Retaxation: Kassenrezept mit mehr Stolperfallen?

10. Juli 2015
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Seit Juli gelten neue Formalitäten bei Kassen- oder Privatrezepten. Ärzte müssen weitere Details zu ihrer Praxis angeben. Einmal mehr befürchten Apotheker Retaxationen, was Kassen – noch – dementieren. Die Apotheker hoffen auf eine handfeste Lösung statt unverbindlicher Zusagen.

Ein Blick zurück: Im Dezember 2014 hat die Regierung Änderungen bei der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) und der Medizinprodukte-Abgabeverordnung (MPAV) auf den Weg gebracht. Sein 1. Juli 2015 gelten zwei wesentliche Änderungen: Ärzte müssen eine Telefonnummer angeben, unter der sie während ihrer Sprechzeiten erreichbar sind, falls Apotheker Rückfragen haben. Damit nicht genug: Auch der vollständige Vor- und Nachname muss auf dem Rezept zu finden sein. Darauf weist die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hin.

Reine Unterstützungsleistung

Von gesetzlicher Seite richten sich die Änderungen primär an Ärzte, aber nicht an Apotheker. Kammern und Verbände der Mediziner haben ihre Mitglieder bereits informiert. Die ABDA sieht in zusätzlichen Angaben wie der Telefonnummer eine „reine Unterstützungsleistung“ für öffentliche Apotheken, sollten inhaltliche Rückfragen auftreten. Dementsprechend sei das Fehlen der Angabe kein Grund für Retaxationen. Wie die Realität allerdings aussehen wird, ist eine andere Frage. Apotheker dürfen gemäß § 2 Abs. 6 AMVV einige fehlende Daten nach Rücksprache mit der Praxis ergänzen – die neuen Angaben gehören jedoch nicht dazu. Diese Aussage bestätigen Berliner Standesvertreter, während Hamburger Funktionäre die Möglichkeit sehen, nach Rücksprache Ergänzungen auszuführen. Während sich die Telefonnummer schnell klären lässt, gilt ein fehlender Vorname wegen möglicher Verwechslungsgefahren als problematischer.

Dementi vom Kostenträger

Laut Angaben des Deutschen Apothekerverband (DAV) wollen Ersatzkassen bis Ende September nicht retaxieren. Dafür gebe es eine schriftliche Bestätigung. Anschließend hoffen Apotheker auf eine handfeste Lösung statt juristisch wenig verbindlicher Zusagen. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, ist gut bedient, seine Hauptverordner im näheren Umfeld zu informieren.

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3 Kommentare:

Wie wär’s mit einer Stempel-Beschau!
Das kann doch nicht wahr sein? Da hält sich das hartnäckige Vorurteil von der “Ärzteklaue”, mit der weitgehend unleserliche Unterschriften unter Rezepte, Formulare etc. geleistet bzw. Karteikarten nicht nachvollziehbar beschriftet werden. Da müssen seit Jahren nach den Vorgaben der Ärztekammern (ÄK) und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Betriebsstätten- (BSNR) und lebenslange Arzt-Nummer (LANR) auf allen Stempeln und Formulardruckern vorhanden sein, da gibt es EDV-Laserdrucker, die auch die Formulare selbst mit erstellen…

Und dann bedienen Ärztinnen und Ärzte in Klinik, Ambulanz und Praxis auch noch das Vorurteil, sie seien zu beschäftigt, zu einfältig oder unfähig, wenigstens ihren Namen, Vornamen, ihre Anschrift und ihre Telefonnummer per Stempel zu hinterlassen. Aber es ist schon paradox: Gerade bei den GKV-Rezepten, die den Patienten in den Apotheken massenweise systematisch weggenommen werde, obwohl sie für die elektronische DFÜ-Abrechnung bei den Apotheken-Rechenzentren gar nicht mehr benötigt werden, ist die typisch deutsche Pingeligkeit beim Gesetzgeber am stärksten ausgeprägt.

Doch was nützten den Patienten der komplette Name, Telefonnummer und Anschrift der Ärzte, wenn das Kassenrezept im Apotheken-Orkus verschwindet?

Die aktuelle “Novelle der Arzneimittelverschreibungsverordnung”, gültig ab 1. Juli 2015, und ihre Beschriftungsvorgaben wurden weder von Medscape® Deutschland noch von DocCheck®News oder anderen Medizin-Medien frühzeitig thematisiert, weil man diesen bürokratischen Unsinn nicht ernst nehmen wollte. Ein in der Ärzte-Zeitung vom 26.6.2015 erschienener Artikel wurde in seiner Brisanz kaum wahrgenommen und gelesen.
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/888348/aerzte-aufgepasst-ab-juli-gelten-neue-vorgaben-rezepte.html

Auch mein persönlicher DocCheck®Blog-Beitrag vom 27.6.2015 zum Thema wurde bisher kaum angeklickt:
http://news.doccheck.com/de/blog/post/2667-muttis-arzneimittel-verschreibungsverordnung-und-karl-lagerfeld/

Als Belohnung erfahren Sie dort auch, wer oder was “Mutti” eigentlich noch ist, wo man sie kaufen kann und schlussendlich w e r unser heimlicher Karl Lagerfeld der Gesundheits- und Krankheitsepidemiologie ist?

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Selbstst. Apotheker

das ist ja noch nicht das Ende der Fahnenstange. Auf den Geschmack gekommen, wie man Leistungserbringer gängeln kann, müssen ab 1.10. auch Apotheker mit vollem Vor- und Nachnamen jedes Rezept quittieren. Selbstverständlich haben sich die kranken Kassen beim Gesundheitsminister Rückendeckung für Vollabsetzung geholt, wenn auch nur ein Buchstabe fehlen sollte …

Großzügig gewähren die VdAk 3 volle Monate retaxationslose Übergangszeit. Dies aber erst nachdem die ABDA einen energischen Appell veröffentlicht.

Hingegen gehen die AOK noch weiter: aus QM- und Dokumentationsgründen müssen auch alle anderen mit dem Medikament in Berührung gekommenen Personen vollständigst (mit Berufsbezeichnung …) angegeben werden. Also PTA, PKA-Azubi bei Wareneingang, Einräumung, Inventur ebenso wie Fahrer des Großhandels, Zollbeamte usw. bis zum Strafgefangenen im sibirischen Lager bei der Verblisterung und den armen indischen Kindern in den Produtionsstätten.

Klar, dass die Kassen den plötzlichen und völlig unerwarteten immensen Aufwand nicht zahlen mögen, aber dafür gibt’s einen Fond, Erfahrungen werden als selbstverständlich gut gewertet. So werden die Preise für jedes einzelne Produkt aufsteigend um einen Cent pro Stufe erhöht, also beim Hersteller des Rohmaterials 1 Cent, beim Endprodukt 2 C, beim Inverkehrbringer 3 C, Großhandel 4 C, Apotheke 5 C. Nebenbei amortisiert sich der Aufwand durch drastisch erhöhte Vollabsetzungen bei formalen Fehlern.

Wer widerspricht, möge verantwortlich sein für alle Regresse wegen Formalien.

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Ralf Katzur
Ralf Katzur

seine Hauptverordner informieren, was für eine Farce, ist doch jede Retax auf 0 wegen Formfehlern wie Diebstahl

#1 |
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