„Fitness“-Lebensmittel: Gewichtiger Trugschluss

10. Juli 2015
Teilen

Abnehmwillige Menschen lassen sich von „Fitness“-Etiketten dazu verleiten, mehr von derart gekennzeichneten Lebensmitteln zu verzehren. Und nicht nur das: Obwohl sie mehr Energie aufnehmen, bewegen sie sich weniger als andere Versuchspersonen.

Viele Lebensmittel werden mit dem Zusatz „Fitness“ oder „fit“ vermarktet. „Wir haben uns gefragt, ob und wie sich diese Labels auf das Essverhalten der Verbraucher auswirken“, sagt Prof. Jörg Königstorfer, Professor für Sport- und Gesundheitsmanagement an der Technischen Universität München (TUM), der die Studie zusammen mit Prof. Hans Baumgartner von der Pennsylvania State University durchgeführt hat.

Trügerische Etiketten zeigen Wirkung

Tatsächlich zeigte die Fitness-Kennzeichnung Effekte – am deutlichsten bei Personen, die angegeben hatten, Probleme mit dem Gewicht zu haben und abnehmen zu wollen. „Diese Gruppe griff bei den angebotenen Snacks stärker zu als andere Studienteilnehmer. Sie nahmen zwischen 50 und 100 Kilokalorien mehr auf“, erläutert Königstorfer. In ihrer Untersuchung gaben die Wissenschaftler vor, Geschmackstests für ein neues Studentenfutter durchzuführen. Sie ließen den Probanden acht Minuten Zeit, das Produkt zu verkosten und zu bewerten – und baten sie, sich dabei vorzustellen, sie würden zu Hause einen Nachmittagssnack verzehren.

Studentenfutter mit Turnschuhen

Ein Teil der Versuchspersonen erhielt eine als „Fitness“-Studentenfutter deklarierte Packung, auf der zusätzlich ein Paar Turnschuhe abgebildet war und die etwa 800 Gramm enthielt. Dem anderen Teil präsentierten die Studienleiter eine neutrale Verpackung. Nach dem Test füllten die Versuchspersonen einen Fragebogen aus, der neben der Geschmacksbewertung auch Essgewohnheiten und gesundheitliche Daten abfragte.

In einem weiteren Experiment baten die Studienleiter die Probanden nach der Verkostung auf ein Ergometer. „Wir erklärten ihnen, die Wechselwirkung von Nahrungsaufnahme und körperlicher Bewegung untersuchen zu wollen“, sagt Königstorfer. „Dabei konnten die Probanden selbst entscheiden, wie lange und intensiv sie Rad fahren wollten.“ Dabei stellten die Forscher fest, dass der „Fitness“-Snack die abnehmwilligen Personen nicht nur dazu verführt hatte mehr zu essen. „Obwohl diese Gruppe deutlich mehr Energie, also Kalorien, aufgenommen hatte, waren sie auf dem Ergometer weniger aktiv,“ fasst Königstorfer zusammen. „Offenbar sehen diese Teilnehmer in der ‚fitten’ Nahrung einen Ersatz für körperliche Bewegung.“

Inhaltsstoffe relativieren „Fitness“-Wirkung

Außerdem untersuchten die Wissenschaftler, welche Rolle Informationen zum Produkt spielen. Dazu machten sie unterschiedliche Angaben: Ein Teil der Probanden, die abnehmen wollten, erhielt Informationen über gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe wie Magnesium, Vitamin B und Ballaststoffe. Gegenüber der anderen Gruppe betonten die Wissenschaftler den hohen Fett- und Fruchtzuckergehalt. „Wenn wir die Versuchsteilnehmer über den hohen Energiegehalt der Nussmischung aufklärten, verlor der Begriff ‚Fitness’ seine Wirkung“, so Königstorfer. „Alle Personen, die auf ihr Gewicht achten wollten, aßen dann ähnlich viel Studentenfutter.“

Die Autoren sehen in den Ergebnissen ihrer Studie einen klaren Hinweis, dass das „Fitness“-Label ein Risiko für übergewichtige Personen darstellt. „Für Menschen, die gerne und vielleicht auch zu viel essen, kommt das Wort ‚fit’ einem Freibrief gleich: mehr zu essen – und sich weniger zu bewegen, um den Energieüberschuss zu kompensieren.“

Originalpublikation:

The Effect of Fitness Branding on Restrained Eaters’ Food Consumption and Post-Consumption Physical Activity
Jörg Königstorfer et al.; Journal of Marketing Research, doi:10.1509/jmr.12.0429; 2015

15 Wertungen (4.4 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Diätassistent

Ich habe mich zufällig bei einer Veranstaltung mit einem Ernährungsberater einer Fitnesskette unterhalten, „abnehmen alleine geht nicht“ „einfach weniger essen geht auch nicht wegen dem jojo Effekt“ „auf der sicheren Seite (Nährstoffmangel) sind sie mit unseren Spezialprodukten und unserem Sportprogramm“ ich habe ihn stehen lassen und bin gegangen, später habe ich ihn an einer Dönerbude gesehen.

#4 |
  0

Die Lebensmittelindustrie ist das Eine. Aber viele nehmen die falschen Versprechen ja auch allzugerne an – im Fitnesstrendbereich ist das nicht anders. Auch dort werden den Leuten “Märchen” erzählt, mit dem neuen “Fitnessgürtel xy” oder der “Abnehmliege z” ließe sich die eigene körperliche Aktivität durch Elektoimpulse oder Passivbewegung mit grandiosem Erfolg ersetzen – alles SCHMU!! Es muss in die Köpfe hinein, dass Gewicht und Fitness vor allem von EIGENER Aktivität und Initiative – sowohl die Ernährung als auch die Bewegung betreffend – abhängt. Wer Gesundheit als reines Konsumgut ansieht, quasi die Verantwortung an Lebensmittelindustrie, Gerätehersteller und nicht zuletzt an Ärzte abgibt, braucht ein radikales Umdenken.
Selbstverständlich sind auch verantwortungsbewusste Ernährung und ein bewegter Lebensstil keine sichere Krankheitsprävention, aber sicher ein entscheidender Prophylaxefaktor gegen viele Zivilisationsleiden.

#3 |
  0
Diätassistent

Die Lebensmittelindustrie darf mit falschen Versprechungen ungestraft Umsätze machen, ich nehme an, dass die sich manchmal selbst wundern wie einfach das
ist;-))

Ich verspreche jetzt auch was: „Wer weniger isst wird auch abnehmen und dabei noch Geld sparen“

#2 |
  0
Gast
Gast

Über jedweden Etikettenschwindel kann man sich vortrefflich auf
http://www.foodwatch.de informieren.
Es ist doch zum mäusemelken was die Hersteller sich einfallen lassen um Kunden zu ködern.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: