Nervöser Darm – Genpool schuld?

5. Dezember 2008
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Nervöse Störungen des Darms können genetische Ursachen haben. Diesen Zusammenhang haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg entdeckt. Bisher gelten die Ursachen für das Reizdarmsyndrom als unklar - was Diagnose und Therapie erschwert.

Die Heidelberger Ergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift “Human Molecular Genetics” veröffentlicht wurden, verbessern die Aussichten auf ein wirkungsvolles Medikament gegen ein Leiden, das häufig als funktionelle Störung verharmlost wird. In Deutschland geht man von rund fünf Millionen Betroffenen aus, bei Frauen etwa doppelt so häufig wie Männern. Insgesamt suchen aber nur rund 20 Prozent aller Betroffenen überhaupt einen Arzt auf. Manche Patienten leiden unter Verstopfung, andere unter heftigen Durchfällen oder an einem Wechsel aus beiden. Durch die oft Monate oder Jahre andauernde Erkrankung ist das Allgemeinbefinden und die Lebensqualität der Patienten stark beeinträchtigt.

Veränderte Rezeptoren führen zu Überreizung des Darms

Eine entscheidende Rolle für die komplizierten Vorgänge im Verdauungstrakt spielt das Hormon Serotonin – ebenso wie es den Schlaf, die Stimmung und den Blutdruck beeinflusst. Auf den Darmzellen sitzen verschiedene Typen von Rezeptoren, an die das Serotonin nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip bindet und so zelluläre Signale weiterleitet. “Wir haben festgestellt, dass Patienten, die an Reizdarmsyndrom mit Durchfällen leiden, häufiger bestimmte genetische Veränderungen aufweisen”, erklärt Dr. Beate Niesler, die mit ihrem Team in der Abteilung Molekulare Humangenetik (Direktorin: Prof. Gudrun Rappold) am Heidelberger Institut für Humangenetik (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Claus Bartram) genetische Ursachen komplexer Erkrankungen erforscht. Diese Veränderungen scheinen dazu zu führen, dass der Aufbau oder die Anzahl der Rezeptoren, von Proteinen in der Zellwand, verändert ist. “Die Reizweiterleitung im Verdauungstrakt wird gestört, und es kommt so zu einer Überreizung des Darms. Dadurch bedingte Störungen im Wasserhaushalt könnten eine Erklärung für die Entstehung der Durchfälle sein”, sagt Dr. Beate Niesler.

Medikament hemmt die Serotonin-Rezeptoren

Abhilfe könnte ein Medikament namens Alosetron verschaffen, das in den USA zwar zugelassen ist, aber wegen seiner Nebenwirkungen nur unter starken Einschränkungen verschrieben werden darf. In Deutschland ist es nicht erhältlich. Alosetron hemmt die Serotonin-Rezeptoren im Darmtrakt und verlangsamt so die Bewegung des Stuhls. “Zurzeit werden in Deutschland Patienten mit Reizdarmsyndrom nach dem Prinzip Versuch und Irrtum behandelt”, erklärt Dr. Beate Niesler. Die Heidelberger Forschungsarbeiten könnten dazu dienen, aufgrund bestimmter Genveränderungen bei Patienten spezifische Medikamente zu entwickeln und zu verordnen. Die Erforschung des Serotonin-Systems zeigt interessante Zusammenhänge auf: Die Serotonin-Rezeptoren sitzen auch auf Nervenbahnen zur Schmerzweiterleitung und könnten diese beeinflussen – was erklären würde, warum Patienten mit Reizdarmsyndrom häufig über starke Schmerzen klagen, obwohl keine krankhaften Veränderungen wie Entzündungen oder Tumore festzustellen sind. Auffällig ist auch, dass Menschen mit veränderten Rezeptoren häufiger an Depressionen leiden.

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3 Kommentare:

Das Thema ist komplex: Eine größere Zahl Serotonin-Rezeptorvarianten mit unterschiedlicher Verteilung bzw. Lokalisation in Organen und Geweben (mit entsprechend differenzierten Funktionen) sind beschrieben.

#3 |
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Heilpraktikerin

Sehr richtig bemerkt, und ich denke mir da muss schon eine andere Art der Therapie eingeleitet werden. Besonders kann sich die genetische Variation ja auch erst über die Zeit eingestellt haben, sodass zuerst keine Veränderungen an den serotoninergenen Zellen vorgelegen hat. Depressive mit Reizdarm würde ich über die Lichttherapie und Akupunktur therapieren.

#2 |
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Johannes Büttner
Johannes Büttner

Es ist ja richtig, daß sowohl im Magen-Darm-Bereich wie im Nervensystem Serotonin eine wichtige Rolle spielt. Allerdings wird bei der Therapie der Depressionen der Serotoninspiegel erhöht, was konsequenterweise zu entsprechenden (Neben-)Wirkungen im Verdauungssystem führt. Ist dann ungekehrt bei einer therapeutischen Reduktion des Serotoninspiegels wegen eines Reizdarmes mit der (Neben-)Wirkung Depression zu rechnen? Und wie erklärt man (bzw. therapiert) dann bei diesem scheinbar gegenläufigen Mechanismus Depressive Patienten mit Reizdarm? Über Hinweise für die tägliche Praxis würde ich mich freuen.

#1 |
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