Antibiotika: Auf der Suche nach dem roten Faden

28. Juli 2015
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Ärzte verordnen Antibiotika oft ohne medizinische Notwendigkeit. Resistenzen sind nicht das einzige Problem. Forscher zeigen, dass Wirkstoffe zu einem höheren Körpergewicht führen und verschiedene Organsysteme beeinflussen. Es gibt aber auch Positives zu berichten.

Chemische Keulen breit eingesetzt: Wie die Techniker Krankenkasse (TK) berichtet, behandeln Ärzte Erkältungskrankheiten leichtfertig mit Antibiotika – vor allem bei Kindern. Als Basis der Untersuchung dienten Verordnungsdaten von 4,36 Millionen TK-Versicherten. Das Ergebnis: Selbst bei relativ kurzen Leidensphasen von bis zu drei Tagen bekamen 24,5 Prozent aller Patienten ein Antibiotikum verschrieben. Die hohe Zahl der Verordnungen bei kurzer Krankheitsdauer lässt TK-Experten zufolge darauf schließen, dass Antibiotika häufig auf Verdacht rezeptiert werden, obwohl Hinweise auf bakterielle Infektionen fehlen. Unrühmliche Spitzenreiter sind das Saarland und Nordrhein-Westfalen (5,8 Tagesdosen pro Kopf), während sich Sachses Mediziner in Zurückhaltung üben (3,7 Tagesdosen). Wissenschaftlich lassen sich diese Unterschiede nicht begründen.

Antibiotika: durchgefallen

Bei Durchfallerkrankungen sieht die Sache nicht besser aus. Zwar sind Bakterien häufig schuld im Sinne der Anklage. Wie die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) in ihrer Leitlinie mitteilt, sollten Antibiotika nur in bestimmten Fällen eingenommen werden. Dazu gehören Infektionen mit Shigellen oder Salmonellen. Sind Campylobacter, Yersinien oder Escherichia coli im Spiel, empfehlen Autoren der Leitlinie, in der Regel auf Antibiotika zu verzichten. Arzneistoffe würden die Krankheitsdauer nicht verkürzen. Überflüssige Antibiotikagaben führen zu Resistenzen und schädigen mitunter auch die Darmflora.

Gewichtige Folgen

Jetzt fanden Forscher weitere unerwünschte Effekte: Zusammen mit energiereicher Nahrung erhöht sich bei der Antibiotika-Gabe das Körpergewicht, so Martin Blaser, New York. Am Mausmodell hat er untersucht, welche Effekte Amoxicillin als Aminopenicillin und Tylosin als Makrolidantibiotikum zeigen. Blaser verabreichte Tieren in den ersten 40 Tagen ihres Lebens Antibiotika in Form von drei Kurzzeit-Therapien. Danach erhielten sie energiereiches Futter. Tatsächlich fand er, dass die Muskelmasse unter einer pulsierten Antibiotikatherapie zunahm, aber nicht die Fettmasse. Entsprechende Arzneistoffe beschleunigten auch das Knochenwachstum. Gleichzeitig zeigten sich Veränderungen beim Leberstoffwechsel, was Martin Blaser anhand des Enzymmusters nachweisen konnte. Das Organ verfettete aber nicht. Nach drei oder mehr Therapiezyklen reagierte auch die Darmflora. Veränderten Forscher die Ernährung von Mäusen, passten sich entsprechende Bakterien nicht mehr den neuen Umweltbedingungen an. Ein Grund mehr, Antibiotika mit Bedacht zu verordnen.

Pille statt Skalpell

In aktuellen Veröffentlichungen geht es aber nicht nur um Übertherapien. Das Potenzial antibiotischer Wirkstoffe ist bei weitem nicht ausgeschöpft. Aktuellstes Beispiel: die Behandlung einer unkomplizierten Appendizitis. Ärzte greifen seit mehr als 100 Jahren zum Skalpell, was finnischen Wissenschaftlern zufolge nicht immer erforderlich ist. Ärzte schlossen in ihre Studie 530 erwachsene Patienten ein, bei denen sie Komplikationen wie Abszesse oder Perforationen ausschließen konnten. Erkrankte wurden randomisiert einer OP- oder einer Pharmakotherapie-Gruppe zugeordnet. Als Arzneimittel kam Ertapenem zum Einsatz, gefolgt von Levofloxacin plus Metronidazol. Trotz der Medikation wurden innerhalb eines Jahres 27 Prozent aller Teilnehmer operiert – wenn auch ohne Komplikationen. Die Autoren empfehlen deshalb eine „Antibiotics first“-Strategie für erwachsene Patienten. Dass Kinder ebenfalls profitieren, ist denkbar.

Rationaler Einsatz

Ein Fazit: Aktuelle Publikationen zeigen, dass momentan der rote Faden bei Antibiotikagaben fehlt. Über- und Untertherapie gehören je nach Krankheitsbild zur Realität. Bei ihrer zweiten Sitzung schlugen Experten des Pharmadialogs deshalb vor, Ärzte, Apotheker und Patienten besser zu informieren. Das beginnt beim Thema Adhärenz: Schätzungen zufolge nehmen trotz Beratung 30 bis 50 Prozent aller Patienten ihre Medikamente nicht korrekt ein. Ärzte weichen ihrerseits von evidenzbasierten Therapieregimes ab, ohne wirkliche Not. So kommen rund 85 Prozent aller Verordnungen aus dem ambulanten Bereich. Dort sei aber nur bei Pneumonien die rasche Gabe von Breitbandantibiotika erforderlich.

Ansonsten eignen sich nach einer detaillierten Diagnostik Schmalspektrum-Antibiotika. Neue Antibiotika sollten als Reservesubstanzen verordnet werden – im stationären Bereich ausschließlich durch Oberärzte oder Fachärzte. Darüber hinaus nehmen Experten Hersteller in die Pflicht. Eine zentrale Frage: Welche alten Antibiotika haben das Potential, um bei weiteren Indikationen verwendet zu werden? Innovative Wirkstoffe müssen sich speziell gegen gramnegative Erreger richten. Alternativen zu Carbapenemen als Breitspektrum-Antibiotika wären ebenfalls wünschenswert. Große Worte, aber ohne wirtschaftlichen Anreiz erwartet niemand Wunder. Deshalb hat der dritte Pharmadialog im Oktober wirtschaftliche Rahmenbedingungen zum Ziel.

17 Wertungen (4.18 ø)

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3 Kommentare:

Gast
Gast

Nach den hier zitierten Tierversuchen, wären Antibiotika ja ideale Dopingmittel,
danke Herr van den Heuvel,
muss ich gleich ausprobieren.
Die Mittel beschaffe ich mir vom Tierarzt, dort sind sie billiger.

#3 |
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Gast
Gast

der rote Faden ist doch gut erkennbar:
alles was Ärzte machen muss falsch sein
(nur in Deutschland natürlich)

#2 |
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Gast
Gast

Sehr widersprüchlich und was die TK so schließt, ist sicher falsch.

#1 |
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