Virologie: FarMERS Fluch

7. Juli 2015
Teilen

In Südkorea erkranken mehr und mehr Menschen an MERS, teilweise mit Todesfolge. Thailand und China melden ebenfalls Infektionen. Virologen geben Entwarnung: Für Reisende besteht derzeit keine Gefahr, sofern sie Farmen mit Dromedaren und Krankenhäuser vor Ort meiden.

Seit seiner Erstbeschreibung im Jahr 2012 sorgt das MERS-Coronavirus (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus; MERS-CoV) mehrfach für negative Schlagzeilen. Wie südkoreanische Medien jetzt berichten, hat sich die Zahl der Infizierten im Land auf 169 erhöht. Über 5.000 Personen befänden sich derzeit in Quarantäne, heißt es weiter. Offiziellen Zahlen zufolge forderte das Virus bislang 33 Menschenleben. Da gerade alte Menschen bedroht sind, liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher. Auch in Deutschland ist ein Patient verstorben, der sich während seines Urlaubs auf der arabischen Halbinsel beim Besuch von Dromedarstallungen angesteckt hatüber Tröpfchen- oder Schmierinfektionen. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind möglich, aber momentan eher selten, verglichen mit tierischen Reservoiren. Als primäre Infektionsquelle gelten Fledermäuse.

Alles ganz harmlos

Infizieren sich Menschen über eine dieser Quellen mit MERS-CoV, treten nach weniger als sieben Tagen primär grippeähnliche Symptome auf. Entzündungen der Atemwege und der Lunge folgen. Teilweise kommt es auch zu Nierenversagen. Viele Patienten quälen sich mit Durchfall. Eine gute und eine schlechte Nachricht: Patienten kommen mit dem Virus häufiger in Kontakt als bislang vermutet. Ein Großteil aller Infektionen verläuft jedoch völlig symptomfrei. Das zeigt eine Studie unter Federführung der Universität Bonn und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF). Wissenschaftler hatten mehr als 10.000 repräsentativ ausgewählte Blutproben aus Saudi-Arabien untersucht. Alle Studienteilnehmer hatten in den letzten Jahren keine gravierende Infektion durchgemacht. Dennoch ließen sich in 15 Fällen Antikörper gegen das MERS-Virus finden. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, haben sich im letzten Jahrzehnt in Saudi-Arabien wahrscheinlich mehr als 40.000 Menschen mit MERS angesteckt, ohne es zu merken. Kamelhirten und Schlachter wiesen der Arbeit zufolge bis zu 23-fach erhöhte Infektionsraten auf. Bleibt als Fazit, dass die ursprüngliche Hypothese mit Sterberaten von 30 bis 40 Prozent nachweislich falsch ist.

Experimente am Krankenbett

Grund zur Sorge besteht trotzdem. Ärzten und Apothekern stehen derzeit weder spezifische Pharmaka noch Vakzine zur Verfügung. Sie versuchen in erster Linie, bei Patienten mit MERS-CoV die Kreislauffunktionen aufrecht zu erhalten. Versuche, den Infektionsverlauf mit Interferon alpha-2 plus Ribavirin etwas abzumildern, verliefen bei Rhesusaffen vielversprechend. Ein weiterer Angriffspunkt ist die Bildung von Doppelvesikeln und damit die RNA-Synthese – zumindest im Labor. Hier erwies sich die Benzamidverbindung K22 als geeignet. Andere Forscher gehen die Sache weitaus pragmatischer an. Sie screenen ganze Bibliotheken mit gut erforschten Arzneistoffen – und wurden fündig: Neuroleptika wie Chlorpromazin und Triflupromazin beziehungsweise die Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Dasatinib und Imatinib waren im Labor gegen MERS-CoV wirksam. Damit nicht genug: Aus einer Datenbank mit Phagen ließen sich neutralisierende Antikörper gegen das Virus isolieren. Auf Basis neuer Studiendaten soll jetzt geprüft werden, inwieweit der Einsatz beim Menschen infrage kommt.

Kalt erwischt

Ganz klar, Forscher haben etliche Ideen, wobei zugelassene Präparate oder Impfstoffe fehlen. Schlechter sieht die Sache im administrativen Bereich aus. US-Medien kritisieren, südkoreanische Behörden seien vom MERS-CoV völlig unvorbereitet getroffen worden. Alles begann mit einem Geschäftsmann, bei dem Mitte Mai typische Symptome aufgetreten waren. Aufgrund mangelhafter Quarantänemaßnahmen erkrankten in einer Klinik 36 Menschen. Über noch unbekannte Wege gelangte das Virus in weitere Krankenhäuser – möglicherweise verschleppen Patienten oder pflegende Angehörige MERS-CoV. Grund genug für die Regierung, Maßnahmen zu erlassen, deren Sinn internationale Beobachter nicht nachvollziehen konnten. Behörden schlossen Kindergärten und verhängten für möglicherweise Erkrankte eine Ausgangssperre, was sie per Handy-Ortung überwachten. Vor wenigen Tagen erließ das Parlament weitere, äußerst fragwürdige Gesetze. Wer Mitarbeiter staatlicher Einrichtungen hinsichtlich möglicher Infektionen belügt, muss mit Geldstrafen von umgerechnet bis zu 16.000 Euro oder alternativ bis zu zwei Jahren Haft rechnen. Ein Shitstorm braute sich zusammen. Kurz darauf schlossen die Korea Centers for Disease Control and Prevention (KCDC) zeitweise ihren Twitter Channel.

Nur keine Panik

Harte Fakten kommen von der Gesellschaft für Virologie (GfV). Die Gefahrenlage durch das Virus sei seit seinem ersten Auftreten 2012 unverändert geblieben, erklären Experten nach der Analyse des viralen Genoms. Insbesondere gebe es keinen Hinweis darauf, dass das Virus leichter übertragbar sei. Diese Einschätzung gilt auch für Thailand; dort konnten ebenfalls Infektionen mit MERS-CoV nachgewiesen werden. Für Touristen bestehe keine akute Ansteckungsgefahr, erklären GfV-Experten. Sie weisen darauf hin, dass Übertragungen von Mensch zu Mensch bisher nur bei Pflegekräften oder pflegenden Angehörigen aufgetreten seien. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO rät derzeit nicht von Reisen in betroffene Länder ab – und hält Einreisekontrollen für unnötig.

12 Wertungen (4.58 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: