Durchbruch in der Adipositas-Forschung

1. Oktober 2010
Teilen

Wissenschaftler identifizieren Neprilysin als Schlüsselenzym bei der Ausbildung von Fettleibigkeit. Sie konnten zeigen, dass das Enzym (auch NEP genannt) eine herausragende Rolle in der Regulation der Nahrungsaufnahme und Fetteinlagerung spielt.

Adipositas ist eine bedrohliche Gesundheitsstörung, die durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst wird. Neben zu hoher Kalorienaufnahme spielen auch genetische Komponenten eine Rolle. Adipöse Menschen haben ein stark erhöhtes Risiko an schwerwiegenden Begleiterkrankungen zu erkranken, wie Bluhochdruck, Diabetes mellitus, Herzinfarkt oder Schlaganfall. In den letzten Jahrzehnten haben Übergewicht und Fettleibigkeit weltweit so stark zugenommen, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer Pandemie spricht.

Da die Umstellung von Ess- und Bewegungsverhalten, die einzigen wirksamen nicht-invasiven Behandlungsmethoden, stark von der Motivation und der Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen abhängen, wird weltweit intensiv nach Wirkstoffen zur Behandlung der Adipositas gesucht. Trotz dieser immensen Forschungsbemühungen gibt es aber immer noch keine entsprechende Dauermedikation. Um die Entwicklung von Therapieoptionen für die langfristige Behandlung der Adipositas voranzutreiben, müssen die zugrundeliegenden genetischen und biochemischen Grundlagen, die zur Entwicklung der Fettleibigkeit beitragen, besser verstanden werden.

Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Thomas Walther am Excellence Cluster Cardio-Pulmonary System an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) konnte in Zusammenarbeit mit Dr. Wolf Siems vom FMP in Berlin-Buch in einer gerade veröffentlichten Arbeit zeigen, dass das Enzym Neprilysin (auch Neutrale Endopeptidase oder NEP genannt) eine herausragende Rolle in der Regulation der Nahrungsaufnahme und Fetteinlagerung spielt.

Die beteiligten Forscher beobachteten bei Mäusen, denen die NEP komplett fehlt (Knockout-Mäuse), eine erhöhte Nahrungsaufnahme und einen exzessiven Anstieg des Körpergewichtes in Folge von massiven Fetteinlagerungen. Diese adipösen Mäuse zeigen genau wie viele fettleibige Menschen Störungen im Fett- und Zuckerwechsel und eine stark verschlechterte Glukosetoleranz. Sowohl die Stoffwechselstörungen als auch der Anstieg im Körpergewicht konnten auch in normalen Labormäusen beobachtet werden, denen der synthetische NEP-Hemmer Candoxatril ins Trinkwasser gegeben wurde. In einem Krankheitsmodell, der Kachexie, bei dem nicht die Gewichtsreduktion, sondern der verlangsamte Gewichtsverlust das Ziel der Behandlung ist, konnte die Gabe von Candoxatril den rapiden und oft tödlichen Gewichtsverlust verzögern. Da Candoxatril nicht die Blut-Hirn-Schranke passieren und somit nur in der Peripherie wirken kann, scheint die periphere NEP und nicht die im zentralen Nervensystem (Gehirn) vorhandene entscheidend für diese Prozesse zu sein.

Aus diesen Ergebnissen kann geschlossen werden, dass die genetische und pharmakologische Inaktivierung der NEP zu einem Anstieg der Körperfettmenge führt. Das von Prof. Walther beschriebene Adipositasmodell ist ein neuartiger Ansatzpunkt zur Untersuchung der molekularen Mechanismen, die zur Entstehung und zum Voranschreiten der Adipositas beitragen. Darüber hinaus eignet es sich auch zur Entwicklung neuer Diagnose- und Therapieansätze für die Fettleibigkeit. Dementsprechend ist es das Ziel seiner weiterführenden Forschungsarbeiten, Wege zu identifizieren, wie man pharmakologisch die NEP-Aktivität erhöhen kann, um damit eine langfristige Reduktion des Körpergewichtes zu erreichen.

Originalpublikation:
New function for an old enzyme: NEP deficient mice develop late-onset human obesity
Becker M. et al.; PloS One
(2010)

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Selbstst. Apothekerin

Der Mensch ist was er isst

#4 |
  0
Ärztin

leider werden zahlreiche Übergewichtige nur zu gern sich selbst verantwortlichkeit und handlungsfähigkeit absprechen, und auf dieses oder jenes (angeblich) fehlerhafte enzym verweisen. was für eine begehrenswerte tablette, die schlanksein erlaubt, ohne bequemlichkeit und inkonsequenz einhalt gebieten zu müssen.

wobei es mir dabei nicht um tatsächlich psychisch schwer erkrankte eßsüchtige geht.

#3 |
  0

Zu einem Anstieg der Körperfettmenge kann es ja nur kommen,wenn vermehrt Fett bzw.KH aufgenommen werden.
Warum waren denn die meisten Menschen vor 50 Jahren in den
Industrie( bzw.Wohlstands-)Ländern noch schlank ?
Die o.g. Untersuchung kann nur zutreffen,wenn man den
Probanden (Tieren) Fressen ad libitum hinstellt.
Außerdem ,um welches Fett handelt es sich denn, um
das omentöse Bauchfett,oder um das gyn.Verteilungsmuster
nach Rubens(das ja nicht schädlich ist) ?

#2 |
  0

Natürlich ist es ein hoffnungsvoller Ansatz, wenn durch NEP-Aktivierung eine wirkungsvolle Adipositasbehandlung bzw. -prophylaxe gelänge. Das ändert aber rein gar nichts an der Tatsache, dass sich am Ernährungs- und Bewegungsverhalten des Jetztmenschen in den modernen Industrienationen Grundlegendes ändern muss. Allein mit der medikamentösen Aktivierung eines einzelnen Enzyms ist es sicher nicht getan.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: