Alzheimer-Gen: Gut für die Verkalkung

4. November 2011
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Warum wurde das Risikogen für Alzheimer und Herzkreislauferkrankungen APOE4 nicht im Laufe der Evolution selektioniert? Ganz einfach: In jungen Jahren unterstützt es beispielsweise die Knochengesundheit.

Das Apolipoprotein E (ApoE) hat im Organismus eine zentrale Rolle für die Regulation der Homöostase von Triglyzeriden und Cholesterol. Das codierende Gen, das APOE-Gen, ist ein polymorphes Gen; es existieren drei Allele: APOE2, APOE3 und APOE4. Die APOE4-Variante ist die evolutionsbiologisch älteste Form und wurde in verschiedenen Untersuchungen als Risikofaktor für die Entstehung von Morbus Alzheimer und Herzkreislauferkrankungen im höheren Lebensalter (late-onset) identifiziert. In Nordeuropa sind über 20% der Bevölkerung Träger des APOE4-Allels, in Südeuropa sind es unter 10%.

Warum in Gottes Namen, oder besser, in Darwins Namen, wurde APOE4 trotz der negativen Auswirkungen auf die Gesundheit des Trägers nicht im Laufe der Evolution selektioniert? Diese Frage stellte sich ein Forscherteam des Exzellenzclusters Entzündungsforschung der Christian-Albrechts-Universität Kiel und kam dabei zu einem interessanten Ergebnis: Träger von APOE4 genießen in jungen Jahren Vorteile gegenüber APOE2- und APOE3-Trägern.

Unterversorgung mit Vitamin D

Vitamin D wird eine gewisse Schutzfunktion vor Alzheimer, koronaren Herzerkrankungen und Knochenerkrankungen zugeschrieben. Es wird im menschlichen Organismus unter Einfluss von Sonneneinstrahlung synthetisiert oder über die Nahrung aufgenommen, beispielsweise über Fisch und Milchprodukte. Nach der aktuellen „Nationalen Verzehrstudie 2“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sind in Deutschland 40 bis 50% der Menschen mit Vitamin D unterversorgt. In den sonnenreichen Ländern Südeuropas ist die Vitamin-D-Versorgung größtenteils ausreichend. Patricia Hübbe vom Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde und ihr Kollege Gerald Rimbach befassen sich mit dem Zusammenspiel von Ernährung und Genetik.

„Wir haben dies zum Anlass genommen und uns gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen dem hohen APOE4- und dem geringen Vitamin-D-Status in Nordeuropa sowie dem verstärkten Aufkommen von Herzkreislauferkrankungen oder Alzheimer gibt, verglichen mit weiter südlichen gelegenen Gefilden.” Almut Nebel vom Institut für Molekularbiologie und Leiterin der “Forschungsgruppe Gesundes Altern” ergänzt: “Zumal sich die Gen-Variante APOE4 – soweit wir momentan wissen – nicht während der reproduktiven Phase des Menschen negativ auswirkt, sondern erst in einem höheren Alter, in dem sich der Mensch nicht mehr fortpflanzt.”

Ergebnisse der Mausversuche bestätigt

Die Wissenschaftler untersuchten transgene Mäuse, welche die unterschiedlichen humanen APOE-Varianten im Erbgut tragen. Die Mäuse mit dem APOE4-Allel hatten die höchsten Vitamin-D-Spiegel, verglichen mit den APOE2- bzw. APOE3-Transgenen. Um diese Beobachtungen im Menschen zu überprüfen, untersuchte die Forschergruppe Plasma- und Serumproben einer zufälligen Stichprobe der Bevölkerung auf den APOE-Status und den Vitamin-D-Spiegel. Tatsächlich konnten die Ergebnisse der Mausversuche bestätigt werden. Gerald Rimbach fasst die Ergebnisse zusammen: “Der höhere Vitamin-D-Status von APOE4-Trägern ist vermutlich auf eine verbesserte Aufnahme des Vitamins aus der Nahrung zurückzuführen.

Auch die Calciumabsorption und Calciumkonzentration in den Knochen ist bei APOE4-Mäusen höher als bei denen mit APOE3 und APOE2. Wir konnten jetzt erstmalig den Einfluss von APOE4 auf den Vitamin-D-Status zeigen. In der reproduktiven Lebensphase haben APOE4-Träger anderen gegenüber den Vorteil, dass ihr Vitamin-D-Status höher ist. Das erklärt möglicherweise, warum diese Genvariante nach wie vor zu finden ist, sie verschafft bis zu einem bestimmten Lebensalter mindestens diesen Vorteil.” Zugleich kommt der negative Einfluss des APOE4-Allels möglicherweise erst deutlich zu tragen, seitdem die Menschen gesünder alt werden und länger leben.

84 Wertungen (4.48 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

auch wenn man das apo e4 gen geerbt hat ,kann man sich vor dem alzheimer ausbruch schützen. simvastatin nicht dagegenn atorvastatin bringt einen gewissen schutzeffekt

#10 |
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Rettungsassistent

Ein Witz ist un mal ein Witz. Wer sich davon angegriffen fühlt, sollte seine Scheuklappen ein wenige lockern, damit er wieder nach rechts und links blicken kann.
Ansonsten aber eine schöne Erklärung eines wichtigen Faktors.

Ein Appell an uns Nordländer, noch mehr auf unsere Lebensweise zu achten, wenn wir schon genetisch (diesen Faktor betreffend) im Nachteil sind. Auch wenn sich das Risiko nicht auf Null bringen lässt, so kann man es doch zumindest reduzieren.

#9 |
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Sehr interessanter Artikel über ein Forschungsergebnis, aber ohne die umstrittene und etwas unglückliche Äusserung wäre er noch wissenschaftlicher gewesen.

Evolution hat nichts mit Religion zu tun, auf die Evolution haben Menschen keinen Einfluss, auf ihren Glauben schon. Und Darwin war nur ein Evolutions-Forscher von vielen, wenn auch ein richtungsweisender. Aber der Tenor der Aussage war sicherlich allgemeinverständlich.

Der Schluss auf die Selektion mag falsch sein – das Ergebnis bleibt interessant. Vielleicht ist es mal ein Baustein für ein neues Medikament.

#8 |
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Sehr informativer Artikel, der aber eine weit verbreitete Fehlinterpretation des Evolutionsmodells befördert. Diese kommt in der Fragestellung “Warum wurde das APOE4-Gen von der Selektion nicht ausgemerzt?” zum Ausdruck. Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, das Evolutionsmodell lehre einen rigorosen Selektionsmechanismus, der alles aussortiert, was nach menschlichem Maßstab nicht nützlich erscheint. Schaut man sich in der Natur um, erkennt man schnell, dass es über sämtliche Arten und Gattungen hinweg an Unvollkommenheit, an “negativen” Merkmalen nur so wimmelt. Die unzähligen Krankheitsgene des Menschen sind nur ein Beispiel. Hühner sind fast blind, Albatrosse beim Landen echte “Bruchpiloten”. Unser Stoffwechsel ist durch hohe Wärmeverluste recht unökonomiisch und der aufrechte Gang beschert uns viele orthopädische Probleme. Die Evolution ist absolut nicht perfekt. Unter humorigen Evolutionsbiologen kursiert die Formulierung “Evolution ist ein Mechanismus, der es ermöglicht, mit Irrtümern zu überleben”.
Fazit: Die Informationen über das APOE4-Gen sind hoch interessant. Aber die Querverbindung zur Selektion, d.h. die mitgelieferte Assoziation, dass normalerweise alles Negative aussortiert würde, ist irrig.

#7 |
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Altenpfleger

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass eine gesunde Lebensweise vor “Zivilisationskrankheiten” schützt. Ich arbeite mit demenzkranken Menschen und darunter sind auch Solche, die früher ziemlich gesund gelebt haben. Dennoch versuche auch ich gesund zu leben, denn die Risiken, tatsächlich selbst eine oder mehrere Zivilisationskrankheiten zu bekommen sinkt dabei natürlich.

Sehr geehrte Frau Wechmar,
Herr Kauer hat sich ausschließlich über eine Formulierung geäußert, die ihm missfiel, weil er sich wahrscheinlich in seiner Religiosität nicht ernst genommen fühlte. Ich denke, dass Sie daraus nicht schließen können, was Sie ihm immanent unterstellen. Bitte lassen Sie das!
Ich stimme mit Ihnen überein, dass die Arbeit mit demenzkranken Menschen sehr schöne Momente bereithält und ich mache sie gerne, weil ich Mitgefühl und Achtung für diese Menschen habe. Dennoch weiß Jeder, der diese Arbeit eine Zeit lang tut, wie schwer sie ist und wie viel Empathie Wissen und Können sie erfordert.

#6 |
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Dipl.-Psych. Conny Wechmar
Dipl.-Psych. Conny Wechmar

Sehr geehrter Herr Dr. Kauer,

was meinen Sie denn, welche Haltung wir bei einer Erkrankung wie Alzheimer einnehmen sollten:

Katholisch, evangelisch, juedisch, islamisch, buddhistisch?

Ich moechte glauben, dass den Betroffenen und Angehoerigen die ganz platte humanistische Variante am besten hilft, oder?

Gibt es in Ihrem Leben eine Menschen, den sie lieben, der eine Demenzerkrankung hat? Denn da ist “implementiert gegenlaeufig” kein Thema mehr. Da dominiert der Alltag mit: Moeglichst geradeaus mit moeglichst viel Herz und ganz viel liebhaben.

Ich hoffe, dass Sie Ihnen diese Erfahrung erspart bleibt, obwohl sie viele Zaubermomente bereithaelt. Die stehen allerdings keiner Diskussion zur Verfuegung, da sie nur im Herzen des Betrachters existieren.

#5 |
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Dipl.-Psych. Conny Wechmar
Dipl.-Psych. Conny Wechmar

Sehr geehrte Frau Dr. Forster,

Sie schreiben: “Sog. Zivilisationserkrankungen sind mit “Veränderungen im Lebensstil” zu korrigieren.” Man koennte lesen: Wer Alzheimer bekommt, ist selber schuld, haette mal besser seinen Lebensttil ueberdacht. Alzheimer kann jeden treffen, wie wir mittlerweile wissen. Die Stigmatisierung, die viele Alzheimer Patienten und deren Angehoerige tagtaeglich erleben, covariiert allerdings in nicht unerheblichem Masse mit einem soziokulturellen Umfeld, das dieser Erkrankung – zumindest auf verbaler Ebene – in keiner Weise gerecht wird.

#4 |
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Diabetes-Beraterin

Viele Dank für den schönen Artikel. Sog. Zivilisationserkrankungen sind mit “Veränderungen im Lebensstil” zu korrigieren. Lassen wir doch nicht nur die Hühner aus den Käfigen, sondern auch die Menschen aus ihren Büros – ein Recht auf Mittagspause, möglichst bei Sonne, dazu leckere Mahl-Zeiten und die Kostenreduktion im Gesundheitswesen wird zur Freude aller (?) anrollen.

#3 |
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Medizinjournalistin

Dieser Artikel bringt in knapper Form, aber auch für “ambitionierte Laien”, was M. Alzheimer angeht – ich bin Pädiater- Forschungsergebnisse des Excellent-Clusters in Kiel auf den Punkt. Die Formulierung “in Gottes Namen” wird wie andere auch (z.B. um Gottes Willen”) vermutlich tgl. tausendfach auch von tiefgläubigen Christen vewendet und spricht nicht gegen deren Religiosität. Abgesehen davon geht es natürlich um die Sache und nicht um Glauben, oder dürfen Erkenntnisse der Fortpflnzung der menschlichen Rasse nicht geäußert werden, weil die kath. Kirche noch “jungfräuliche Empfängnis” wörtlich nimmt?

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Ihre despektierliche Formulierung:

“…Warum in Gottes Namen, oder besser, in Darwins Namen …”

implementiert gegenläufig gelesen quasi jegliche Religiosität zur überzeugten Kreationismusgläubigkeit!

#1 |
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