Neue Wege bei Blaseninfektionen

7. Dezember 2010
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Einen neuen Ansatz in der Behandlung von Blaseninfektionen beschreiben Forschende. Sie stellen eine viel versprechende Alternative zur klassischen Therapie mit Antibiotika in Aussicht.

Harnwegsinfektionen (urinary tract infections) gehören zu den häufigsten infektiösen Erkrankungen. Überwiegend handelt es sich um bakterielle Entzündungen, die in mindestens 80% der Fälle durch Escherichia coli (E.coli) aus der natürlichen, körpereigenen Darmflora ausgelöst werden.

Harnwegsinfektionen umfassen Blasenentzündungen (Zystitis), Nierenbeckenentzündungen (Pyelonephritis) und Entzündungen der Harnröhre (Urethritis). Frauen sind häufiger betroffen als Männer, da bei ihnen auch wegen der kürzeren Harnröhre Keime leichter in die Harnwege eindringen und sich dort vermehren können. Bis zu 40% der Frauen haben mindestens einmal im Leben eine Harnwegsinfektion, bei rund 50% tritt sie innerhalb eines Jahres wieder auf. Somit ist die Harnwegsinfektionen eine häufige – und im Fall eines mehrmaligen Auftretens – auch gefährliche Erkrankung.

Großer Bedarf nach neuen Behandlungsansätzen

Symptomatische Harnwegsinfekte werden empirisch mit Antibiotika behandelt. Die Häufigkeit dieser Therapie führt zunehmend zu Resistenzen im behandelten Keimspektrum. Bei wiederkehrenden Infektionen wird die Therapie dadurch zunehmend erschwert. Dies betrifft insbesondere Patienten mit Diabetes, Anomalien der Harnwege, Paraplegie oder permanenten Blasenkathetern. Folglich besteht ein großer Bedarf nach neuen Ansätzen zur Prävention und Behandlung von Harnwegsinfektionen mittels oral verfügbaren Therapeutika mit geringem Resistenzpotenzial.

Um sich im Harnweg festzuhalten und nicht mit dem Urinfluss weggespült zu werden, müssen sich die E.coli-Bakterien an ihre Zielzellen in der Blase anheften, ein Vorgang, der als bakterielle Adhäsion bezeichnet wird. Dazu verfügen die Bakterien an ihrer Oberfläche über fadenförmige Proteinstrukturen, sogenannte Fimbrien. An deren Spitze ist das Protein FimH lokalisiert, das für den Adhäsionsmechanismus verantwortlich ist. Das Protein FimH besitzt eine Kohlenhydrate-erkennende Domäne – eine sogenannte CRD (carbohydrate recognition domain) –, die Oligomannoside spezifisch erkennt. Die Wechselwirkung dieses fimbrialen Lectins mit Oligomannosiden der Wirtszellglycocalix führt zur Adhäsion der E.coli-Bakterie an die humanen Blasenepithelzellen, schützt die Bakterien vor dem Auswaschen durch den Urinfluss und ermöglicht damit die Invasion der Wirtszellen.

Nachahmung der natürlichen Liganden

Die Gruppe von Prof. Dr. Beat Ernst am Departement Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Basel erforscht die Funktion von hoch komplexen Zuckermolekülen, sogenannten Glykanen. Wechselwirkungen zwischen Glykanen und Proteinen beeinflussen zahlreiche biologische Prozesse von der Entstehung des Embryos über die Wundheilung bis zu Autoimmunerkrankungen. Eine wichtige Rolle spielen Glykane auch bei der bakterienellen, viralen und mykotischen Infektionen. Glykanstrukturen sind aber aufgrund ihrer unzureichenden Eigenschaften im menschlichen Körper therapeutisch nur bedingt einsetzbar. Ein Ziel der Arbeitsgruppe ist deshalb, Glykomimetika zu entwickeln, Verbindungen, die die Glykanstruktur nachahmen, die aber strukturell weniger komplex und für den therapeutischen Einsatz geeignet sind.

Diesen Ansatz verfolgten Ernst und seine Mitarbeiter auch bei der nun im “Journal of Medicinal Chemistry” publizierten Studie. Ausgehend von D-Mannose gelang es ihnen, oral verfügbare Verbindungen, sogenannte FimH Antagonisten, zu entwickeln, welche die CRD an der Fimbrienspitze der E.coli blockieren und damit die bakterielle Adhäsion an die Urothelzellen der Harnwege verunmöglichen.

In einem In-vivo-Infektionsmodell mit Mäusen konnte diese Aktivität bestätigt werden, gelang es doch, die Bakterienlast in der Blase bis um einen Faktor 10000 zu reduzieren. Von speziellem Interesse ist das geringere Resistenzpotenzial dieser neuen Verbindungsklasse, das aufgrund des molekularen Mechanismus der FimH Antagonisten zu erwarten ist.

Originalbeitrag:
FimH Antagonists for the Oral Treatment of Urinary Tract Infections: From Design and Synthesis to in Vitro and in Vivo Evaluation
Tobias Klein et al.; Journal of Medicinal Chemistry
DOI: 10.1021/jm101011y
(2010)

8 Wertungen (3.88 ø)
Urologie

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10 Kommentare:

Dr. med. Rüdiger Schippert
Dr. med. Rüdiger Schippert

Viel mehr als “verunmöglichen” stört mich der Begriff “Forschende” statt “Forscher”. Diese immer mehr um sich greifende Unsitte ist nicht nur deshalb abzulehnen, weil sie dem gleichmacherischen “Gender Mainstreaming” entspringt, sondern vor allem, weil sie zu sprachlichen Ungereimtheiten führt. So weiß jeder, daß z.B. Robert Koch ein toter Forscher ist. Ein toter Forschender ist er sicher nicht, denn bisher hat meines Wissens noch keiner nach seinem Tod geforscht! Ahnlich verhält es sich mit “Studierenden”, die doch bitte weiter Studenten genannt werden sollten. Interessant ist auch, daß diese angeblich geschlechtsneutralen Formen nie auf negativ besetzte Begriffe angewandt werden: Wie wäre es denn mit Mordenden, Stehlenden oder Terrorisierenden? Nein, die dürfen ruhig weiter männlich bleiben!
Freundliche Grüße

#10 |
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Dr med Anselm Budweg
Dr med Anselm Budweg

In der Orthomolekularmedizin ist dieser “neuentdeckte” Mechanismus seit 30 Jahren bekannt. Ich therapiere seit 15 Jahren mit Mannose Pulver 1/4 Teelöffel täglich, die Zahl der Cystitiden sinkt bei regelmäßiger Gabe beim Betroffenen ca auf ein Zehntel der Infekte.

Dr med A Budweg
Internist / Orthomolekulatmedizin

#9 |
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Medizinjournalist

zu Beitrag Nr. 5:

Sehr geehrte Frau Rahm,

gestatten Sie mir eine Anmerkung zu Ihrem P.S.: In der Tat gibt es Schlimmeres als das in der Schweiz übliche Wort “verunmöglichen” für “unmöglich machen”. Aber ist es wirklich so schwer zu verstehen, woher die “Oberlehrermentalität” einiger Doktoren kommt? Waren Sie selbst nie in der Schule?
Als ehemaliger Lehrer würde ich Sie darauf hinweisen, dass Sie sicher mit “neurer Weg” “neuer Weg” meinen – ich tue es aber nicht!

Mit freundlichen Grüßen
H.D. Peltzer

#8 |
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dipl.ing Klaus Muckhoff
dipl.ing Klaus Muckhoff

Gott sei Dank, es gehört zur deutschen Sprache und kommt nicht aus dem englischen, das wäre noch schlimmer!

#7 |
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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Eine seit Jahrzehnten bekannte, experimentell und klinisch belegte natürliche Alternative zu Antibiotika stellen Phytopräparate aus Kapuzinerkresse und Meerrettich dar. Die dort enthaltenen Senföle sind wirksam gegenüber E. coli und anderen HWI-Erregern.

#6 |
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Diplom Psychologin Ute Rahm
Diplom Psychologin Ute Rahm

Ein interessanter neurer Weg.
Wie weit ist er schon anwendungsreif beim Menschen?

PS: An die “Bewerter” des Artikels
es gibt schlimmere Wortkonstruktionen als ‘verunmöglichen’, das wäre hier “nachhaltig” zu betonen.Ich kann einfach nicht verstehen, woher diese Oberlehrermentalität kommt, wenn ein Fachartikel kritisch auf seinen Gehalt hin überprüft werden soll.
Mit freundlichen Grüßen

#5 |
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Dr. sc. med. Jörn Markwardt
Dr. sc. med. Jörn Markwardt

verhindern

#4 |
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Den gleichen Mechanismus sollen auch die Cranberry- Früchte nutzen. Vermutlich wesentlich billiger.

#3 |
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Medizinjournalist

Sehr geehrter Herr Dr. Eckart,

als Antwort sende ich Ihnen die folgenden Zeilen:

verunmöglichen
(Artikelvorschau)

ver|un|mög|li|chen [auch: – – – – -] (bes. schweiz.): unmöglich machen; …

Quelle: Duden – Deutsches Universalwörterbuch
Umfang: 10 Wörter
Preis: EUR 0.25
Artikel anzeigen

In der Hoffnung, Ihnen mit diesem Hinweis geholfen zu haben, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

H.D. Peltzer, StD a.D., Autor und freier Journalist

#2 |
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Dr Lutz Eckart
Dr Lutz Eckart

Wer hat eigentlich das schöne Wort “verunmöglichen” entdeckt?????

#1 |
  0


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