Süßholzwurzel: Wirkstoffe gegen Diabetes

18. April 2012
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Dass Süßholz auch Stoffe enthält, die gegen Diabetes wirken, haben nun Forscher herausgefunden. Die Amorfrutine wirken nicht nur blutzuckersenkend, sondern auch entzündungshemmend.

Naturstoffe haben ein erstaunliches, aber noch weitgehend ungenutztes Potenzial zur Vorbeugung und Behandlung von Volkskrankheiten. Die Süßholzwurzel Glycyrrhiza etwa enthält verschiedene Substanzen, die gegen Atemwegs- oder Magenerkrankungen helfen. In der Heilkunde wird sie daher schon seit Jahrtausenden eingesetzt, vor allem als Tee. Die Erkenntnis, dass die Pflanze aus der Familie der Schmetterlingsblütler möglicherweise auch gegen Altersdiabetes (Typ-2-Diabetes) eingesetzt werden könnte, ist einem Forscherteam um Sascha Sauer vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin zu verdanken. Denn die Wissenschaftler haben in der essbaren Wurzel der Pflanze eine neue Gruppe von Naturstoffen mit antidiabetischer Wirkung identifiziert: die Amorfrutine.

Wirken auch entzündungshemmend

Die chemisch einfach gebauten Substanzen kommen nicht nur in der Süßholzwurzel vor, sondern finden sich auch in den Früchten des Strauches Amorpha fruticosa. Nach dieser in den USA, Kanada und Mexiko beheimateten Pflanze erhielten die neuen Antidiabetika ihren Namen. Wie die Forscher an diabetischen Mäusen gezeigt haben, entfalten die Amorfrutine nicht nur blutzuckersenkende Eigenschaften, sondern wirken auch entzündungshemmend. Darüber hinaus beugen sie sogar einer Fettleber vor – eine häufige Erkrankung infolge einer zu fettreichen Ernährung. „Die gesundheitsfördernden Effekte beruhen darauf, dass die Amorfrutin-Moleküle gezielt an einen Rezeptor namens PPARγ im Zellkern andocken“, erklärt Sascha Sauer. PPARγ spielt im Fett- und Glukosestoffwechsel der Zelle eine wichtige Rolle. Die Bindung der Amorfrutin-Moleküle aktiviert verschiedene Gene, welche die Plasmakonzentration bestimmter Fettsäuren sowie von Glukose senken. Der verringerte Glukosespiegel verhindert die Entwicklung einer Insulinresistenz – die Hauptursache des Altersdiabetes.

Ausgesprochen gut verträglich

„Zwar gibt es auf dem Markt bereits Medikamente, die auf den PPARγ-Rezeptor wirken. Diese wirken aber nicht selektiv genug und verursachen Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Herz-Kreislauf-Probleme“, sagt Sascha Sauer. Die Amorfrutine sind dagegen den bisherigen Studien zufolge ausgesprochen gut verträglich. „Es nützt aber nichts, bei Diabetes Süßholztee zu trinken oder Lakritze zu essen“, erklärt der Wissenschaftler. „Denn im Tee oder in der Lakritze liegen die Stoffe in einer viel zu geringen Konzentration vor, als dass sie wirken könnten“. Um die Amorfrutine in ausreichender Konzentration aus der Pflanze zu gewinnen, haben die Forscher daher spezielle Extraktionsverfahren entwickelt. Natürliche Amorfrutin-Extrakte können somit industriell produziert werden.

Die neu entdeckten Wirkstoffe haben nicht nur zur Therapie von komplexen Stoffwechselkrankheiten großes Potenzial, sondern lassen sich möglicherweise auch präventiv einsetzen. „Die Amorfrutine könnten als funktionelle Nahrungsergänzungsmittel angewendet werden oder als milde, individuell auf den Patienten abgestimmte Heilmittel“, sagt Sascha Sauer. „Gerade in Anbetracht sich ausbreitender Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes sollen die Substanzen in Zukunft für den Menschen nutzbar gemacht werden.“ Dazu müssen die Forscher die Wirkung der Substanzen und der pflanzlichen Amorfrutin-Extrakte als nächstes in klinischen Studien an Diabetes-Patienten testen.

Originalpublikation:
Amorfrutins are potent antidiabetic dietary natural products; Sascha Sauer et al; PNAS, published online before print April 16, 2012, doi: 10.1073/pnas.1116971109

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Allgemein

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9 Kommentare:

Dr. med. Peter Gonsch
Dr. med. Peter Gonsch

Daß Naturstoffe lange in der Medizin vernachlässigt wurden und dem zu Folge immer neue Wirkstoffe gefunden werden, seitdem man sich damit befaßt, ist eigentlich logisch. Es paßt auch in den Trend “weg von der sog.Schulmedizin” Schade ist allerdings, wenn, wie in diesem Falle, werbewirksam “Erkenntnisse” veröffentlich werden, die seit vielen Jahren bekannt sind, andererseits aber kein konkret anwendbarer Stoff, oder gar ein Medikament genannt werden kann. So etwas weckt falsche Erwartungen bei Patienten und ist einfach zu billig

#9 |
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Es ist gut zu wissen, dass wir aus der Natur immer wieder etwas entwickeln können, was gegen Diabetes II und Entzündungserscheinungen helfen kann.Die Verträglichkeit der vorhandenen chemischen Präparate ist bei manchen Patienten nicht gegeben.

#8 |
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Ursula Johannimloh
Ursula Johannimloh

In meiner Praxiserfahrung als Diätassistentin erlebe ich seit mittlerweile 20 Berufsjahren einen “Hype” über isolierte Nähr- und Pflanzenstoffe nach dem anderen-
am Beispiel der Phytosterine siht man doch ganz klar, dass sie Isolation und industrielle Verwendung auch Risiken birgt.
Erst das große Hurra, wir können den Cholesterinspiegel “pflanzlich” senken, dann der Schock: sie lagern sich ab und begünstigen Herzinfarkt und co.

Selbst wenn dies Amorfrutin-extrakte helfen sollten, darf man Nebenwirkungen erwarten.
In dieser Gesellschaft wird ein präventiver und ein gesunder Lebensstil mit natürlichen Lebensmitteln sehr vernachlässigt. Die Natur hat sich durchaus etwas dabei “gedacht” die Vielfalt der essbaren Dinge und deren Inhaltsstoffe zu schaffen. Fazit: Die Mischung macht´s!

#7 |
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Prof Dr, Dr habil Dipl Physiker  Wolf A Kafka
Prof Dr, Dr habil Dipl Physiker Wolf A Kafka

Ziemlich grosser Schmarrn:Unausgereift, populistisch marktorientiert.

#6 |
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“Naturstoffe haben ein erstaunliches, aber noch weitgehend ungenutztes Potenzial zur Vorbeugung und Behandlung von Volkskrankheiten.” Eine solche Aussage ist schon ziemlich naiv – chemisch definierte Pharmaka im größeren Umfang gibt es serst seit ca. 60 Jahren, ohne diese wäre die Menschheit unheilbar krank – so die Quintessenz der etablierten Forschung. Was haben denn die Menschen in der Ära davor gemacht? Phytotherapie! Welch “erstaunliches Potenzial” Phytotgherapeutika besitzen sehe ich in meiner ärztlicheh Naturheilpraxis seit Jahrzehnten täglich. Auch die positiven Effekte des Süßholzes. Und daß Fettleber vom fetten Essen kommt, ist natürlich auch Humbug.

#5 |
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Dr. med. Heidi Lüdi
Dr. med. Heidi Lüdi

Sehr interessant: die Fettleber komme vom fetten Essen. Und womit werden denn Gans oder Ente gestopft, damit sie die berühmt-berüchtigte “foie gras” entwickeln? Es ist vorwiegend Mais, und der besteht bekanntlich aus eher wenig Fett.
Eigenartigeweise wird bei der Fettleibigkeit und beim Diabetes mellitus (d.h. “Zuckerkrankheit”!) sehr viel über Nahrungsfette diskutiert, und sehr wenig über Kohlenhydrate. Eigenartig.
Da vergeht mir sogar das Süssholzraspeln.

#4 |
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Wie kommt man denn auf die Amorfrutine? Chemisch angeblich einfach gebaut, doch nur in sehr geringer Menge in der Pflanze vorhanden. Warum untersucht man das dann? Und dann zeigen sich, so wird behauptet, antidiabetische und antiinflammatorische Eigenschaften, ja sogar ein Potential zur Vorbeugung gegen Fettleber? Quasi ein Universalmedikament? Nichts gegen Phytopharmaka – ich bin selbst in dieser Richtung überzeugt tätig -, aber das Ganze erscheint mir doch ein wenig reißerisch.

#3 |
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Nichts gegen P h y t h t h e r a p e u t i k a bei entsprechenden Indikationen! Der Schlussabsatz zerfließt leider in “Wischiwaschi” und ist klasse auf Masse abgestimmt: Macht weiter Leute mit Eurem Lebensstil, die Forschung und Industrie versorgt Euch dann mit “individuell abgestimmten Heilmitteln! (Das dann doch wieder als “funktionelles N a h r u n g s e r g ä n z u n g s m i t t e l” auf den Markt kommt.) Diätetische Aufklärung und Beratung ist anstrengend, wiederspricht dem Konsumentenmainstream – und: Damit kann man nicht so richtig Kohle machen.

#2 |
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Astrid Poensgen-Heinrich
Astrid Poensgen-Heinrich

Gut zu wissen wäre, ob Amorfrutin-Extrakte ihre entzündungshemmende Wirkung dann auch bei Atemwegserkrankungen “ausleben” können. Ich leide unter einem Kartagenger-Syndrom mit chronischen Entzündungen u.a. der Bronchien. Wenn hier z.B. Cortison bzw. Antibiotika eingespart werden könnten, wäre das für die Patienten sehr hilfreich.

#1 |
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