Ortsgedächtnis: Alles eine Frage des Standpunkts

6. Juli 2015
Teilen

Unser, üblicherweise nach Norden ausgerichtetes, Ortsgedächtnis kann sich stark den unterschiedlichen Blickrichtungen und Körperorientierungen anpassen. Diese Funktion hilft uns, unser Ortswissen anzugleichen, wenn sich der Standort und die Blickrichtung ändern.

Durch unser Ortsgedächtnis haben wir eine relativ gute Vorstellung davon, wo wir uns gerade befinden und wo andere Orte liegen. Dabei hilft uns die Erinnerung an Papier- und elektronische Karten – unser Ortsgedächtnis ist offenbar grundsätzlich nach Norden ausgerichtet. Die Max-Planck-Forscher Dr. Tobias Meilinger und Julia Frankenstein wollten nun aber wissen, ob Menschen ihr Ortsgedächtnis wie eine starre Landkarte nutzen, oder ob sie die mentale Vorstellung an den aktuellen Standort und die Blickrichtung anpassen.

Persönliche Orientierungskarte

Ihre Studie führten die beiden Psychologen im Stadtzentrum von Tübingen durch. Die Forscher befragten ortsansässige Besucher in Cafés und Kneipen und ließen sie eine Karte der Innenstadt zeichnen. Die spontan rekrutierten Probanden taten dies in unterschiedlichen Körperorientierungen – also nach Norden, Süden, Osten oder Westen ausgerichtet – und mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Innenstadt. „Wir wollten beispielsweise wissen, wie jemand einen Standort in der Innenstadt findet, wenn er am östlichen Altstadtrand steht und nach Süden schaut“, erklärt Dr. Tobias Meilinger.

Der verkehrte Kompass

Das Ergebnis: Die Befragten führten sich die Innenstadt bevorzugt entlang der Blickrichtung vor Augen. Und auch der Standpunkt spielte eine wichtige Rolle: So lag der Süden dann mitunter oben. Die Probanden passten ihr Ortswissen also automatisch an ihre derzeitige Situation an. Eine geistige Beanspruchung – die Nord-Karte aus dem Gedächtnis muss im Kopf schließlich erst gedreht werden. Die Forscher vermuten, dass dieser Aufwand auch einen Nutzen hat: Immerhin können Menschen dadurch ihren Weg flexibel und schnell finden, auch wenn sich Standort und Blickrichtung permanent ändern. „Diese Erkenntnisse könnten auf lange Sicht zu einer besseren Gestaltung von Navigationsgeräten, Karten oder Hinweisschildern verwendet werden“, sagt Meilinger.

Originalpublikation:

Not all memories are the same: Situational context influences spatial recall within one’s city of residency
Tobias Meilinger et al.; Psychonomic Bulletin & Review, doi: 10.3758/s13423-015-0883-7; 2015

9 Wertungen (4 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Ein Kollege von mir scheint ein eingebautes Navi im Gehirn zu haben. Ich hingegen würde mich selbst auf einem Fußballplatz verlaufen.

#2 |
  0
Jörg Fricke
Jörg Fricke

Mir stelt sich die Frage, ob *Ortsansässige* im Gehirn überhaupt eine nach Norden ausgerichtete Gesamtkarte ihres Wohnorts ausbilden oder nicht eher viele kleine Teilansichten speichern, die angeben, wie man von Punkt A nach Punkt B gelangt. (Also, etwas übertrieben ausgedrückt, Google Street View statt Google Maps.)

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: