E-Health-Gesetz: Widerstand im weißen Kittel

3. Juli 2015
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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sieht beim Thema Medikationsmanagement derzeit vor allem Ärzte in der Pflicht, aber kaum Apotheker. Pharmazeuten laufen Sturm – und erhalten politische Rückendeckung. Selbst in der Union regt sich Widerstand.

Die Bombe ist geplatzt: Nachdem bekannt wurde, dass Hermann Gröhes Haus Apotheker beim E-Health-Gesetz kaum berücksichtigt, reißt der Protest nicht ab. Konkret sollen Apotheker weder Zugriff auf alle erforderlichen Daten bekommen noch großartige Leistungen zum Medikationsmanagement erbringen – von fehlenden Honoraren ganz zu schweigen.

Pleiten, Pech und Pannen

Möglicherweise hängt Gröhes Entscheidung, Pharmazeuten nicht stärker zu involvieren, auch mit der umstrittenen Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) zusammen: ein Prestigeprojekt der Apothekerschaft. Zu Projektbeginn zeigten Ärzte wenig Interesse; die Einschreibungsphase verlief dementsprechend zäh. Erste Tests des Medikationsmanagements laufen seit Frühjahr, jedoch ohne EDV-Unterstützung. Jetzt drohen weitere Verzögerungen. Mitte des Jahres soll der Medi-Server im KV-Safenet produktiv laufen. Frühestens ab Herbst werden Hardware und Software verfügbar sein, um Prozesse digital abzubilden. Dann folgen Computerprogramme für Heilberufler. Während Hersteller von Apothekensoftware längst aufgerüstet haben, hinken Brancheninformationen zufolge IT-Häuser für Arztpraxen noch hinterher. Erst dann machen Tests zum Medikationsmanagement technisch Sinn.

Gegenentwurf aus Berlin

Für das E-Health-Gesetz bleiben jetzt nur noch politische Interventionen. Mittlerweile hat die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände eine aus ihrer Sicht korrigierte Fassung veröffentlicht. „Zahlreiche Studien haben belegt, dass zwischen den Informationen zu den angewendeten Arzneimitteltherapien aus Arztpraxen, Apotheken und durch Patienten selbst erhebliche Differenzen bestehen“, heißt es im Dokument. „Keine der Datenquellen ist ausreichend zuverlässig, um alleine zur Erstellung eines Medikationsplans verwendet werden zu können.“ Standesvertreter schlagen vor, unter anderem den Paragraphen 31a SGB V folgendermaßen umzuschreiben: Zu Beginn wird nach dem Passus „(…) durch einen an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Arzt“ eingefügt: „oder die vom Versicherten gewählte Apotheke.“

Heilberufler beider Berufsgruppen wären dann verpflichtet, für die Aktualität aller Daten zu sorgen. Neben der Bundesärztekammer nennen ABDA-Experten die Bundesapothekerkammer als entscheidendes Gremium, etwa bei Fragen zur Zusammenarbeit oder bei Qualitätsanforderungen. Bleibt noch ein entscheidender Aspekt: Im Gesetzesentwurf fehlen Hinweise auf Medikationsanalysen, ohne die Medikationspläne wenig Sinn machen. Ein Vorschlag in Richtung Berlin: „Die Inhalte und die Fragen der Vergütung für die umfassende Erfassung und Dokumentation der Arzneimittel sowie die Erstellung der Analyse sind in einer gesonderten Vereinbarung zwischen dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen, der für die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Interessen gebildeten maßgeblichen Spitzenorganisation der Apotheker auf Bundesebene und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bis zum 30. April 2016 zu vereinbaren.“ Ganz unrealistisch sind entsprechende Forderungen nicht.

Kritik auf breiter Front

Jens Spahn, gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist von der Notwendigkeit eines E-Health-Gesetzes generell überzeugt. Der Christdemokrat fordert dennoch Nachbesserungen. Medikationspläne in ausgedruckter Form hält er für nicht zeitgemäß, verweist aber gleichzeitig auf fehlende IT-Infrastrukturen – ein zentraler Punkt in Gröhes Entwurf. Trotzdem will Spahn, falls möglich, mit digitalen Lösungen an den Start gehen. Inhaltlich sollten Apotheker stärker beteiligt werden. Beim Honorar bleibt der Gesundheitspolitiker aber recht unverbindlich. Ärzte hätten primär den höheren Aufwand; bei Apothekern gebe es das Argument, dass ihre Beratung sogar erleichtert werde.

Ein Silberstreif am Horizont: Spahns Erfahrung nach verlässt kein Gesetz ohne Änderungen den Bundestag – die Chance, nachzubessern. Mit seinen Ansichten ist der Christdemokrat keineswegs allein auf weiter Flur. Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) hält Medikationspläne für wichtig, um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen. Deshalb stellt sie sich hinter Forderungen der Apothekerschaft. Rundt will sich in der Gesundheitsministerkonferenz der Länder für Änderungen stark machen.

Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsens, zufolge könne ein Medikationsplan ohne pharmazeutische Expertise nur schief gehen. Hausärzte wüssten weder, welche Präparate andere Fachärzte verordneten, noch, welche OTCs Patienten einnähmen. Beim Niedersächsischen Apothekertag berichtete Linz, Nordrhein-Westfalen plane einen Änderungsantrag zum E-Health-Gesetz – auf Basis des ABDA-Papiers. Delegierte der Apothekerkammer Berlin sprachen sich ebenfalls dafür aus, dass Patienten wählen können, ob ihr Apotheker oder ihr Arzt einen Medikationsplan ausstellt. Der Druck, Änderungen in das laufende Gesetzgebungsverfahren einzubringen, wird immer größer.

16 Wertungen (4.69 ø)

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6 Kommentare:

Gast
Gast

welche “Rolle” hatten Sie sich denn bei der Medikation gedacht?

das was ich in meinem studium über 2 semester gelernt habe (medikationsmanagement – ist bei uns 70% der klinischen Pharmazie gewesen)
außerdem PHarmakologie über 2 semester und Chemische Pharmazie über 3-4 semester (vergleiche sie bitte jeztzt den lerninhalt eines arzt, was er gelernt hat um einen medikationsplan fachgerecht anzufertigen ?)

warum lerne ich das alles im studium, wenn ich nichts davon verwenden DARF ?

ich glaube der herr CDU politiker hat keinen plan, was ein pharmazeut nach 5 jahren und 3 staatsexamen drauf hat… (ich rede net von den alten apothekern die nicht mal klinische pharmazie hatten)

also auf ihre frage- was ich mir vorstelle als apotheker ? ich will meinem wissensstand entsprechend Rechte bekommen und einen entsprechende vergütung für diese dienste.

mfg student pharmazie 8 semester

#6 |
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Gast
Gast

keine Antwort auf Frage #2?

#5 |
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es geht doch nur zusammen..

#4 |
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Gast
Gast

@ #1 Carsten Pötter

Apotheker sind desshalb kaum/gar nicht vorgesehen, weil wohl einige Lobbyverbände bestimmte Ziele verfolgen.

Das Kippen des Fremdbesitzverbots und die Etablierung von Apothekenketten.

Das sind die großen Ziele vieler Lobbyisten, und Apotheker verursachen mit “Service-Leistungen” einfach zu hohe Kosten. Bedanken Sie sich bei der ABDA, ihrer Lobby.

#3 |
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Gast
Gast

hallo Herr @Apotheker Carsten Pötter, und Ärzte-Kritiker
@Michael van den Heuvel
welche “Rolle” hatten Sie sich denn bei der Medikation gedacht?

#2 |
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Wem nützt das elektronische Krankheitsgesetz, wenn bei der Medikation die Apotheker außen vor bleiben SOLLEN?? Wann fangen die Kasten-Oberen an zu denken?

Mit erstaunten Grüßen

Carsten Pötter

#1 |
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