Leberversagen bei Kindern: Protein wird es zu heiß

2. Juli 2015
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Eine genomweite Sequenzanalyse hat Mutationen im NBAS-Gen entdeckt, die mit dem akuten Leberversagen bei Kleinkindern zusammenhängen. Das Fazit: Bei Fieber steht weniger von dem hitzeanfälligen NBAS-Protein für die Stoffwechselprozesse zur Verfügung.

Prof. Georg Hoffmann von der Kinderklinik in Heidelberg betreut seit 20 Jahren mehrere Patienten, die bereits im Kindesalter wiederholt Anfälle von akutem Leberversagen hatten. Aufgrund der ähnlichen Verläufe vermutete er eine gemeinsame Ursache für die Erkrankungen. Dr. Tobias Haack und Dr. Holger Prokisch vom Institut für Humangenetik der TUM und des Helmholtz Zentrums München haben nun bei vier erkrankten Kindern nach der genetischen Grundlage für akutes wiederkehrendes Leberversagen bei Fieber gesucht. „Wir haben mit unserer Studie zunächst nach genetischen Gemeinsamkeiten bei diesen Kindern gesucht, um eine mögliche Ursache für ihre Krankheit zu finden“, so Haack.

Mutation im NBAS-Gen

Die Wissenschaftler verwendeten die Methode der ExomSequenzierung, d. h., sie sequenzierten alle Abschnitte der Patienten-DNA, die Informationen für die Herstellung von Proteinen beinhalten. Zusätzlich untersuchten sie auch die DNA von nahen Angehörigen. Sie entdeckten dabei immer wieder fehlerhafte Veränderungen in einem bestimmten Gen. „Bei insgesamt elf Patienten fanden wir Mutationen im NBAS-Gen. Damit können wir dieses Gen erstmals in Zusammenhang mit Lebererkrankungen bringen, was auch für andere Krankheitsbilder interessant sein könnte“, ordnet Prokisch die Ergebnisse ein.

Fehlerhaftes Protein beeinflusst Transportprozess

Doch wie beeinflussen diese Mutationen zelluläre Abläufe? Um das zu klären, führten die Wissenschaftler anschließend molekularbiologische Experimente durch. Es zeigte sich, dass Mutationen im NBAS-Gen dazu führten, dass das Protein NBAS nur noch in geringer Menge gebildet wurde. NBAS ist an Transportprozessen in der Zelle beteiligt, bei dem Proteine in Bläschen verpackt und von einem Zellkompartiment zum nächsten transportiert werden. „Wir konnten zeigen, dass das fehlerhafte Protein stärker hitzeanfällig ist und somit bei Fieber weniger Protein für die Koordinierung der Transportprozesse zur Verfügung steht. Das wiederum könnte in der akuten Situation die Stoffwechselprozesse in der Leber negativ beeinflussen“, so Prokisch.

Therapeutischer Anknüpfungspunkt

Das Ziel der Wissenschaftler ist vor allem, die Diagnose von seltenen Krankheiten wie dem akuten Leberversagen im Kindesalter zu verbessern, um eine gezielte Behandlung zu ermöglichen. Haack sieht in den Ergebnissen der Studie einen wichtigen Anknüpfungspunkt: „Wenn bei Kindern Fälle von Leberversagen im Zusammenhang mit Fieber auftreten, können wir jetzt gezielt das NBAS-Gen untersuchen.“

Hoffmann erklärt: „Die Diagnose hat inzwischen auch entscheidende therapeutische Konsequenzen. Wir haben bereits über die Jahre für diese Patienten empirisch einen erfolgreichen Therapieansatz entwickelt, mit speziellen Medikamenten sowie Zucker- und Fettinfusionen. Dieser steht den frisch diagnostizierten Patienten sofort zur Verfügung und kann jetzt weiter verbessert werden.“

Originalpublikation:

Biallelic Mutations in NBAS Cause Recurrent Acute Liver Failure with Onset in Infancy
Tobias B. Haack et al.; American Journal of Human Genetics, doi: 10.1016/j.ajhg.2015.05.009; 2015

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1 Kommentar:

Dazu eine Frage : die betroffenen Kinder hatten Fieber. Sicher bzw. vermutlich wurde dies mit Medikamenten/ Antipyretika symptomatisch behandelt. Welche Medikamente und in welcher Dosierung in welchem Zeitraum wurden appliziert ?
z.B. Paracetamol steht/ stand früher im Verdacht, Leberkomplikationen zu verursachen, besonders bei hochfieberhaften Infektionen mit Varizellavirus. Reye- Syndrom. MkG, Gburek, KA i.R.

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