Medizin-Grundstudium: Lösch den Brand

1. Juli 2015
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Sehr viele Medizinstudierende zeigen schon im Grundstudium Symptome von stressbedingten Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Das belegen aktuelle Studien, deren Autoren empfehlen, frühzeitig mit Entspannungstechniken gegenzusteuern.

„Uns ist aufgefallen, dass unsere Studierenden in Sprechstunden mit ihren Dozenten über die Jahre mehr und mehr von Stress und Prüfungsangst berichteten“, sagen die Leiter der Studie, Prof. Dr. Michael Scholz vom Institut für Anatomie der FAU und Dr. Pascal Burger von der psychiatrischen und psychotherapeutischen Spezialklinik Meissenberg im schweizerischen Zug. Deshalb haben die FAU-Forscher in ihrer Studie mehrere Jahrgänge von Medizinstudierenden vom Start an der Universität bis zum ersten Staatsexamen am Ende des vierten Semesters untersucht. Dazu haben die Studierenden Fragebögen zu verschiedenen Aspekten ihrer mentalen Befindlichkeit ausgefüllt, die anschließend wissenschaftlich ausgewertet wurden.

Das Ergebnis: Zu Beginn des Studiums entspricht der Gesundheitszustand der angehenden Mediziner dem der Normalbevölkerung. Mit steigender Semesterzahl nehmen jedoch Depressivität, Ängstlichkeit und Burnout-Beschwerden deutlich zu. Am Ende des zweiten Studienjahres war die Zahl der zumindest leicht depressiven Studierenden fast doppelt so hoch wie bei den Studienanfängern. Gleichzeitig waren immer weniger Studierende in der Lage, Abstand zu den Belastungen des Studiums zu gewinnen, lernten zum Beispiel Tage und Wochen am Stück ohne große Pausen, und liefen dadurch vermehrt Gefahr auszubrennen. Je ausgeprägter dieses Lernverhalten war, desto ausgeprägter waren Stresssymptome der Studierenden.

Die Schlussfolgerung der Erlanger Forscher: „Wer angehenden Ärzten beibringt, die Gesundheit von Patienten zu steuern, muss ihnen auch beibringen, den eigenen Stress zu managen.“ Schließlich müssen sich Mediziner bereits von Anfang an im Studium und auch später im Beruf großen psychischen Belastungen stellen. Wie wirkungsvoll bestimmte Stressbewältigungstechniken sind, haben die FAU-Mediziner in einer weiteren Studie untersucht. Dabei erhielten Studierende im Rahmen eines Wahlfaches Einführungen in die Anwendung von Entspannungstechniken, wie zum Beispiel „Autogenes Training“ und „Progressiver Muskelentspannung“. Ziel war es, den Studierenden diese Techniken so zu lehren, dass sie sie selbstständig und regelmäßig anwenden können. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die mentale Befindlichkeit der Teilnehmer besserte sich nach Kursabschluss deutlich.

Regelmäßiges Angebot

„Obwohl an unseren Studien nur Studierende der Universität Erlangen-Nürnberg teilgenommen haben, sind unsere Ergebnisse auch auf andere Universitäten übertragbar, zumal internationale und an anderen deutschen Hochschulstandorten durchgeführte Studien durchaus vergleichbare Resultate erbrachten“, erklärt Professor Scholz. Aufgrund ihrer Ergebnisse planen die Forscher, ein Wahlfach zum Erlernen von Entspannungstechniken zur Stressbewältigung für Medizinstudierende ab dem nächsten Wintersemester regelmäßig anzubieten.

11 Wertungen (4.45 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

ein Land der Psychopathen?

#4 |
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Gast
Gast

Bei den aktuell gehäuften Artikeln über Stress, Depression und Überlastungsreaktionen frage ich mich ob ich vor 2 Jahren das gleiche Studium abgeschlossen habe. Kann mich hauptsächlich an anstrengende und lange Partynächte erinnern ;)

#3 |
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Student der Humanmedizin

Es hilft neben dem Studium, bei Stress oder Aengsten, eine psychologische Hilfe anzunehmen. Bevor der Anfangsstress zu stark wird, koenne relativiert werden.
Mir half es in Abi und Studium.

#2 |
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Maximilian Strate
Maximilian Strate

So kurz vor dem Physikum stehend kann ich dazu nur sagen, dass mir gerade ein Kurs zur besseren Stressbewältigung den letzten Nerv rauben würde, da mir dafür ehrlich gesagt die Zeit fehlt und auch nicht wüsste wo man dem im Semester auch noch unterbringen sollte.

Schön, dass es diese Studien gibt aber ich finde die Schlussfolgerung semioptimal. Wichtiger wäre es dann doch mal drüber nachzudenken ob es so viel Sinn macht die Studenten so permanent unter Druck zu setzen wenn wir später mal allen erzählen sollen wie ungesund Stress ist und wie wichtig viel Schlaf, Sport und gutes Essen ist. Ich kann von mir sagen, dass diese Dinge in meiner Vorklinik doch sehr gelitten haben. Vielleicht sollte man als Schlussfolgerung mal Mainz schreiben oder der Ärztekammer, dass sie ihr Curriculum überdenken sollten und den Universitäten mehr Spielraum zur persönlichen Ausbildung geben als immer nur Seminar und Praktika-Scheine zu fordern, die am besten jede Woche mit irgendwelchen Testaten geprüft werden müssen.
Ich kann wie gesagt nur für mich an einer Fakultät in Mitteldeutschland sprechen aber ich bin sicherlich nicht der einzige dem es in unserem wunderschönen Studiengang so geht.

#1 |
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