Muttermilch-Studie: Keine Angst vor Glyphosat

16. Juli 2015
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Eine aktuelle Studie bezeichnet den ermittelten Glyphosat-Gehalt in Muttermilch als „sehr besorgniserregend“. Laut BfR liegt die berechnete Glyphosataufnahme eines Säuglings um den Faktor 4.000 niedriger als der Richtwert für eine unbedenkliche Aufnahme.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat am 25. Juni 2015 berichtet, dass ein Labor in 16 Muttermilchproben den Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat gemessen hat, und diese Messungen als „sehr besorgniserregend“ bezeichnet. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Nationale Stillkommission schätzen die gemessenen Gehalte von bis zu 0,43 ng pro ml jedoch als gesundheitlich unbedenklich ein. Die Nationale Stillkommission und das BfR weisen anlässlich von Anrufen besorgter Mütter darauf hin, dass Muttermilch nach wie vor die natürliche und damit beste Nahrung für Säuglinge ist. Mütter sollten sich nicht verunsichern lassen und wie bisher stillen.

Muttermilch ist gut verdaulich und so zusammengesetzt, dass sie im ersten Lebenshalbjahr den Bedarf an Nährstoffen und Flüssigkeit deckt. Säuglinge, die vier bis sechs Monate lang ausschließlich gestillt wurden, haben ein deutlich geringeres Infektionsrisiko zum Beispiel bei Atemwegsinfekten. Weitere Krankheiten, die bei gestillten Kindern im späteren Leben seltener auftreten können, sind Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2. Die Nationale Stillkommission empfiehlt daher, Säuglinge mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich zu stillen und auch nach Einführung der Beikost weiter zu stillen, so lange Mutter und Kind mögen.

Zweifel an der Zuverlässigkeit der ELISA-Methode

Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand reichert sich Glyphosat aufgrund seiner physikalisch-chemischen Eigenschaften nicht im Fettgewebe an. Auch in den vorliegenden Tierversuchen ist keine Affinität zum Fettgewebe beobachtet worden und die Ausscheidung in der Milch von Kühen war vernachlässigbar gering.

In Bezug auf die verwendete ELISA-Methode bestehen zudem Zweifel an deren Zuverlässigkeit für die Analyse von Muttermilch. Die dem BfR bekannten ELISA-Tests sind für die Bestimmung von Glyphosat in Wasserproben validiert, eine Eignung für Milch und andere fetthaltige Matrices ist nicht belegt. Es gibt eine Vielzahl von Studien, die keine Hinweise auf eine Anreicherung im Organismus erbracht haben. Aus den dem BfR vorliegenden Informationen geht nicht hervor, ob der Test vorher für alle untersuchten Matrices (Muttermilch, Urin) validiert wurde. Dies ist für eine gültige Aussage erforderlich, da die Bestimmungsgrenzen in den verschiedenen Matrices sehr unterschiedlich sein können. Die veröffentlichten Gehalte in 16 Muttermilchproben lagen in einem relativ engen Bereich zwischen 0,21 und 0,43 ng pro ml. Die empfindlichste in der Überwachung eingesetzte Analysenmethode erlaubt jedoch nur eine Bestimmungsgrenze von 10 ng pro ml. Die berichteten Gehalte in Muttermilch liegen also deutlich darunter und können ohne genaue Aussagen zur verwendeten Analysenmethode nicht beurteilt werden.

Wissenschaftlich nicht begründbar

Das BfR hat auf Basis der veröffentlichten Glyphosatgehalte in Muttermilch berechnet, ob gesundheitliche Richtwerte überschritten werden würden. Neugeborene haben – bezogen auf ihr Körpergewicht – im Vergleich zu älteren Kindern den höchsten Flüssigkeitsbedarf von ca. 150 ml pro kg Körpergewicht täglich. Bei Zugrundelegung des höchsten gemessenen Gehaltes ergibt sich für ein ausschließlich gestilltes Neugeborenes eine tägliche Glyphosataufnahme von 0,000065 mg pro kg Körpergewicht. Für die Aufnahme von Rückständen aus Lebensmitteln wurde in der EU eine akzeptierte tägliche Aufnahmemenge von 0,3 mg pro kg Körpergewicht abgeleitet, bei der keine gesundheitlichen Risiken zu erwarten sind. Damit liegt die berechnete Glyphosataufnahme eines Neugeborenen um einen Faktor von mehr als 4.000 niedriger als der gesundheitlich abgeleitete Richtwert für eine unbedenkliche Aufnahme. Die Nationale Stillkommssion und das BfR kommen zu dem Ergebnis, dass es wissenschaftlich nicht begründbar ist, bei dieser Größenordnung eine Besorgnis festzustellen, selbst wenn man Neugeborene für empfindlicher hält als im genannten ADI-Wert berücksichtigt.

Alleiniger Nachweis kein Grund für Besorgnis

In der Mitteilung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen wurde außerdem problematisiert, dass in den Muttermilchproben die festgestellten Glyphosatrückstände oberhalb von 0,1 ng pro ml lagen, was dem Trinkwasserhöchstgehalt für Pestizide entspricht. Eine Überschreitung des Trinkwasserhöchstgehaltes, wie dies für Glyphosatfunde aus der Muttermilch angenommen wird, bedeutet nicht, dass ein gesundheitliches Risiko besteht, da der Trinkwasserhöchstgehalt ein Vorsorgewert für alle Pestizide ist und nicht toxikologisch für einzelne Wirkstoffe abgeleitet wird. Für Pestizidrückstände in Babynahrung liegt der maximal zulässige Höchstgehalt bei 10 ng pro Gramm Fertignahrung. Dieser Höchstgehalt liegt somit hundertfach höher als der zitierte Trinkwasserwert.

Grundsätzlich ist zu gemessenen Gehalten von Fremdstoffen in Muttermilch an dieser Stelle abschließend festzustellen, dass durch den enormen Fortschritt der analytischen Methodik in den letzten 30 Jahren heute fast jede Substanz bei entsprechendem Aufwand auch in Muttermilch nachzuweisen ist. Der alleinige Nachweis kann daher kein ausreichender Grund für eine Besorgnis sein; entscheidend ist in jedem Fall die Höhe der Gehalte, die gesundheitlich zu bewerten ist.

24 Wertungen (4.25 ø)
Gynäkologie, Medizin

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11 Kommentare:

Gast
Gast

http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/glyphosat-behoerde-wertet-monsanto-leserbriefe-als-studien.html

Das Bundesinsitut für Risikobewertung wertete offensichtlich Leserbriefe von Monsanto wie Studien.
Doch keine Panikmache??

#11 |
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Gast
Gast

@Dr. med. Martin Krasa, ich glaube, das Rauchen ist noch eine Idee schlimmer, meinen Sie nicht?

#10 |
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Was vor allem lustig ist, dass stillende Mütter mit Panik in den Augen von der “Studie” der Grünen berichten und dann erst mal nach draußen gehen, um sich mit einer Zigarette zu beruhigen …

#9 |
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Peter Riedl
Peter Riedl

IARC = International Agency for Research on Cancer Monograph Working Group
http://dx.doi.org/10.1016/S1470-2045(15)70134-8
leider in Englisch:
“Carcinogenicity of tetrachlorvinphos, parathion, malathion, diazinon, and glyphosate”

#8 |
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Peter Riedl
Peter Riedl

Mir wäre es auch lieber, das gäbe es weder im Grundwasser noch in der Kuhmilch und natürlich noch weniger in der Muttermilch.
Die IARC, also keine Idioten, hat Glyphosat noch in diesem Jahr 2015 in
Group 2A:
“Probably carcinogenic to humans” eingereiht,
irgendwie wollen das die Deutschen Behörden nicht wahrhaben.
Die arme Landwirtschaft ist wichtiger?

#7 |
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D. Faust; Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Dr.
D. Faust; Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Dr.

Es ist schon erstaunlich, wer sich hier so zu Wort meldet. Die Interaktionen des Mittels, die unterschiedlichen Halbwertzeiten, die unterschiedlichen Abbaubedingungen (sie sind nicht überall gleich!) und obendrein die von Monsanto gesponserten Untersuchungen, durch die zwei namhafte Labors in den USA durch Gerichstbeschluss schließen mussten, weil deren pro Monsanto-Ergebnisse nachweislich gefälscht waren, sollten einem zu Denken geben. Ich hoffe nur, dass das BfR auf excellente Wissenschaftler berufen kann.

#6 |
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Gast
Gast

Unfassbar. Allein der Nachweis, egal wie konzentriert, ist besorgniserregend.

#5 |
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Faszinierend, daß es diese Meldung schon 3 Wochen, nachdem die Grünen zu Unrecht diese Sau durchs Dorf hetzten, hierher geschafft hat.

Andere waren da schon schneller und vor allem wesentlich witziger. Allein die Hochrechnung der Milchmengen, die so ein 4 kg -Säugling täglich aufnehmen müßte, sind einen Blick wert.

(siehe http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001920
oder dieser http://ludgerwess.com/vorsicht-erdbeeren/)

Ich erschrecke heute noch Unwissende mit dem Hinweis, daß in jedem Obst E300 vorhanden ist.

#4 |
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Gast
Gast

wie immer die berühmte Panikmache!

#3 |
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dipl. Umwelt-Wiss. Manfred Hessel
dipl. Umwelt-Wiss. Manfred Hessel

Vielleicht stellen Sie die andere Seite auch mal vor.

#2 |
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So sieht ein guter Artike aus!

#1 |
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