Wirtschaft: Im Blindflug durch den AMNOG-Tunnel

8. Mai 2013
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Jedes Jahr berichten "Wirtschaftsweise" der Apothekerschaft über aktuelle Entwicklungen. In 2013 erwarten sie Lichtblicke für viele, aber nicht für alle Apotheken. Rx-Präparate bleiben das Kerngeschäft der Apotheken, der Versandhandel profitiert von OTCs.

Feierstimmung kam trotz des Jubiläums nicht auf: Beim 50. Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbands (DAV) ging es in Potsdam um harte Fakten. DAV-Chef Fritz Becker forderte Vergütungsgerechtigkeit für alle Leistungen rund um die Arzneimittelversorgung und kritisierte Halsstarrigkeit von Kassenvertretern beim Zwangsabschlag. Ein vorsichtig optimistisches Bild zeichnete Karl-Heinz Resch, Geschäftsführer Wirtschaft, Soziales und Verträge bei der ABDA. In seinem Vortrag sprach er vom “Licht am Ende des AMNOG-Tunnels” – primär durch höhere Fixhonorare von 8,35 Euro. Hinzu kommen Zwangsabschläge, vom DAV einseitig auf 1,75 Euro festgelegt, jetzt ist die Schiedsstelle am Zuge. Ob und wann es zur Einigung kommt, steht in den Sternen. Auch hat noch kein Apothekenleiter Notdienstpauschalen auf seinem Konto – Becker rechnet “nicht vor Mitte des Jahres” mit dem Apothekennotdienstsicherstellungsgesetz (ANSG).

AMNOG-Tunnel: Ende in Sicht?
Ein Blick zurück: Das Jahr 2012 war nicht sonderlich rosig. Resch präsentierte als Betriebsergebnis vor Steuern im Branchendurchschnitt, wohlgemerkt nicht für “typische Apotheken”, 105.000 Euro. Zum Vergleich: 2010 waren es 114.000 Euro, und 2011 brach der Wert auf 106.000 Euro ein. Die Zahlen erstaunen im Vergleich zu anderen Dienstleistern des Gesundheitssektors. Von 2002 bis 2012 stiegen beispielsweise Ausgaben für die Behandlung in Krankenhäusern um 34 Prozent, für ärztliche Sprechstunden um 25 Prozent und für Arzneimittel – wohlgemerkt ohne Apothekenvergütung – um 29 Prozent.

Lediglich das Apothekenhonorar wuchs um magere 2,4 Prozent an. Ein starker Tobak: Allein in 2012 erwirtschafteten gesetzliche Krankenkassen zusätzlich sechs Milliarden Euro. Insgesamt sind 13 Milliarden Euro als Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds sowie 15 Milliarden Euro als kasseneigener Notgroschen vorhanden. Davon haben Apotheken bislang recht wenig gesehen.

Ende mit Schrecken
Die wirtschaftlichen Folgen sind hinlänglich bekannt: In den letzten acht Jahren verringerte sich die Zahl öffentlicher Apotheken von 21.392 auf 20.921. Was wirklich vor Ort passiert, zeigen nüchterne Bilanzen kaum. Beispielsweise schlossen in 2012 insgesamt 501 Apotheken – seit Jahren der höchste Wert. Dem gegenüber standen nur 184 Eröffnungen. Wirtschaftlich unrentable Standorte bluten aus, während viele Neugründungen in attraktiven, urbanen Lagen erfolgen.

Auf der anderen Seite wächst die Zahl an Filialen scheinbar ungebremst weiter, und zwar von 632 (2004) auf 3.853 (2012). Angesichts düsterer Prognosen wagen immer weniger Kollegen den Sprung in die Selbständigkeit. Resch gab auch eine vage Prognose zur weiteren Entwicklung. Er rechnet bis 2014/2015 mit weniger als 20.000 Apotheken.

Wirbel am Arbeitsplatz
Apotheken sterben, Patienten werden deshalb nicht zur Mangelware, ganz im Gegenteil. Das erklärt auch, warum im letzten Jahr rund 0,1 Prozent mehr Arbeitnehmer einen Job bekamen. Zwei Auffälligkeiten: Kollegen arbeiten häufiger in Teilzeit (plus 4,7 Prozent), während sich die Zahl an Ausbildungsplätzen deutlich verringerte (minus 5,1 Prozent). Das betrifft vor allem PKA-Azubis, bei Pharmazeuten im Praktikum oder PTA-Praktikanten gab es keine nennenswerten Änderungen. Resch sieht dahinter eine “Umschichtung von nicht-pharmazeutischem zu pharmazeutischem Personal”.

Auf Basis von Zahlen, die PricewaterhouseCoopers veröffentlicht hat, sei bis 2030 ein eklatanter Mangel an nicht-ärztlichen Fachkräften zu erwarten. In diese Kategorie fallen beispielsweise PTA. Apothekenleiter machen sich auch immer häufiger Sorgen um ihre eigene Nachfolge – kein Wunder angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung.

Umsatz und Absatz
Der Gesamtumsatz aller Apotheken hat sich im Vergleich zum Vorjahr von 41,9 auf 42,6 Milliarden Euro erhöht. Gemessen an der “typischen Apotheke” sei nach Frank Diener, Treuhand Hannover, dieser Parameter auf 1,315 Millionen Euro angestiegen (plus 0,9 Prozent). Hierbei gehen 956.000 Euro (plus 1,9 Prozent) auf das Konto von Kassenrezepten. Der HV-Umsatz war mit 359.000 Euro leicht rückläufig (minus 1,6 Prozent). In Summe verschlechterten sich Rohgewinne auf 24,8 Prozent des Nettoumsatzes, das sind 0,7 Prozentpunkte weniger als in 2011. Damit blieben als  Verfügungsbetrag für 2012 lediglich 34.000 Euro, laut Diener “ein Tiefstand unter dem Niveau von 2003”.

Ein paar Details: Nach wie vor tragen Kassenrezepte und Privatrezepte zu 80,0 Prozent des Umsatzes bei (2011: 80,0 Prozent), gefolgt von OTCs (2012: 10,6 Prozent, 2011: 10,7 Prozent) und Waren des ergänzenden Sortiments (9,4 versus 9,3 Prozent). Während zwei Millionen Rx-Packungen mehr abgegeben wurden, brachen OTCs um die gleiche Menge ein. Resch befürchtet außerdem eine Verschiebung von ärztlichen Verordnungen hin zu größeren Gebinden und damit Einbrüche bei packungsbezogenen Honoraren.

Versandapotheken auf der Überholspur
Von IMS Health kommen neue Daten zum Apothekenversandhandel. Demnach lag der Umsatz von Rx-Präparaten, OTCs, Medizinprodukten und Kosmetika in 2012 bei knapp 1,4 Milliarden Euro: ein Plus von 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rx-Boni sind endgültig Geschichte, Versender erzielen damit 24 Prozent ihres Umsatzes – Tendenz fallend. Über OTC-Rabatte lassen sich Kunden besser ködern. Hier habe sich “der Versandhandel als wichtiger Vertriebskanal etabliert”, so IMS Health. Entsprechende Anteile lägen bei bis zu zwölf Prozent des Gesamtmarkts (Rx: ein Prozent). Etwa 58 Prozent des Umsatzes entfallen auf OTCs.

Oft würden hier “soweit möglich größere Packungen bestellt, um gegebenenfalls Preisvorteile besser zu nutzen” – aus pharmazeutischem Blickwinkel eine gefährliche Tendenz. Kunden ordern ansonsten gerne Körperpflegeprodukte (13 Prozent des Umsatzes), Kosmetika (11 Prozent) oder Test-, Heil- und Hilfsmittel (je 5 Prozent).

Blick in die Kristallkugel
So viel zur Konkurrenz. In Potsdam wagte Frank Diener auch Prognosen für 2013. Er rechnet mit leicht steigenden Umsätzen von zwei bis drei Prozent und Verbesserungen bei der Wareneinsatzquote beziehungsweise beim Rohgewinn um bis zu einen Prozentpunkt. Dem gegenüber stehen steigende Betriebskosten (plus zwei Prozent). In Summe könnte sich das Betriebsergebnis um einen Prozentpunkt verbessern. Als Verfügungsbetrag ermittelte der Ökonom 43.000 Euro im Vergleich zu 34.000 Euro (2012).

Das klingt vorsichtig optimistisch, jedoch gibt es einen Haken: Nicht alle Apotheken werden vom frischen Wind profitieren. In 2012 hatten rund 57 Prozent ein Umsatzplus zu vermelden, während 43 Prozent rote Zahlen schrieben. Ein Jahr später befinden sich 79 Prozent im grünen Bereich, während 21 Prozent – teils drastische – Probleme haben. Entsprechende Unterschiede werden immer größer.

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1 Kommentar:

Apothekerin

Man kann nur mit Sorge diese Entwicklung verfolgen. Die immer älter werdende Bevölkerung braucht die wohnortnahe Versorgung und auch die persönliche Kommunikation mit der Apotheke. Apothekenteams leisten einen hohen sozialen Input, wenn sie sich um die kranken, multimorbiden Patienten kümmern. Wenn Apotheken nur noch in urbanen, lukrativen Standorten neugründen und überleben können, ist das ein Armutszeugnis für unsere Politiker, die alle in ihren Parteinamen ein “C” für christlich oder ein “S” für sozial reklamieren.
Gesundheit und Krankheit ist der größte Wirtschaftsmarkt und wird inzwischen nach den gleichen Erfolgs-Maßstäben betrieben, wie ein Konsumgütermarkt. Dabei kommen die Menschen, die ihr Leben lang Sozialabgaben sofort über den Lohn abgezogen bekommen und jahrelang nicht krank sind, das heißt, nichts in Anspruch nehmen, unter die Räder und werden im Alter häufig schlecht versorgt. Der Versandhandel kann “billig”, aber nicht die soziale Kompetenz bedienen. Die versammelte Apothekerschaft muss Zukunftskonzepte entwickeln, die die Existenz eines wichtigen und interessanten Berufes, wie der des Apothekers sichern.
In Ba-Wü bekommen inzwischen Ärzte ein Honorar von der AOK, wenn ihre Sprechstundenhilfe für sie Hausbesuche macht. Demnächst soll auch noch der PKW dazu gesponsert werden! Wo leben wir eigentlich und was machen wir als Apotheker falsch?

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