahnen, dass ihre Probleme nicht nur im Kopf, sondern auch im Unterleib liegen. Denn allzu oft schnitten „wohlmeinende“ Ärzte an den Genitalien der Kleinkinder herum, ohne ihre Eingriffe zu dokumentieren. „Bloß kein Wort zum Kind“, war noch vor einigen Jahrzehnten die Devise. Allein durch die Erziehung könne – so die damalige Lehrmeinung – aus einem „Zwischenwesen“ eine richtige Frau oder ein Mann werden. Der Psychotherapeut steht dann vor dem Problem: „Wie sag ich‘s meinem Patienten?“ Die Gefahr, dass Intersexualität in die Tabuzone gerät, ist groß.

XY, weiblich

Nicht nur der Chromosomensatz, sondern auch zahlreiche Steuereinheiten für Hormone bestimmen über Bartwuchs oder Busen. Das macht es möglich, dass Humangenetiker trotz eindeutiger Geschlechtsorgane den nicht dazu passenden Gonosomensatz in den Zellen finden. Ein Beispiel dafür sind die „XY-Frauen“. Oft kommt das Problem erst später ans Tageslicht: Bei der Geburt scheint alles in Ordnung zu sein, erst in der Pubertät deutet Amenorrhoe, fehlende Pubesbehaarung und deutliche Virilisierung auf eine komplette Androgenresistenz hin.

Wenn aber schon bei der Geburt etwa eine partielle Androgenresistenz die Ärzte an der Frage „Bub oder Mädchen?“ verzweifeln lässt, wurde in der Vergangenheit des Öfteren einmal die zu große Klitoris beschnitten, Hoden oder Ovar entfernt. Entsprechend einem makabren Chirurgen-Spruch war es wohl „einfacher ein Loch zu graben als einen Mast aufzubauen“. So wurden die meisten „Zweifelsfälle“ dem weiblichen Geschlecht zugeschlagen. Nur langsam wurde klar, dass die Ärzte zwar dabei die Anatomie korrigierten, aber oft traumatisierte Menschen zurückließen – ohne Chance auf ein erfülltes Sexual- und Sozialleben.

Netzwerk Intersexualität

Immer noch stehen in den Leitlinien der Kinderchirurgie Sätze wie „Aus psychologischen Gründen sollte die kosmetische Korrektur der äußeren Genitale so früh wie möglich erfolgen, in der Regel innerhalb der ersten sechs Lebensmonate”. Aber ob das Ziel einer „harmonischen Identität von genetischem, phänotypischem und soziokulturellem Geschlecht“ dabei immer erreicht wird? Erst der massive Protest von Selbsthilfegruppen änderte etwas am Prinzip der frühen irreversiblen Geschlechtsdetermination im OP.

Seit einigen Jahren setzen sich Ärzte und Betroffene zusammen und versuchen, Richtlinien zu entwickeln, die beiden Seiten helfen. Seit 2004 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung das „Netzwerk Intersexualität“, das sich aus Bioethikern, Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Geburtshelfern und Psychologen sowie Vertretern von Selbsthilfegruppen zusammensetzt.

Irreversible Eingriffe aufschieben

Am wichtigsten, so sind sich fast alle einig, ist eine intensive Diagnostik von intersexuellen Neugeborenen. Denn die Ursachen sind zu vielfältig, als dass einfache Ratschläge Arzt, Kind und Eltern wirklich weiterhelfen. Entscheidende Eingriffe in die Anatomie sollten, so eine Publikation des Arbeitskreises aus dem Jahr 2010, nach Möglichkeit aufgeschoben werden, bis das Kind die Möglichkeit hat, über seinen Körper mitzuentscheiden. Also bei größeren Operationen ab zwölf bis vierzehn Jahren. Über gute Erfahrungen mit einer Vaginalplastik erst in der Pubertät berichtet etwa Susanne Krege vom Alexianer Krankenhaus Maria Hilf in Krefeld.

Die Meinungen, wann der beste Zeitpunkt für grundlegende Entscheidungen ist, gehen aber immer noch weit auseinander. Vehement verteidigt etwa Martin Westenfelder vom Helios Klinikum in Krefeld die Kompetenz des Arztes bei der frühzeitigen Entscheidung gegen das „Unentschieden“. Heute, so seine Argumentation, würde im Gegensatz zu den Eingriffen vor zwanzig oder dreißig Jahren kaum mehr etwas „kaputt gemacht“.

Immer weiter hinausschieben bis zur Volljährigkeit lassen sich nicht alle geschlechtsbestimmenden medizinischen Maßnahmen. Kinder, die mit partieller Androgensensitivität geboren und als Mädchen aufgewachsen sind, sollten hormonsupprimierende Medikamente vor (!) der Pubertät bekommen, um eine Entwicklung Richtung Mann zu unterdrücken. Intersexuelle mit Androgenitalem Syndrom haben, unbehandelt, oft Probleme mit dem Größenwachstum und lebensgefährlichen Salzverlusten.

Selbstbestimmung über den eigenen Körper

In der Zusammenarbeit von Selbsthilfe, Ärzten und Psychologen kristallisieren sich immer deutlicher Prinzipien heraus, die das frühere “Operieren und entsprechend erziehen“ ablösen. Dabei gilt, dass das intersexuelle Kind kein medizinischer Notfall ist und ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Eltern haben ein Recht auf die stellvertretende Entscheidung. Damit das Kind aber später selbst über seinen Körper bestimmen kann, müssen alle Eingriffe und Maßnahmen dokumentiert sein und sollten nicht geheim gehalten werden.

Auch wenn eine geschlechtsneutrale Erziehung kaum möglich ist, bedeutet ein nichteindeutiges Genital nicht automatisch eine Störung der psychischen und sexuellen Entwicklung. Wäre nicht ein Überdenken alter Moralvorstellungen eine Alternative zu traumatisierenden Operationen in der Kindheit? Wenn es nach den Plänen ihrer Regierung geht, müssen sich britische Staatsbürger bald nicht mehr zwischen „männlich“ oder „weiblich“ im Pass entscheiden. Eine Option, die etwa Australien bereits verwirklicht hat.

[Das verwendete Fotomaterial stammt von dem Künstler Nico Ferrando / Homepage: nicoferrando.com]

126 Wertungen (3.97 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

@17 Sie haben offensichtlich weder den hier vorliegenden Artikel, noch den von Ihnen zitierten Artikel zum Thema Beschneidung richtig gelesen bzw. verstanden. Ich gehe davon aus, dass Sie das auch nicht wollten. Für konstruktive Kritik sind wir immer dankbar. Mit anonymen und sachlich falschen Beschimpfungen erreichen Sie nichts.

#9 |
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Rettungsassistent

Ich kann die Aufregung nicht ganz nachvollziehen.
Es wird doch recht gut wiedergegeben, dass das rumoperieren eine Entscheidung der Betroffenen sein muss und das der Zeitpunkt wohl überlegt sein sollte.
Das einzige, was fehlt, ist die Option, nicht zu operieren. Dieser Weg ist leider nicht als Option dargestellt worden.
Das ist zwar schon etwas peinlich, diese dritte Möglichkeit nicht zu beachten, ansonsten wurde recht gut berichtet. Das Transsexuelle da mit reingenommen wurden ,ergibt nur leider nicht viel Sinn.
Und an alle Kritiker, man benennt Fehler und sagt nicht nur: Das ist alles Mist.
Auch im Interesse der Fachfremden Leser. Ich kann mit Ihrer Kritik leider nichts anfangen und für mich klingt es wie rumkeifen. So etwas nennt man konstruktive Kritik, meiner Meinung die einzige zulässige Form der Kritik.

#8 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

wieso überhaupt ein geschlecht festlegen, scheiß drauf, is mir doch egal ob ich mit weiblich oder männlich, essen, fahren, kommunizieren, oder vögel. tue !
und zu irreversiblen ops dürfen auch eltern keine vollmacht haben, schon im eigenen interesse !
ansonsten wäre eine untersuchung von vorteil die den nutzen solcher ops validiert.

#7 |
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Wenn man schon die PID verbietet und die Eltern zum russischen Roulette zwingt, ein gesundes oder behindertes Kind zu bekommen, kann man ja wohl nicht einfach so unwiederrkehrbar die “Natur” eines Kindes nach eigenem Gutdünken “zurechtbiegen”!

#6 |
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Nach meiner Erfahrung haben Kinder mit AGS im Erwachsenenalter keine größeren Geschlechtsindentitätsprobleme als die Normalbevölkerung (die per se in Tagen der heutigen Emanzipation und Selbstbestimmung höher als zu früheren Zeiten ist), wobei ich hierzu keine systematischen Untersuchungen finden konnte. Eine frühe Korrektur ist daher bei dieser Erkrankung wohl eher ratsam und diese Kinder sind vielleicht in diesem Zusammenhang des Artikels eher auszuklammern!
Angemerkt sei noch die Entartungsgefahr (s. Review von: Curr Opin Pediatr. 2006 Jun;18(3):305-11.
Intersex genetic anomalies with malignant potential.Fallat ME, Donahoe PK.) bei Intersex-Kindern, die mit beachtet werden muss und ggf. dazu zwingt die hormonelle Therapie vor Erreichen der Selbstbestimmung einzuleiten. Es wundert mich, dass der Aspekt in diesem Artikel ausgelassen wurde.
Auch kenne ich inzwischen junge Erwachsene, die von zu “langen Wartezeiten” für die Selbstbestimmung betroffen sind und nun z.B. mit einer unwiederruflichen tiefen Stimmme leben müssen. Zumindest unwiederruflich für die medikamentöse konservative Therapie.

#5 |
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Petra Stuckmann
Petra Stuckmann

Ich bin auch gegen das Herumschneiden an Säuglingen und Kleinkindern, da das falsche äußerliche Geschlecht zu schweren psychischen Problemen führt. Bzgl. des letzten Artikels (der wegen durchgehender Kleinschreibung nur sehr schwer zu verstehen ist!) bin ich durchaus der Meinung, dass psychologische Betreuung erforderlich ist, um die wenigen (?) Patienten mit sonstigen Persönlichkeitsstörungen herausfiltern zu können, bevor die Umwandlung eingeleitet wird. Ich selbst habe mehrere Patienten, die äußerst erfolgreich eine Frau-zu-Mann-Umwandlung durchlebt haben, dank hervorragender Fachspezialisten, Psychotherapeuten und teils zusätzlich Selbsthilfegruppen sowie teils auch dank meines kleinen Beitrags über die Zeit der “Verwandlung” und in der Nachsorge.

#4 |
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Altenpfleger

Warum muss ein Mensch männlich oder weiblich sein? Wer hat eigentlich ein Problem damit, dass Menschen beides sind-diese Menschen und/oder die Gesellschaft, in der sie leben? Möglicherweise lassen sich Probleme mit dem Größenwachstum und Salzvelusten einfacher regeln, als die Probleme, die Betroffene ihr Leben lang mit Genitalverstümmelungen haben. Wie gut gemeint und sauber diese Operationen auch immer sein mögen. Es gibt Menschenrechte, die für Alle gelten: Körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung. Egal welche Hautfarbe, egal welche Religion, welches Geschlecht. Wir zwiegeschlechtlichen sollten für das “Dritte Geschlecht” da keine Ausnahme machen. Und es nützt nichts, “alles, was kompromittiert und (…) verwirrt unter” der (Bauch-) Decke zu halten, Herr oder Frau Vette. Diese Gesellschaft hat sich schon soweit bewegt in ihrer Sexualmoral. Das ist immer nur dann geschehen, wenn Mutige die Probleme öffentlich gemacht haben. Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Lederer.

#3 |
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Sissi Gaub
Sissi Gaub

in unserer klinik sprechen immer wieder patienten vor, jedoch im alter zwischen 18 und 30 jahren, welche sich weiblich kleiden und “nur” eine klassische brustvergrößerung wollen um aus dem push-up-bh herauszukommen. hormonelle behandlungen laufen schon jahrelang. von “irritationen in der kindheit” und gestörter aufklärung und großem unverständnis zu hause wird leider oft berichtet. hier scheint sich dann wohl die “anerzogene sexualität” mit der wahrheit zu widersprechen.
mit der begründung: der weg der instanzen, der “fleischbeschau” und das “seelenstripping” um oben frau werden zu dürfen auf kassenleistung..sei zu belastend und zu langwierig.
als privatklinik können wir solche patienten im einzelzimmer stationär aufnehmen und ihrem wunsch entsprechend behandeln.
der weg über den endikrinologen, inkl. geschlechtsumwandlung kommt dann oftmals 10 jahre später. wenn der körper dem geist vollends folgen soll.
die med. geforderte psychologische betreuung zur geschlechtsumwandlung scheitert oft an den wartezeiten – oder an den wenigen, sich darauf spezialisierten kollegen.
insofern sind die o.g. netzwerke und vereine ein wichtiger beitrag um dieser patientengruppe gerecht zu werden und ihnen weitere irrwege und missverständnisse inkl. demütigungen zu ersparen.
literatur, adressen, kontakte, kollegen – infos dazu erwünscht!
mit freundlichen grüßen sissi gaub op-vermittlungen.de

#2 |
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Es ist natürlich schwierig, die Kinder mit entsprechend eindeutigen Merkmalen nicht nur durch die schwierige Zeit im Sportunterricht/Schwimmunterricht zu bekommen. Mein erster Gedanke wäre: alles, was kompromittiert und momentan verwirrt, unter die Bauchdecke legen. Mit dem Kind im Alter von 14-16 Jahren neu entscheiden.

#1 |
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